d Gryysel am Drummeli
d Gryysel am Drummeli
  • Christian Platz (Text und Bild)
  • Aktualisiert am

«Ei du scheene Schnitzelbangg» – jä wiirgglig?

Am diesjährigen Drummeli tritt der Bangg «d Gryysel» auf. Diese Formation provoziert gerne, fröhlich und recht gekonnt, mit Worten, mit Metaphern, die aus jener feuchten Zone unter der Gürtellinie hervorkriechen, die immer gerne Aufregung schafft. Das ist auf der heutigen Basler Schnitzelbangg-Szene eher ungewöhnlich. Wenn man sich allerdings mit der Geschichte der Schnitzelbänggler und Bänkelsänger beschäftigt, muss man «de Gryysel» höchstes Niveau attestieren. 

Lustvoll bauen «d Gryysel» Worte wie Pfyffli und Fudi in ihre Verse ein und bringen sexuelle Anspielungen à discrétion auf den Tisch. Im Rahmen der Basler Fasnacht war dies lange Zeit eher verpönt. Ganz im Gegenteil zu katholischen Karnevals-Bräuchen, etwa jenem von Rio oder dem Mardi Gras in New Orleans, bleibt der (metaphorische) Hosenladen an der protestantischen Basler Fasnacht in der Regel sorgsam verschlossen.

Hüpfende Brüste 

Auch hüpfende Brüste und wackelnde Ärsche sind hier nicht gerade weit oben auf der Sujet-Hitliste. Leider, sagen die einen, zum Glück, meinen die anderen – und objektiv kann man sagen, dass es an den drey scheenschte Dääg für solcherlei Frivolitäten in der Regel auch ein bisschen zu kalt ist. Immer wieder wird an diesem ungeschriebenen Gesetz gekratzt, besonders auf Laternen oder im Rahmen von Zuggestaltungen. Doch Schnitzelbängg und Zeedeldichter halten sich diesbezüglich eher zurück. Deshalb treffen «d Gryysel» einen Nerv. Historisch betrachtet liegen sie damit allerdings richtig.

Sex und Gewalt 

Die Bänkel- und Moritatensänger spielen in der europäischen Geschichte eine wichtige Rolle. Vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein waren sie überall anzutreffen. Sie gehörten zum fahrenden Volk, trugen in ihren Versen Nachrichten weiter, doch in erste Linie wollten sie das Volk unterhalten. Und dabei haben Sex und Gewalt schon damals eine wichtige Rolle gespielt. Und weil die Kirche in jener Zeit alles überwacht hat, kamen die saftigeren Verse gerne im Gewand der Entrüstung daher.

Genüsslich und ausführlich  

Die Sänger entsetzen sich über einen schrecklichen Sittenstrolch, schilderten dessen Taten aber genüsslich und ausführlich, besonders die unanständigen und blutigen Details, genau wie es die Boulevard-Medien unserer Zeit zu tun pflegen. Nur verpackten die Sänger ihre Histörchen in Reime und zeigten Helgen dazu, als Blickfang für das Publikum. Überhaupt wimmelt es im alten europäischen Liedgut von saftigen erotischen Texten. In diesem Sinne sind «d Gryysel» in bester Gesellschaft – und sogar eher auf der zahmen Seite unterwegs.

Doch wie sind diese gereimten Gesänge, die in wenigen Sätzen Geschichten umreissen, um die ganze Chose dann mit einer Pointe zu garnieren, an die Basler Fasnacht gekommen? Ganz einfach: Die alte Bänkelsänger-Tradition wurde vielerorts karnevalisiert.

Keine Basler Exklusivität 

Das ist überhaupt keine Basler Exklusivität, diese Spottverse sind durchaus auch Teil der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Der Name des Schnitzelbangg-Genres geht übrigens auf eine besondere Werkbank zurück, die in Küferwerkstätten zu finden ist, sie dient dazu, die Holzdauben zu schnitzen, die man bei der Fassherstellung braucht. Warum der Name dieser Bank allerdings auf eine Liederform übertragen wurde, weiss man bis heute nicht genau. Eine These besagt, dass die Küfer am Abend, leicht angetrunken, an der Werkband Verse komponiert hätten. Und die wären wohl eher nicht salonfähig gewesen...

1830 an die Fasnacht gekommen 

Der Schnitzelbangg ist jedenfalls in den 1830-iger Jahren an die Basler Fasnacht gekommen. Professor Fritz Burckhardt (1830 – 1913), Basler Gymnasialdirektor, Humanist und Lokalpolitiker, gibt in seinen Jugenderinnerungen einige dieser Urschnitzelbängg wieder. Heute wird ja viel und gerne über das Niveau unserer Bängg diskutiert, das dann immer eilig und – in fasnächtlich-kritischem Feuereifer – als viel zu tief taxiert wird. Wenn man einen Vers liest, den Fitz Burckhardt aufgezeichnet hat, relativiert sich dies allerdings ganz schnell; voilà:

«Isch das nit e Spaaledoor?

Jo, das isch e-n-Eselsohr.

Eselsohr,

Spaaledoor.

Ei du schöner, ei du schöner,

Ei du schöner Schnitzelbangg.»

Der grosse Basler Dialektdichter Theobald Baerwart (1879 – 1942) zitierte in einem Aufsatz, den er Mitte der 1940-iger Jahre verfasste, Schnitzelbängg, die er um die Jahrhundertwende gehört hatte; bittschön:

 «Isch das nit e Wurzegraber?

Und das Ressli sticht dr Haber.

