Bilder: barfi.ch und «Verschwundenes Basel»
Bilder: barfi.ch und «Verschwundenes Basel»
  • Christine Staehelin
  • Aktualisiert am

Historiker Werner Meyer: «In Basel galt einst ein Larvenvebot. Während der Fasnacht! »

Werner Meyer ist vielen besser bekannt als «Burgenmeyer», hat er sich doch mit der Erforschung von mittelalterlichen Burgen einen weltweit berühmten Namen gemacht. Der Historiker und Experte dieser dunklen Zeit ist auch profunder Kenner der alten Basler Bräuche bis in das letzte Jahrhundert. 

Werner Meyer, Sie kennen sich wie kaum ein zweiter in Geschichte und Brauchtum rund um Basel aus. Beginnen wir mit dem bekanntesten Traditionsereignis, der Basler Fasnacht.

Viele Bräuche, die es in Basel gibt, finden auch international statt. Wenn wir uns überlegen wollen, was spezifisch baslerisch ist, so sind dies gewisse Sonderformen von allgemein verbreiteten Bräuchen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Wie zum Beispiel die Basler Fasnacht. Sie hat zudem gerade seit dem Zweiten Weltkrieg eine ungeheure Strahlkraft entwickelt. Das Baslerische Fasnachtswesen erhielt Vorbildcharakter für Fasnachtstreiben, das erst nach 1945 wieder aufgenommen worden ist. Ein Beispiel dafür ist die Berner Fasnacht, die sich eindeutig Basel zum Vorbild genommen hat. Doch es gibt nicht die Basler Fasnacht. Der Wandel der Basler Fasnacht ist das einzig Konstante. Und manchmal wäre ein bisschen mehr Kenntnis der Vergangenheit erwünscht.

Denken Sie bei dieser Aussage an die Diskussion rund um ein Pferde-Verbot an der Fasnacht?   

Ja, rund um die Tierschutz-Diskussion geht vergessen, dass die Chaise ein Produkt der Jahrhundertwende ist und sie zu den ältesten noch ausgeübten Fasnachtsbräuchen gehört. Den Wandel der Fasnacht betreffend gibt es das Beispiel des sogenannten «Pièce de résistance», dem Trommeln. Man begann in letzter Zeit damit, nicht mehr traditionell zu trommeln, sondern zum Beispiel mit Knochen auf etwas zu poltern. Das wäre vor fünfzig Jahren absolut undenkbar gewesen. Diesen Wandel braucht es natürlich.

Die Chaise ein Produkt der Jahrhundertwende und sie gehört zu den ältesten noch ausgeübten Fasnachtsbräuchen. 

 

Wie haben sich die Fasnachtsfiguren seit dem Mittelalter verändert?

Wir wissen, wie die Fasnachtsfiguren früher aussahen, dank eines lange unbeachteten Belegs. In der Mitte des 15. Jahrhunderts erstellte eine Basler Hafnerei damals beliebte Ofenkacheln, mit Darstellungen von Fasnachtsfiguren. Erstaunlicherweise könnte man sagen, dass diese wie eine kleine Guggemusik aussahen. Die Figuren trugen Blasinstrumente und Masken. Diese erinnern nicht an unsere Larven, sondern eher an jene aus dem Lötschental. Im Spätmittelalter gab es sogar ein ausdrückliches Verbot, sich zu maskieren. Doch die häufige Wiederholung des Verbots zeigt, dass man sich wenig darum gekümmert hat.

Relief aus einer Basler Ofenkachel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Zwei Figuren scheinen Holzmasken zu tragen, die Gestalt rechts hat eine Tierhaube (Esel?) übergestülpt. Der Mann in der Mitte ist in ein zottiges Fell gehüllt. (© Meyer, Werner: «Hirsebrei und Hellebarde». Olten - Freiburg/Br 1985.)

Vor wenigen Wochen erst wurde unsere Fasnacht zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Widerspricht dies Ihrer Aussage, dass der Wandel die einzige Konstante an der Basler Fasnacht ist?

Ich sage es ganz offen: Ich selbst bin sehr skeptisch. Nicht gegen die Einreihung an sich, denn die Basler Fasnacht ist diskussionslos ein bedeutender Brauch. Meine Skepsis bezieht sich auf den Begriff des immateriellen Weltkulturerbes. Wissen Sie, nur die Tatsache, dass etwas ein alter Brauch und tief verwurzelt in der Kultur eines bestimmten Raumes ist, ist an sich noch kein zwingender Grund, diesen zu erhalten. Es gibt durchaus Bräuche, die besser heute als erst morgen abgeschafft werden, ich denke dabei an den spanischen Stierkampf.

