Bild: Keystone / Baloise
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  • Christine Staehelin
  • Aktualisiert am

Alt-Grossratspräsident Andreas Burckhardt «Es fand eine Polarisierung und Polemisierung statt»

Andreas Burckhardt ist Verwaltungsratspräsident der Basler Versicherungen und war während fünfzehn Jahren im Grossen Rat als Politiker tätig, davon ein Jahr als Grossratspräsident. Mit barfi.ch sprach der Basler über die Entwicklungen im Parlament, den Baloise Park und wie der moderne Arbeitsplatz aussieht. 

   

Barfi.ch: Andreas Burckhardt, von 1997 bis 2011 vertraten Sie die LDP im Grossen Rat und waren im Jahr 2006 Grossratspräsident. Am Mittwoch fand die Bündeli-Tagssitzung statt. Wie haben Sie die letzten Sitzungen vor den Sommerferien in Erinnerung?

Die Bündelitags-Sitzung war jeweils intensiv. Es war jene Sitzung mit der Rechnung- und Prüfungsberichtsabnahme. Es herrschte oft Aufbruchsstimmung, denn während sechs Wochen politisierte man nicht.  

Als Grossratspräsident waren Sie oberster Basler. Woran erinnern Sie sich gerne zurück?

Ich war in jenem Jahr an 252 Anlässen. Manchmal mit wenigen Leuten und manchmal mit bis zu 400 Leuten. Ich hatte mit vielen Menschen Kontakt, das war toll. Es war politisch gesehen jenes Jahr, das mir am meisten Freude gebracht. Es gibt auch witzige Episoden. Eine davon geschah am Baselbieter Gesangsfest in Hölstein. Zum Essen gab es eine Coupe Dänemark. Die gesamte Schokolade lief jedoch über meine weissen Hosen. Das führte dazu, dass ich nach Hause (in Basel-Stadt) musste, neue weisse Hosen anzog und dann wieder zurück nach Hölstein fuhr.

Seit Ihrem Grossratspräsidium liegen zwölf Jahre zurück. Welche Entwicklung erlebte das Präsidium in den vergangenen zwölf Jahren Ihrer Meinung nach?

Die Bedeutung hat sich geändert. Als Grossratspräsident oder -präsidentin war man oberster Vertreter des Kantons. Das führte dazu, dass man sich entsprechend benommen hat. Man hatte die Aufgabe, das Parlament zu leiten und es gegenüber der Regierung zu vertreten. Das verlangte eine gewisse Selbstständigkeit und die Fähigkeit zu verhandeln und zu repräsentieren. Heute gibt es das Grossrats-Sekretariat, das viele Aufgaben übernimmt. Ich finde, dass es damit weniger anspruchsvoll geworden ist, Grossratspräsident zu sein. 

Worin hat sich die Politik in Basel in den vergangenen Jahren wesentlich verändert? 

Ich habe den Eindruck, dass die Grossrats-Debatte viel mehr innerhalb der Parteigrenzen und weniger nach Überzeugungen der einzelnen Grossräte geführt wird. Mich dünkt auch, dass der Respekt voreinander zurückgegangen ist. Man akzeptiert weniger, dass der andere für etwas, seiner Meinung nach, Gutes eintritt. Die Debatten werden polarisierter und polemischer geführt. 

Gehört zu dieser Entwicklung auch das «Schwänzen» von Grossratsdebatten?

Fehlende Grossräte waren schon immer ein Thema. Während man die Abstimmung nicht verpassen durfte, musste man bei der Debatte nicht anwesend sein. Ich ging während meiner Zeit als Grossrat oft zurück ins Büro der Handelskammer. Von dort aus konnte ich auch in die Debatte reinhören. Bei Beginn der Schlussansprachen fuhr ich mit der Vespa zum Staatsarchiv und kam rechtzeitig in den Grossratssaal zurück. Ganz früher gab es gar Gruppen, die während der Debatte auf ein Bier in eine Baiz gingen. Damals rannten Kollegen in das Restaurant, um die Parteikollegen für die Abstimmung zu holen. Geschwänzt wurde schon immer. Aber heute nimmt man sich gegenseitig nicht mehr unbedingt ernst. Man hört sich leider weniger zu.

