Josef Schüpfer, Präsident und Maurus Ebneter, Delegierter des Vorstandes beim Basler Wirteverband
Josef Schüpfer, Präsident und Maurus Ebneter, Delegierter des Vorstandes beim Basler Wirteverband
  • Binci Heeb / Andy Strässle
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Josef Schüpfer und Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband im grossen Interview

Nach 24 Jahren im Amt stellt sich Wirtepräsident Josef Schüpfer am 26. Juni nicht mehr für diese Aufgabe zur Verfügung. Barfi.ch hat ihn und Maurus Ebneter, der seit 14 Jahren Vorstandsdelegierter  beim Basler Wirteverband ist, zum grossen Wocheninterview getroffen.

barfi.ch: Für Schlagzeilen sorgt im Moment die politische Forderung nach der Abschaffung des Wirtepatents, warum ist dies aus Ihrer Sicht falsch?

Josef Schüpfer: Wir versenden schweizweit jährlich 36'000 Betreibungen allein bei unserer Pensionskasse. Ich denke nicht, dass eine Abschaffung richtig wäre. Gewisse Anforderungen an den Wirt sind auf jeden Fall nötig, ein Fachmann muss in jedem Restaurationsbetrieb die Verantwortung tragen.  

In den 24 Jahren als Präsident hat sich viel verändert. Die Bedürfnisklausel und die Patentgebühren wurden abgeschafft, die Polizeistunde wurde liberalisiert und wesentlich längere Öffnungszeiten für Nachtbetriebe sind möglich.   

Das tönt gut, aber sollte das Wirtepatent nicht angepasst werden? 

J.S.: Es gibt tatsächlich Optimierungsmöglichkeiten. Die Anwesenheits- und Wohnortspflicht sind liberaler zu regeln. Die Wirtefachprüfungen verlangen von Einsteigern ein wichtiges Basiswissen über die Mehrwertsteuer, die Sozialversicherungen, unseren Gesamtarbeitsvertrag und die Arbeitssicherheit. 

Sinnvoll wäre es, dass ein Unternehmer, der mehrere Betriebe führt, nur noch ein Patent benötigt. Bisher ist es so, dass für jeden einzelnen Betrieb ein Patent nötig ist. Das ist nicht mehr zeitgemäss. 

Maurus Ebneter: In den 1990er Jahren war das Wirtepatent noch eine hohe Hürde für den Markteintritt. Die grossen Liberalisierungsschritte sind zum Glück erfolgt. Heute geht es einzig noch darum, ein Minimalwissen über Inhalte  sicherzustellen, an denen die Öffentlichkeit ein Interesse hat - zum Schutze des Konsumenten, der Arbeitnehmer und der Volksgesundheit. Darauf sollten wir nicht verzichten. 

Im Moment scheinen in Basel immer mehr Gastro-Gruppen die Szene zu übernehmen, wird diese Konsolidierung so weitergehen? 

J.S.: Gruppen gab es schon immer. Sie haben bessere Einkaufsmöglichkeiten und höhere Renditen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass nach wie vor auch individuelle Restaurateure Erfolg haben können, und zwar gerade wegen ihrer Individualität

M.E.: Die Systematisierung in unserer Branche schreitet voran und  beschleunigt sich gerade, jedoch ist die Gruppenbildung kein Basler Phänomen. Sie ist international zu beobachten. Als Verband für die ganze Branche sind wir in dieser Frage neutral. Auch ich bin überzeugt, dass gute Individualgastronomen immer eine Chance haben werden, wenn auch zunehmend in Nischen 

Food-Trucks, Buvetten, Zwischennutzungen, die mehrere kulinarische Angebote und Events kombinieren, setzt das den eher traditionell orientierten Wirten zu? 

M.E.: Wir brauchen eine vielfältige Gastronomie, Experimentierfelder und eine innovative Startup-Szene. Zum Teil sind das die erfolgreichen Gastronomen von morgen! Unsere grösste Konkurrenz ist der Detailhandel, der immer mehr verzehrfertige Speisen und Getränke anbietet. Damit meine ich nicht nur Supermärkte, sondern auch Kioske, Tankstellenshops und Bäckereien. Es gibt Verschiebungen im Ausserhaus-Markt, vor allem auch im Mittagsgeschäft. Unser Verband steht den verschiedenen Gastronomieformen offen gegenüber, doch wir bestehen auf gleich langen Spiessen für alle Anbieter.

Erhält der Verband in dieser Angelegenheit Unterstützung von staatlicher Seite? 