Gibt es denn einen Basler Brauch, der lieber früher als später abgeschafft werden sollte?

Da fällt mir auf Anhieb nichts ein. Wir in Basel sind jedoch in unserem kollektiven Verhalten äusserst offen, tolerant und flexibel. Etwas, das von einer breiten Gruppe nicht getragen oder von einer Mehrheit begrüsst wird, hat hier sowieso keine Zukunft.

Sie haben vorhin den Wandel erwähnt. Sind andere Bräuche in unserer Region ebenso einem Wandel unterworfen?

Natürlich, viele Bräuche haben sich dank eines Wandels der Sinngebung erhalten. Nehmen wir das Beispiel Hypocras, ein typischer Gewürzwein, wie es ihn in vielerlei Formen überall gibt. Aber das Trinken von Hypocras in Basel geht auf einen Brauch zurück, der in dieser Form obsolet geworden ist. Um die Weihnachts- und Neujahrszeit haben gute Basler Familien innerhalb ihrer Verwandten und Bekannten Geschenke ausgetauscht. Man gab den Dienstboten diese zum Austragen. Dort, wo die Geschenke abgegeben worden sind, erhielten Dienstboten einen Schluck Hypocras. Das ist auch der Grund, weshalb der echte Hypocras mit dem billigsten Wein gemacht worden ist. Erst dank diversen Ingredienzen und Gewürzen, wurde dieses «Gesöff» geniessbar gemacht. Das ist natürlich so nicht mehr aktuell. Aber getrunken wird der Hypocras nach wie vor.

Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930. 

Nebst all den Bräuchen, die wir heute noch ausüben, gibt es sicher bestimmte Traditionen, die in Vergessenheit geraten sind.

Ja, das geschieht natürlich. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass alte Bräuche wiederbelebt werden. Zum Teil stehen dahinter auch ganz bewusst kundige Leute. Ein schönes Beispiel ist das fasnächtliche Scheibenschlagen. Ende Mittelalter war dies fester Bestandteil der Fasnacht, auch in Basel. Dafür hatten wir mit der Pfalz den idealen Standort. Dabei wurden Holzscheiben zum Brennen gebracht und in den Rhein «getätscht». Meist begleitet von traditionellen Versen. Die letzte Quelle aus Basel für diesen Brauch stammt aus dem 16. Jahrhundert, auf der Landschaft gab es ihn interessanterweise nur noch in Biel-Benken. Der Leimentaler Volkskundler Ernst Baumann bedauerte dieses Verschwinden und brachte den Brauch zurück. In verschiedenen Dörfern werden heute wieder Scheiben geschlagen. In der Stadt hat der Brauch jedoch keine Zukunft. Er wäre in der heutigen Basler Fasnacht auch fehl am Platz, denn das Fasnachtsfeuer und Scheibenschlagen geschah am Sonntag Invocavit, also am Sonntag vor der Basler Fasnacht. Und heute haben dann die Fasnächtler anderes zu tun (lacht).

Früher gab es in Basel auch das sogenannte Fasnächtliche Scheibenschlagen. © Keystone 

Früher galt die Fasnacht als gesetzlose Zeit. Gibt es noch Überbleibsel?

Ja, im Zuge der allgemeinen Zivilisierung des christlichen Abendlandes in der Frühen Neuzeit hat sich dies zurückgebildet.  Aber ganz ist es nicht verschwunden. Man muss sich nur folgendes vorstellen: Ein Basler würde an der Fasnacht einen Räppli-Sack auf die Seite stellen und im Sommer damit auf dem Marktplatz die Leute bewerfen. Das gäbe einen ziemlichen Aufruhr. Natürlich ist es etwas Harmloses, doch es steht im Widerspruch zum alltäglichen Verhalten. Dies war früher noch viel ausgeprägter. 

Inwiefern unterscheidet sich denn unsere Fasnachtszeit mit der von früher, sprich vom Mittelalter?

