Alle Bilder in diesem Artikel stammen aus dem vergriffenen Buch «D' Basler Fasnacht», erschienen 1946 in der «Editions-Comité»
Alle Bilder in diesem Artikel stammen aus dem vergriffenen Buch «D' Basler Fasnacht», erschienen 1946 in der «Editions-Comité»
  • Christian Platz
  • Aktualisiert am

Vor de Blaggedde: Basler Fas(t)nachtsaktien finanzierten Umzüge

«Basler Fastnacht 6. – 8. März 1911», das stand auf der ersten Blaggedde, die das Comité veröffentlichte. Vorher wurden allerlei andere Methoden ausprobiert, um Fasnachts-Umzüge zu finanzieren, darunter Lotterien, Bettelaktionen und der Verkauf von Fasnachtsaktien.

Wir alle wissen es, in Basel heisst jenes heissgeliebte, unvergleichliche Phänomen Fasnacht. Wer hier Fastnacht sagt, stellt sich in den Senkel. Wer es Karneval nennt, wird fast schon so behandelt, wie ein Mensch, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Und die meisten Leute am Rheinknie vermuten, dass dies schon seit ewigen Zeiten so gewesen sei. Weit gefehlt.

Fasnacht, ohne «t», ab 1925

1906 wurde am Rheinknie die erste Version des Fastnachts-Comité gegründet, aus Vertretern der Vereine «Quodlibet» und Wurzengraber. Bereits 1910 musste sich ein neues Comité formieren, bestehen aus Cliquenvertretern, weil das erste Comité bei vielen Cliquen keine Akzeptanz gefunden hatte. 1911 erschien dann die erste Blaggedde, als Instrument zur Fasnachtsfinanzierung. Und auch auf diesem geprägten Stück stand es deutlich «Basler Fastnacht 6. – 8. März 1911». Bis 1924 stand «Fastnacht» auf den Blaggedde.

Erst ab 1925 wurde das Wort ohne jenes «t» in der Mitte geschrieben, auf jener berühmten Blaggedde, die Alfred Seiler gestaltet hatte, deren Motiv «dr Baselstab mit dr Drummle» war.

Subtiles Regelwerk

Noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Aufsätze von Basler Koryphäen über die drey scheenschte Dääg, die den Brauch als «Fastnacht» bezeichneten. Danach verschwand der ungeliebte Buchstabe endgültig. Denn die Fasnacht, wie wir sie heute kennen, mit ihrem gesamten subtilen Regelwerk, ihren ungeschriebenen Gesetzen, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wenige Pfeifer und Trommler

Natürlich gab es sie schon vorher, doch die Strassenumzüge, wie man den Cortège früher nannte, erhielten das Gepräge, wie wir es heute kennen, erst langsam im frühen 20. Jahrhundert. Wobei die Cliquen damals mit viel weniger Pfeifern und Trommlern auskommen mussten. Denn erst die Kurse, welche das Comité in den 1930-iger Jahren mit grossem Engagement aufzog, sorgten dafür, dass richtig viele Basler die beiden Instrumente beherrschten, die im Zentrum unserer Fasnachtsmusik stehen. Wobei das Marschrepertoire damals, verglichen mit heute, noch äusserst schmal war. Das Trommeln hatte in unserer Stadt ab dem 16. Jahrhundert eine spezielle Bedeutung, die Piccolos kamen erst im frühen 19. Jahrhundert dazu, beide im militärischen, zünftigen und im Miliz-Kontext.

Basler Fasnacht 1856.

Spottschrift vom Henker verbrannt

Dieser Kontext, das Pfeifen und Trommeln der Stadtgarde, der Zunftspiele, der Milizen und Ehrengesellschaften, hat die Fasnacht in unserer Stadt gerettet. Man darf nämlich nie vergessen, dass die weltliche und die geistliche Obrigkeit immer wieder versucht hatten, diesen Brauch zu verbieten. Bis 1831 wurden politische Inhalte an der Fasnacht nicht geduldet, sie unterlag strenger politischer Zensur. 1738 wurde ein politisches Spott-Pamphlet, das zur Fasnachtszeit erschienen war, auf dem Markplatz öffentlich vom Henker der Stadt verbrannt, die Verfasser mussten aus Basel fliehen, der Stadtrat setzte ein Kopfgeld von tausend Pfund für ihre Ergreifung aus.