J.S.: Im Gegenteil. Der Staat fördert und privilegiert gewisse Gastronomieformen, während er anderen Knüppel zwischen die Beine wirft. Er sollte unserer Meinung eine neutrale Rolle einnehmen. Was es braucht, sind Rahmenbedingungen, die es den Unternehmern erlauben, sich frei zu entfalten. In Basel übernimmt der Kanton zunehmend die Lenkung des Angebots, indem er zum Beispiel eine Vielzahl von Standplätzen für Food-Trucks schafft. Auch diese Betriebe müssen kontrolliert werden. Die gesetzlichen Bestimmungen haben für alle zu gelten. 

Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, konnte das Gastgewerbe davon profitieren? 

M.E.: Auf jeden Fall. Basel verzeichnet viele positive Entwicklungen. Einerseits die starke Zunahme beim Freizeittourismus, andererseits einen soliden Messe-, Kongress- und Geschäftstourismus sowie ganz allgemein eine starke regionale Konjunktur. Leider profitieren wir nicht stark genug davon, weil sehr viel Kaufkraft ins benachbarte Ausland abwandert. Der grenzüberschreitende Konsum hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwa verfünffacht, gleichzeitig kommen weniger Tagesgäste aus dem benachbarten Ausland zu uns.   

Weil es in der Schweiz zu teuer ist? 

M.E.: Im internationalen Vergleich sind wir klar zu teuer. Es braucht dringend eine Öffnung der Agrarmärkte, die Beseitigung staatlicher Handelshemmnisse und eine Präzisierung des Kartellrechts, um missbräuchliche Schweiz-Zuschläge zu unterbinden.  Der Wettbewerb ist nur dann fair, wenn man dort einkaufen kann, wo die Konkurrenten einkaufen. Davon sind wir leider weit entfernt. Die Konsumenten sind frei, wir nicht. Wichtig ist es im übrigen auch, dass unser Arbeitsmarkt frei bleibt. Hier bewegen wir uns immer weiter vom liberalen Erfolgsmodell weg.

Das heisst, die Schweiz ist dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, gleichzeitig ist sie gezwungen zu höheren Kosten zu produzieren. 

M.E.: Gut zusammengefasst. Wir stellen uns gerne jeder Konkurrenz, sind dabei aber auf faire Bedingungen angewiesen.

Als Vertreter des Wirteverbandes, was sind die grössten Sorgen Ihrer Mitglieder? 

Der enorme Kostendruck, auch durch hohe Mieten, zudem die Überregulierung in fast allen Bereichen, der Mangel an heimischen Fachkräften und gewisse Überkapazitäten während grossen Strecken des Jahres sowie nicht selten auch Finanzierungsschwierigkeiten. Nach wie vor zudem auch die unfaire Konkurrenzierung durch den Detailhandel, Stichwort Mehrwertsteuer: Restaurants haben einen staatlich verordneten Preisnachteil von über 5 Prozent gegenüber Take-Aways.   

Im Moment strömt ein internationales Publikum durch die Stadt, das die Art besucht, am Donnerstag begannen vier Wochen Fussball-Weltmeisterschaft, wie sehr helfen solche Events? 

M.E.: Die Art und die Baselworld sind Highlights in Basel, wenn auch sicher nicht alle Betriebe in gleichem Masse davon profitieren. Auch bei der Fussball-WM wird es Gewinner und Verlierer geben. Ob alle Public-Viewing-Angebote von Erfolg gekrönt sein werden, weiss ich nicht. Eine belebte Stadt ist auf jeden Fall wichtig und Veranstaltungen tragen dazu bei. 

In der Innenstadt gibt es immer mehr Kombinationen von Shopping und Cafés, verschärft sich dadurch die Konkurrenz? 

M.E.: Es ist verständlich, dass Läden die Erlebnisqualität und Aufenthaltsdauer ihrer Kunden erhöhen möchten. Dafür habe ich Verständnis. Wichtig ist für uns, dass sie dieselben Auflagen erfüllen. 

Josef Schüpfer nach 24 Jahren als Präsident des Basler Wirteverbandes, welche Bilanz ziehen Sie? 

J.S.: Ich habe viele interessante Menschen kennengelernt, es wurde vieles liberalisiert. Es freut mich, dass der Wirteverband unter meiner Ägide referendums- und initiativfähig wurde.  