Sticht dr Haber,

Wurzegraber,

Gruutsalat,

Samschtigsblatt,

Zittergrangg,

Schnitzelbangg.

Ei du schöner, ei du schöner,

Ei du schöner Schnitzelbangg.»

Sehr enge Form 

Wir sehen also, die alte Form der Bängg war sehr eng, zunächst kam ein Zweizeiler, der eine aktuelle Anspielung enthielt, dann ein ausgedehnter Refrain, der aus einzelnen Worten und der Schlussformel «Ei du schöner Schnitzelbangg» bestand. Von ausziselierter Dialektlyrik oder feinen Pointen kann keine Rede sein. Weil es nicht gerade einfach war, mit nur zwei Zeilen witzig zu sein, wurden die Bängg dann verlängert. Hier ein Beispiel aus dem frühen 20. Jahrhundert, der Vers handelt von einem Bändelifabrikanten, der in den Konkurs gegangen ist:

 «Dr Fritzli ka’s Blagiere

Und s’ Spettle jetz lo sy;

Mit Bändelfabriziere

Isch fertig und verby

Är isch jetz – hol’s dr Deyfel! –

E-n-armi, armi Sau.

Und ka go Wasser suffe

Wie andri au.»

Prügelandrohungen 

Hohes Niveau? Fehlanzeige. Pure Beschimpfung hat damals gereicht. Und das obige Beispiel ist noch harmlos. Denn bis in die 1920-iger Jahre hinein, war der Schnitzelbangg ein wildes, wüstes Metier, dessen Publikum das besoffene Volk in den Vorstadtbeizen und den Knillen des minderen Basel war. Dort wurden Verse geboten, in denen sich Gassenvokabular, wüste Beschimpfungen sowie allerlei detaillierte Beschreibungen von Sexualpraktiken tummelten, komplett mit sämtlichen vulgären Worten, die dabei so in Frage kommen. Dieses Register wurde auch von den Helgen bedient. Nach ihren Darbietungen verlangten die Gruppen dann Geld von den Gästen – und zwar richtig aggressiv, manchmal sogar unter Prügelandrohung.

Immer unflätiger

Die Szene wurde daher von der Polizei intensiv beobachtet, die Sänger wurden öfter mal verhaftet, auf einen Polizeiposten geschleppt, die Helgen wurden konfisziert, die Verse zensiert und die ganze Truppe gebüsst. Weil man mit diesen Schnitzelbängg während der Fasnacht gut Geld machen konnte, schossen die Gruppen wie Pilze aus dem Boden. Dabei wurden die Verse immer unflätiger und pornographischer, da dies bei der besoffenen Beizen-Kundschaft halt auf grosse Gegenliebe stiess.

Polizei überfordert

Die Polizei war mit der Zeit überfordert, sie gab sich zwar Mühe, die Innerstadt vor dem Unflat der Schnitzelbänggler zu schützen, doch für die Vorstädte reichte das Personal einfach nicht aus. Deshalb wurde 1920 das Schnitzelbank-Comité ins Leben gerufen, in seinen Anfängen eine Art Behörde für den Qualitätsschutz, die mit einer Lizenz zur Zensur ausgestattet war. Und diese Massnahme hat gegriffen. Zunächst allerdings nur in der Innerstadt, in den Vorstädten hat die grobe und urchige Variante länger überlebt – und ihre Nachfahren sind wohl die wilde Bängg, die heute die Cliquenkeller unsicher machen. In den 1930-iger Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg, der ja eine fasnachtsfreie Zeit war, änderte sich das Niveau der Verse; ein Beispiel aus den späten 1930-iger Jahren:

 «Es haig sich Schimmel bildet an de Bundesbrief;

s’ isch in dr Zytig gsi, so ebbis riehrt aim dief!

Mir hän is hamilig gsait und hän is gwiss nir g’irrt:

Au z’Bärn blybt mänge hogge, bis er schimmlig wird»

 Oder:

 «Unsere Frangge blybt e Frangge

Und unseri Butter, die blybt Angge,

Und e Wildsau, die blybt halt es Sau,

Und dr Bundesroot blybt laider au.»

Volkskunstform 

Damals brachen die Schnitzelbängg also auf, zu den Gestaden, an denen sie heute noch heimisch sind. Erst in den 1960-iger und 70-iger Jahren entwickelten sie sich zur Volkskunstform, welche wir heute kennen. Und es entstanden zeitlose Verse, wie etwa jener, den s Stachelbeeri 1974 über den Kinoreisser «The Exorcist» gesungen hat:

 «Syt em Film vom Exerzischt

Jä, wisse sy, das isch es Mischt

Waiss ych nümm, wenn dr Maage knurrt

Hani Hunger oder wot dr Deyfel furt.»

Bürgerlich wohlanständig

So macht man das. Seither ist schon viel Wasser den Rhein hinabgeflossen und das Niveau der Bängg hat sich im Wesentlichen Richtung bürgerlich-wohlanständig eingemittet. Deshalb sind heutzutage die schlimmsten Verse halt jene, die uns mit braver, blasser Gefälligkeit langweilen – und leider gibt es solche Bängg wie Sand am Meer, respektive Räppli uf em Trottoir. Deshalb ist es prima, dass Formationen existieren, die diese Szene wieder aufmischen, wie es etwa «d Gryysel» tun.

Sie dürften sogar durchaus noch ein bisschen unanständiger sein. Derber als d Rueche, die in den Quartierbeizen des späten 19. Jahrhunderts gesungen haben, können sie es gar nicht bringen.

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