Verbrannter Ochsenkopf

Die erste Fasnacht mit politischem Einschlag fand 1803 statt. Verspottet wurde dabei der Jurist, Politiker und überzeugte Humanist Peter Ochs (1752 – 1821), den man in Basel damals – zu Unrecht – hasste. Eine Gruppe Maskierter verbrannte während der Fasnacht auf dem Petersplatz einen Ochsenkopf unter Fanfarenklängen und Trommelwirbeln und beerdigte anschliessend die Asche. Die Obrigkeit liess die Gruppe gewähren. Und setzte damit ein Signal. Von nun an durften die drey scheenschte Dääg, vorsichtig, politisch sein.

Schnitzelbangg-Formation ins Zuchthaus

Wobei noch im Jahr 1852 – also 21 Jahre nach der offiziellen Aufhebung der amtlichen Fasnachtszensur – eine Schnitzelbangg-Formation vier Wochen ins Zuchthaus musste, weil sie ein Spottgedicht (auf Hochdeutsch übrigens) gesungen hatten, in dem sie Louis Napoleon, den nachmaligen zweiten Kaiser Frankreichs, mit einem Affen verglichen: «Ein Affe ist ein komisch’ Tier/Und gleichet einem Menschen schier/Steckt er sich in die Uniform/Gleicht er dem grossen Mann enorm...»

1866

Prinz Karneval an der Spitze   

Ab den 1840-iger Jahren gab es in Basel Jahr für Jahr einen grossen Fasnachstumzug, meistens am Rosenmontag, organisiert vom «Quodlibet», einem Comité, das auch Maskenbälle veranstaltete. Im Rahmen dieser Umzüge war von Narren und Carneval die Rede – und oft ritt auch ein Prinz Karneval an der Spitze. Da gab es Reiter, Wagen mit prachtvollen Aufbauten, schöne Frauen, exotische Aufmärsche, oft marschierten Trommler mit, in Uniformen. Diese Umzüge waren Vorgänger der Cortèges unserer Tage. 1853 war dabei ein besonders denkwürdiger Jahrgang.

«Dreck am Stecken»

Ein Umzug, bestehend aus 500 Personen und 50 Wagen, widmete sich ausschliesslich Schweizerischen Themen. Dazu gab es eine Broschüre mit 93 Seiten, die – wieder hochdeutsche – Verse zum Sujet verbreitete; zum Beispiel: «Luzern halt deine Leuchte rein/Von allen schmutzigen Flecken/Denn nichts für ungut, deine Partei’n/Haben beide Dreck am Stecken...»

1878.

  

Nicht lupenrein

In den 1840-iger und 1850-iger Jahren begannen die Protagonisten der Basler Fastnacht damit, für ihre Aktivitäten Geld zu sammeln. Die primitivste Methode war das Betteln, sie zogen von Haustür zu Haustür, von Beiz zu Beiz, um für ihre Aufmärsche Geld zu sammeln. Dann kam die Idee mit den Lotterien auf, Lotterie-Lose wurden verkauft – und dann kamen die Fastnachtsaktien. Dies ganzen Sammelaktivitäten waren der Obrigkeit immer suspekt, zumal diese teilweise nicht gerade lupenrein abliefen und manchmal ausserordentlich aggressiv betrieben wurden.

Comité als Zahlmeister

Deshalb war die Stadt sehr erleichtert, als das Fasnachts-Comité die Rolle des «Zahlmeisters» der drey scheenschte Dääg übernahm. Und als 1911 die Blaggedde dazu kam, war das Sammelinstrument für die Zukunft geschaffen. Übrigens, die Cliquen, wie wir sie heute kennen, sind ein Kind der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die VKB, die am längsten existierende Clique der Basler Fasnacht, wurde 1884 aus der Taufe gehoben, die Breo 1896, die Lälli 1902 und der Barbara Club, der seine Ursprünge im Artillerie-Verband Basel-Stadt (die Heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Kanoniere), ebenfalls 1902.

Langsam entwickelt

So ist Basel zu seiner Fasnacht mit ihrem komplexen Regelwerk und ihrem lokalpatriotischen Gewicht gekommen. Sie war nicht einfach plötzlich da, sondern hat sich in Laufe der Jahrhunderte langsam zu dem unvergleichlichen Phänomen entwickelt, das sie heute darstellt. 

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