Die Ablenkung ist heutzutage auch grösser. Smartphone und Laptops gehören dazu. Erlaubten Sie als Grossratspräsident deren Nutzung?

Als Grossratspräsident sagte ich, dass ich keine Laptops im Saal möchte. Damals gab es aber auch noch keine elektronische Abstimmungsanlage. Heute ist es anders. Ein Verbot würde nicht mehr funktionieren. Im Moment, in dem der Laptop auf dem Tisch aufgeklappt wird, beginnt man jedoch, sich damit zu beschäftigen und hört nicht mehr zu. Während früher beim Zuhören allenfalls Zeichnungen und Kritzeleien entstanden, schreibt man heute Mails. Auch in der Privatwirtschaft sehe ich diese Entwicklung. Es gibt Leute an Sitzungen, die den Anschein erwecken, dass sie am Laptop Aktien studieren. Dabei lesen sie die Zeitung. 

Was waren die Gründe für Ihr Laptop-Verbot speziell im Grossen Rat?

Ich wollte keine Laptops im Grossrats-Saal, weil das Parlament ein Ort ist, wo man miteinander redet und sich austauscht. Mit den Laptops wird eine rege Diskussion unterbunden. Aber dies ist vielleicht eine antiquierte Auffassung.

Umgekehrt ist es mit dem Rauchen, früher erlaubt, heute fast überall verboten. Sogar im Bahnhof. 

Im Grossrats-Saal war das Rauchen immer verboten. Erlaubt war es hingegen in der Garderobe und im Vorzimmer. Doch auch dies ist mittlerweile nicht mehr so. Der Kreuzzug gegen das Rauchen geht meines Erachtens zu weit, aber eine Zigarette oder Zigarre hat in einer Grossrats-Debatte nichts zu suchen.

Und wie sieht es mit der Garderobe aus? Kleiden sich die Grossräte heute anders als früher? 

Kleidung ist immer Zeugnis von Respekt, den man dem gegenüber bezeugt. Man geht ja nicht in Badehosen oder im Schlutti (unförmiger Pullover auf Baseldeutsch, Anm. der Redaktion.) in eine Sitzung. Einerseits hat die Kleidung viel mit dem persönlichen Stil zu tun, andererseits zieht man sich aus Respekt vor dem anderen gut an. Weshalb wählen wir Anzug und Krawatte? Weil wir finden, es gehört sich so. Heute nehmen Grossräte in Freizeit- und Alltagskleidungen teil. 

In der täglichen Arbeit bei einem Online-Medium fällt auf, dass Politiker durch Mediensprecher Anfragen beantworten. Dies ist wohl auch eine neuere Entwicklung? 

Ja, die Regierungsräte haben früher ohne Mediensprecher gearbeitet. Es gab den Staatsschreiber als offizielle Ansprechstelle. Dass jedes Departement mehrere Mediensprecher beschäftigt, ist eine neue Entwicklung und ich finde sie nicht so gut. Als Chef sollte man zur Verfügung stehen. Man muss nicht alles wissen, aber man sollte Red und Antwort stehen ohne, dass es gefiltert wird. So mache ich es auch als Verwaltungsratspräsident der Baloise. Meine Kommunikationsabteilung berät mich zwar, filtert jedoch keine Aussagen. Politiker und Wirtschaftsführer sollen authentisch sein, das Einschalten von Mediensprechern verhindert das.  

Sie sind nicht nur Politiker, sondern auch Verwaltungsratspräsident der Basler Versicherungen. Momentan entsteht der Baloise Park am Aeschengraben. Wie schreiten die Bauarbeiten voran? 

Das Hochhaus ist jetzt im 16. Stock von 23. Stockwerken angelangt. Man rechnet mit etwa anderthalb Wochen pro Etage. Daneben gibt es jedoch zwei Gebäude, die noch im Fundament sind. Bis diese Gebäude aus dem Boden kommen, dauert es noch eine Weile. Der Bau dieser drei Gebäude ist eine Herausforderung.

