Alain Di Gallo: «Meine Devise lautet: ansprechen, dranbleiben, nicht ausweichen.»
Alain Di Gallo: «Meine Devise lautet: ansprechen, dranbleiben, nicht ausweichen.»
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Jugendpsychiater Di Gallo: «Cybermobbing ist ein sehr ernstes, aber nicht das einzige Problem»

Sind unsere Kinder tatsächlich überfordert – und ist der exzessive Umgang mit den sozialen Medien schuld daran? In Zürich würden sich die Fälle mehren, nicht aber in Basel. Hier stellt Professor Alain Di Gallo, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel, aber andere Herausforderungen fest.

Barfi.ch: Der Tagesanzeiger schrieb, dass es die Kinder- und Jugendpsychiater in Zürich mit zehn Mal mehr Fällen zu tun hätten, als noch vor zehn Jahren. Machen Sie in Basel dieselben Erfahrungen?

Prof. Alain Di Gallo: Die Zahl scheint mir sehr übertrieben. Die Anzahl Patienten, die wir in Basel antreffen, hat in den letzten Jahren nicht massiv zugenommen. Zugenommen hat die Sensibilität für psychisches Leiden und die Offenheit dafür. Und das ist gut so! Heute wissen viel mehr Menschen, dass ADHS (Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) eine Krankheit ist. Ich kann mich gut erinnern, dass in meiner Primarschulklasse früher zwei Buben waren, die klare Anzeichen von ADHS aufwiesen. Sie waren sehr impulsiv, liessen sich leicht ablenken, schmierten beim Schreiben. Nur wurden sie damals rein pädagogisch sanktioniert. Niemand erkannte ihr seelisches Leiden.

Dann ist die Zunahme dieser Fälle auch damit erklärbar, dass Eltern ihre Kinder viel schneller psychiatrisch abklären lassen?

Sicher auch. Eltern kommen nicht nur bei Verdacht auf ADHS, sondern zum Beispiel auch bei starken Ängsten, Anzeichen für Depressionen oder wenn Kinder an Zwängen leiden zu uns. In Bezug auf die Anzahl psychiatrischer Erkrankungen zeigen Studien, dass die Zahlen in den letzten 50 Jahren mehr oder weniger stabil sind. Sie besagen, dass im Verlauf eines Jahres 15 bis 20 Prozent der Kinder an einer psychischen Krankheit leiden. Davon ist aber nur rund die Hälfte behandlungsbedürftig. Am häufigsten sind Angststörungen, Ticstörungen und ADHS. 

Demnach müssen schliesslich noch rund 10 Prozent der Kinder behandelt werden.

Ja, das stimmt. Psychische Krankheiten beginnen gesamthaft betrachtet viel früher als körperliche. Die Hälfte aller psychiatrischen Erkrankungen vor dem 15. Lebensjahr. Drei Viertel vor dem 25. 

Können bereits Kinder an sogenanntem Burn-out leiden und falls ja: Was sind die Ursachen dafür? 

Den Begriff Burn-out nutzen wir kaum. Bei Kindern und Jugendlichen kann dahinter eine beginnende Depression oder eine Angst- oder Anpassungsstörung stecken. An diesen Diagnosen haftet aber fälschlicherweise bei manchen Menschen immer noch die Vorstellung, dass sie überwindbar wären, wenn der Patient nur wollte. Manchmal scheint mir, dass dieses Stigma mit der Umschreibung Burn-out vermieden werden soll. Ich bin der Ansicht, dass wir lieber offen über die wahren Krankheiten sprechen sollten.    

Demnach sollte man mit solchen Begriffen etwas vorsichtiger umgehen. 

Der Umgang mit psychiatrischen Bezeichnungen ist tatsächlich heikel. Kürzlich ging es in einer Diskussion um das Thema Schulstress und die neuen Lernberichte. Eine Lehrerin meinte, dass viele Schüler durch den Lernbericht traumatisiert würden. Mit dem Begriff «Trauma» muss man vorsichtiger umgehen. 

Setzen nicht auch die sozialen Medien, wie Facebook, Instagram, Youtube, WhatsApp die Kinder vermehrt unter Stress? 

Bei der ständigen Präsenz in den sozialen Medien mit kaum Ruhezeiten handelt es sich definitiv um eine bis vor Kurzem unbekannte Herausforderung. Die Tage der meisten Jugendlichen sind enorm eng getaktet. Es bleibt kaum Raum für Musse oder auch mal Langeweile. Wenn man sie danach fragt, was sie am meisten stresst, bekommt man meist «Zeitmangel» zur Antwort. 

Was raten Sie Eltern beim Umgang ihres Kindes mit sozialen Medien? 

Der Umgang muss auf alle Fälle in der Familie ein Thema sein. Eltern müssen Regeln aufstellen und dem Kind Grenzen setzten. Die totale Überwachung des Kindes ist jedoch illusorisch. Wichtig ist, das Thema «Internet» und dessen Gebrauch öffentlich zu machen. Kinder sollen nicht nur in ihrem Zimmer surfen, sondern auch im Wohnzimmer, wo man ab und zu einmal einen Blick darauf werfen und sich etwas zeigen lassen kann. 

Was halten Sie von handyfreie Zeiten? 

Ein gutes Beispiel, nur müssen die Eltern sich ebenfalls daran halten und ein gutes Vorbild abgeben. 

Meine Generation, die weder Internet noch Handy kannte, hatte tatsächlich eher Probleme mit der erlaubten Länge des TV-Konsums. Wir haben viel draussen gespielt. Fehlt dieses Spielen in der Natur heute? 