Die Fasnachtszeit und die zwölf Nächte zwischen Weihnacht und Dreikönigstag, die sogenannten Raunächte, waren unsichere Zeiten. Es war die Zeit, in der man Fehden oder Familienstreitigkeiten austragen konnte. Wenn man in der Geschichte zurückblättert sieht man, dass Gewalttätigkeiten in dieser Zeit ausserordentlich stark vertreten sind. Ein Beispiel, das mir gerade einfällt, ist der Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln im Jahr 1315. Das geschah am Dreikönigstag, das war kein Zufall. Oder auch die in Basel berühmte «Böse Fasnacht» von 1376, als Basel praktisch ein Schlachtfeld verwandelt worden ist. Da könnte man massenhaft Termine zurückverfolgen. Der Ursprung dieser Ausnahmezeiten ist schwer zu ergründen und ab einem gewissen Zeitpunkt spekulativ.

Gab es noch andere Termine der Maskierung in Basel? 

Ja, vor allem beim Adel und dem Rittertum gilt die heraldische Aufmachung mit den seltsamen Helmzierden als Form der Maskierung. Früher waren die Ritterturniere in Basel ähnlich beliebt wie die Fasnacht. Sie fanden ebenfalls während den Raunächten, der Fasnacht und der Sommersonnenwende statt.

Turnierszene aus einem Basler Kalenderblatt, um 1480. In der Bildmitte tjostieren zwei Ritter, links ein vornehmes Liebespaar. Die zwei Personen in Narrenkostümen mit angedeuteter Eselsmaskierung sind Herolde, die als Schiedsrichter über den Ausgang des Wettkampfs wachen. 

Wurde im mittelalterlichen Basel ein Tag gefeiert, der heute gänzlich in Vergessenheit geraten ist? 

Durchaus, in Basel war jeweils am 8. September ein grosses Ritterturnier, zu Ehren der Jungfrau Maria, die der Legende nach an diesem Tag Geburtstag hatte. Maria war vor der Reformation die Basler Stadtpatronin und sie überlebte sogar den Bildersturm, steht sie noch heute beispielsweise am Spalentor und am Münster.

Sie sprechen den Bildersturm an. Die Reformation hat die Bischofsstadt Basel stark verändert. Inwiefern beeinflusste sie auch unsere Bräuche?

Sie sind stark verändert worden. Doch dabei geht es eher um die Gegnerschaft, die es zu ärgern galt. Dies beginnt schon beim Fasnachtstermin. Denn dass die Basler Fasnacht in der ersten Woche der katholischen Fastenperiode liegt, war sicher absichtliche Provokation. Anders kann ich mir das nicht vorstellen. denn Basel ist, das Markgräflergebiet ausgenommen, komplett katholisch umgeben. Basel war konfessionell sehr isoliert.

Eine schwierige Situation. Wie ging man in Basel damit um? 

Es war keine komplette Isolierung. So war man beispielsweise nach wie vor froh, dass die Sundgauer Bauern ihrer Ware in der Stadt verkauften. Vielleicht ist sogar mit Rücksicht auf sie die Maria am Spalentor stehengeblieben. Denn wenn die Bauern mit ihrer Ware in die Stadt gefahren sind, hielten sie dort an und beteten. Aber Dienstboten, also Personen im Marie vom Wiesental.

Maria bliebt trotz der Reformation am Spalentor. Bild: Wikimedia/ Zairon 

Basel ist seit 1501 Mitglied der Eidgenossenschaft. Wie sehr beeinflusste diese Zuwendung die Basler Bräuche? 

Die Lage von Basel am Rheinknie hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Stadt und ihre Umgebung. Bis 1501 war Basel sogar eine rein elsässische Stadt: Strassburg, Schlettstadt, Colmar und Basel, das waren die vier elsässischen Städte. Linguisten bestätigen, dass der Basler Dialekt an den damaligen elsässischen Dialekt anknüpft. Basel hat sich mit der Aufnahme in die Eidgenossenschaft in das eidgenössische Festwesen eingeklinkt, das sich vor allem in gegenseitigen Besuchen geäussert hat. Die Delegierten aus Basel nahmen auf Besuchen in der Innerschweiz jeweils die prominentesten Prostituierten mit. Basel galt für die Eidgenossenschaft als Sündenbabel. Diese Feste sind dann allerdings mit der Reformation zurückgegangen. Interessant ist, dass die Stadt in dieser Zeit die engen Beziehungen mit dem ebenfalls reformierten Markgräflerland verstärkt haben. Unser Grenzbewusstsein ist jedoch sehr modern. In den Erzählungen von Johann Peter Hebel um 1800 ist nie die Rede von politischen Grenzen.

Dann ist die grenzüberschreitende Verlängerung der Tramlinien ganz im Geist des Mittelalters?

Ich finde dies, losgelöst vom Problem des Einkaufstourismus - eine schöne Anknüpfung an eine vergessene Tradition.

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