Der Baloise Park ist ein klares Signal, dass die Baloise auf den Standort Basel setzt. Gab es vor Baubeginn noch andere Optionen?

Einmal war ich nicht weit davon entfernt, das gesamte Projekt zu stoppen. Damals standen die von uns beantragten Parkplätze im Grossen Rat trotz erfolgreicher Umweltverträglichkeitsprüfung zur Debatte. Hätten wir die Parkplätze nicht erhalten, hätte ich einen Projektierungsstopp veranlasst und überlegt, den Baloise-Sitz zu verlegen. Es gibt in der Region Möglichkeiten, in einem anderen Kanton zu sein, ohne dass es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mühsam wäre. Der Antrag kam nicht durch und wir bauen jetzt unseren Hauptsitz. Die Baloise ist eine Basler Firma, die mit einer Fusion der Basler Feuer, Basler Unfall, Basler Transport und Basler Leben im Jahr 1962 entstanden ist.

Die Neubauten werden auch einen Einfluss auf die Firmenkultur haben. Wie sieht in der Baloise der moderne Arbeitsplatz aus? 

Jedes Gebäude hat einen Einfluss auf die Kultur der Firma. Heute baut man weniger sogenannte Zellenbüros. Die Baloise hat seit 2015 das Modell Flex Office, das eine flexible Arbeitswelt fördert. 

Können Sie dies näher erläutern?

Die Idee ist, dass man sich austauscht. Man hat keinen fixen Arbeitsplatz mehr und auch die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Diese Änderungen stellen hohe Anforderungen an den Teamleiter. Man kontrolliert nicht nur die Anwesenheit, sondern fokussiert sich auf die Arbeitsresultate und das Inhaltliche. Die neue Arbeitswelt wird von den meisten Mitarbeitenden geschätzt. 

Die Digitalisierung trägt einen wesentlichen Teil am neuen Arbeitsmodell bei. Doch sie hat auch grossen Einfluss auf andere Aspekte. Welche wären das konkret bei einer Versicherung?

Früher meinte man, die Digitalisierung organisiere das Büro rationeller. Wir haben selbstverständlich auch die Büro-Automationen, die uns vorwärtsbringen. Jedoch ist auch der Vertrieb betroffen. Die Vertriebswege ändern mit dem Internet, auf dem man schnell verschiedene Versicherungsanbieter vergleichen kann. Aber auch bei der Schadenverminderung spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Dabei muss man nicht an die selbstfahrenden Autos denken. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Hausbesitzer mit Alustoren ein System installiert, das die Aluläden vor einem Hagelschlag hochzieht, ist das Schadenrisiko gemindert, was bei der Prämie berücksichtigt werden kann. 

Die junge Generation organisiert sehr viel über das Internet. Die Baloise selbst bietet auch Lösungen für unter Dreissigjährige an, die online abgeschlossen werden. Polemisch gefragt: Stirbt der Beruf des Versicherungsagenten auf Hausbesuch aus?

Es gibt andere Möglichkeiten und eine Vielzahl an unterschiedlichen Lösungen, die man sich im Internet zusammenschustern kann. Die Aussendienstmitarbeitenden, welche auf die spezifischen Bedürfnisse der Kunden eingehen, braucht es noch immer. Unsere Berater sind dabei entsprechend ausgebildet. Zum Beispiel: Wie plant man die Vorsorge, wenn man auf Weltreise gehen möchte? Den Aussendienst wird es deshalb auch in Zukunft brauchen.

Die Werte der Baloise sind «Schweizerisch, innovativ und partnerschaftlich». Gibt es auch typisch baslerische Werte?

Wir fühlen uns hier daheim. Wir gaben mit dem Baloise Park ein Bekenntnis zur Stadt ab, auch wenn sie manchmal schwierig ist (schmunzelt). Wir ermutigen unsere Mitarbeitenden, sich im gesellschaftlichen Umfeld zu engagieren. Die Baloise hat den grossen Vorteil von internationalen Mitarbeitenden aus der Region, welche als Grenzgänger bei uns arbeiten. Wir profitieren dabei von den offenen Grenzen.

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