Zu den grössten Erfolgen zähle ich unsere Sozialversicherungen. Ich durfte unsere Ausgleichskasse präsidieren und präsidiere nach wie vor die Pensionskasse. Dort haben wir die tiefsten Verwaltungskosten. Sie betragen 64 Franken pro Versicherten und Jahr; die meisten Konkurrenten sind mindestens doppelt so teuer. Unser Deckungsgrad beträgt 121 Prozent, obwohl wir die Alterskapitalien doppelt so hoch verzinsen wie der Bund es fordert. Wegweisend sind wir bei der Pensionskasse auch, weil wir die freien Mittel in erster Linie zur Sicherung des Umwandlungssatzes einsetzen. Dieser ist bei uns wohl für die nächsten 20 Jahre gesichert! Männer und Frauen sind in unserer Pensionskasse gleichgestellt und wir kennen keine Altersdiskriminierung. Somit grenzen wir keine älteren Mitarbeiter vom Arbeitsmarkt aus. Zu all dem durfte ich einen Beitrag leisten.   

M.E.: Seppi stapelt tief, denn er war die treibende Kraft hinter diesen Errungenschaften. Er darf auch stolz darauf sein, dass er einen finanziell kerngesunden Verband und eine konkurrenzfähige Familienausgleichskasse übergeben kann. 

Herr Schüpfer, werden Sie sich nun auch aus Ihren Gastronomiebetrieben (Walliser Kanne, Brötlibar, Restaurant Stadthof) zurückziehen? 

J.S.: Ich liebe meinen Job. So lange das so ist und es meine Gesundheit zulässt, mache ich sehr gerne weiter. 

Vor kurzem lancierte der Wirteverband einen bereits im Jahr 2000 eingeführten Basler Restaurant- und Barführer neu. Dieser ist auch auf barfi.ch zu finden. Was ist neu daran?

M.E.: Unser Verzeichnis basel-restaurants.ch hilft Touristen und einheimischen Gästen, das passende Lokal zu finden – neu auch mit einer Kartenfunktion. Übrigens ist gesamte Internetpräsenz des Wirteverbandes sehr erfolgreich und auf dem neuesten Stand. Unsere Verbandswebseite baizer.ch funktioniert als Online-Fachmagazin mit über 5'000 Artikeln im Archiv. Jährlich kommen rund 400 hinzu. Mit Gastro-Express haben wir die führende Stellenbörse für das Schweizer Gastgewerbe geschaffen. 

Herr Ebneter, die Ausgangslage war eigentlich klar, als Sie vor einem Jahr vom Vorstand als Kandidat für die Nachfolge von Josef Schüpfer nominiert wurden. Die Gastronomin Pia Elia hat sich in der Zwischenzeit mit dem Aurgument, es brauche frischen Wind, ebenfalls fürs Präsidium beworben. Fürchten Sie die Wahl am 26. Juni?

M.E.: Selbstverständlich nehme ich die Gegenkandidatur ernst. Ein neuer Besen ist noch kein Konzept - man muss auch wissen, wo und wie man wischen muss. Ich bringe seit vielen Jahren frischen Wind und habe einen  soliden Leistungsausweis. Ich glaube und hoffe,  dass die Mitglieder es honorieren werden, dass ich mich in allen möglichen Bereichen, von der Politik bis zur Berufsbildung, stark für sie einsetze.

Frau Elia kritisiert, der Basler Wirteverband habe zu lange statt nach Lösungen nach Sündenböcken gesucht, vom Eurokurs bis hin zu staatlichen Überregulierung, sehen Sie das auch so? 

M.E.: Missstände zu benennen und schlechte Rahmenbedingungen zu kritisieren, hat nichts mit Jammern zu tun. Es gehört sogar zu den Kernaufgaben eines Verbands. Der einzelne Wirt sollte den Gästen nicht mit seinen Sorgen in den Ohren liegen, doch der Verband muss diese thematisieren und von der Politik und der Verwaltung Lösungen fordern. So wie wir das tun. Wir sind nicht in erster Linie eine PR-Agentur für das Branchenimage, sondern Interessensvertreter.

Zum Schluss, was macht die Arbeit im Gastgewerbe zum besten Job der Welt? 

M.E.: Der Umgang mit Menschen und tollen Produkte. Sieben von zehn Personen träumen irgendwann davon, ein Baizli oder eine Bar zu führen. Wer sich seriös vorbereitet, ein klares Konzept hat, ausreichend finanziert ist und auch fachlich einen Rucksack mitbringt, findet im Gastgewerbe viel Befriedigung. Ist dies nicht der Fall, kann aus dem Buben- oder Mädchentraum schnell ein Albtraum werden.