Interessanterweise stimmt es nicht, dass Jugendliche, die in den sozialen Medien sehr aktiv sind, sich mehr zurückziehen. Es ist eher so, dass viele, die in den sozialen Medien aktiv sind, auch in der Offlinerealität aktiv sind und rausgehen. Sie kombinieren beides. Aber natürlich gibt es Jugendliche mit einem problematischen oder gar krankhaften Medienverhalten. 

Ist nicht auch die frühe Berührung mit Gewalt und Sex über frei zugängliches Pornomaterial via Youporn oder Pornhub für bereits sehr junger Kinder ein Problem? 

Weil es nicht zu verhindern ist, dass Kinder damit konfrontiert werden, müssen wir Erwachsenen mit ihnen darüber sprechen. In der virtuellen Welt ist fast alles immer und praktisch gratis verfügbar. Zudem ist alles immer wieder neu aufrufbar. Man muss nur die Stopp- und Restarttaste drücken. Es fehlt ein persönliches Korrektiv. Wer sich in einem Chatroom befindet, weiss nie sicher, ob er es mit einem authentischen Gegenüber zu tun hat, oder jemandem, der sich für jemand anderen ausgibt. 

Stichwort «Cybermobbing»: es ist immer wieder darüber zu lesen, dass sich Jugendliche deswegen das Leben nehmen. Was können Sie dazu sagen? 

Cybermobbing ist ein sehr ernstes Problem. Es gibt Studien, die besagen, dass fast ein Viertel der Jugendlichen mit Cybermobbing in Kontakt gekommen ist. Viele waren bereits Opfer und Täter. Wie schnell schreibt man in der Wut oder Verzweiflung etwas Unbedachtes? Der Schritt vom Opfer zum Täter liegt sehr nah. Die Bedrohung ist oft anonym und sich dagegen wehren ist sehr schwierig. Es besteht das Risiko, dass sich Jugendliche zurückziehen, und sich niemanden anzuvertrauen wagen, was zu depressiven Zuständen führen kann. 

Dann sollte auf Kinder, die sich zurückziehen, speziell geachtet werden? 

Erhöhte Aufmerksamkeit ist dann geboten, wenn Veränderungen im Verhalten des Kindes oder Jugendlichen auftreten, die seine Alltagsbewältigung beeinträchtigen und zwei oder drei Wochen andauern. Spätestens dann sollte das Kind darauf angesprochen werden. 

Falls das Kind wenig Einsicht zeigt, nicht mit den Eltern darüber sprechen mag, kann man sich an Sie wenden? 

Selbstverständlich können Eltern bei uns anrufen, wenn sie sich Sorgen machen. Oder wir empfehlen einen Besuch beim Kinderarzt, der die Familie kennt und eine Brücke bilden kann. 

Das heisst konkret für die Eltern?

Meine Devise lautet: Wenn Eltern spüren, dass es ihrem Kind nicht gut geht, müssen sie für ihr Kind da sein, ihre Sorge dem Kind mitteilen, dranbleiben, nicht ausweichen und nach Lösungen suchen. Erst wenn sie das Kind nicht erreichen oder sich überfordert fühlen, sollten sie fachliche Hilfe in Anspruch nehmen. 

Bei Ihrer Arbeit scheint die ganze Familie sehr gefordert zu sein. Wie wirkt sich das aus? 

Kinder- und Jugendpsychiatrie ist immer Familienpsychiatrie. Ein Kind kann nicht beurteilt und behandelt werden, ohne dass auch sein Umfeld einbezogen wird. Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: Wenn ein Kind mit acht Jahren plötzlich wieder einnässt, kann der Grund in einer drohenden Trennung der Eltern liegen, die im Raum steht, aber nicht ausgesprochen wurde. 

Wo sucht man Hilfe, wenn man nicht zu Ihnen kommen möchte? 

Zum Beispiel beim Klassenlehrer oder dem Sozialarbeiter in der Schule. Oder eben auch beim Hausarzt oder der Eltern- und Familienberatung. 

Verschreiben Sie viele Medikamente, zum Beispiel Ritalin? 

Nein, nur selten. Bei diagnostizierter ADHS kann Methylphenidat, das ist die Substanz, die in Ritalin enthalten ist, sehr hilfreich sein. Leider wird dieses Medikament oft verteufelt, dabei ist die Wirksamkeit ausgezeichnet. Es kann Kindern in Bezug auf ihre Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeit sehr helfen. Die medikamentöse Therapie muss aber immer in ein umfassendes Behandlungskonzept mit Einbezug der ganzen Familie eingebettet sein. Ab dem Teenageralter werden auch Antidepressiva verordnet. Leider wirken sie bei Kindern nicht sehr gut. Bei schweren Depressionen von Jugendlichen setzen wir sie – teilweise mit gutem Erfolg – ein.  

Gibt es ADHS eigentlich nur bei Kindern und Jugendlichen oder wächst es sich aus? 

Meist nicht. Die Probleme bleiben oft auch im Erwachsenenalter bestehen, nur lernen Ältere besser damit umzugehen, besonders mit der Hyperaktivität und der Impulsivität. Eine frühzeitige Behandlung bereits im Kindesalter kann aber helfen, Folgeproblemen, wie Suchterkrankungen, Depressionen oder Angsterkrankungen vorzubeugen. 

Macht Ritalin nicht abhängig? 

Ich habe in meiner ganzen beruflichen Arbeit noch nie erlebt, dass ein Patient, dem ich dieses Medikament verschrieben habe, davon abhängig wurde. Meist sind es die Jugendlichen selbst, die irgendwann selber auf Ritalin verzichten möchten.

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