Raphael Blechschmidt in seinem Atelier an der Bäumleingasse: «Man erkennt es am internationalen Design, dass die Designer das Handwerk nicht mehr von Grund auf lernen.» ©barfi
Raphael Blechschmidt in seinem Atelier an der Bäumleingasse: «Man erkennt es am internationalen Design, dass die Designer das Handwerk nicht mehr von Grund auf lernen.» ©barfi
  • Christine Staehelin
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Kult-Couturier Raphael Blechschmidt: «Die Basler haben eben Sinn für Qualität»

Basel ist zwar keine Modemetropole, doch die Stadt ist stolz auf ihre Couturiers wie Raphael Blechschmidt. Barfi.ch hat den Designer in seinem Atelier in der Bäumleingasse getroffen. Er redet über die Basler Herbstmesse, wie sich sein Beruf mit der Digitalisierung verändert hat und weshalb ihm beim Schwimmen die besten Ideen einfallen. 

Raphael Blechschmidt, Sie sind seit knapp 30 Jahren Basler Couturier. Gibt es den Basler Stil?

Raphael Blechschmidt: Ja, den gibt es. Für Baslerinnen und Basler ist das Understatement sehr wichtig. Deswegen würde ich sagen, dass der Stil auch das Understatement braucht. Dies müsste sich in den Kreationen widerspiegeln – doch daran halte ich mich nicht. Denn in Basel kann man nie  vom rein Äusserlichen her sagen, ob jemand reich oder arm ist. Eine Baslerin legt nicht viel Wert auf das Äussere. Erstaunlich ist jedoch, wie qualitätsbewusst sie ist. Ihr ist klar, was ein guter Stoff, ein gutes Tuch ist. Das Feeling für die gute Qualität ist da, vielleicht stammt dies noch aus der Zeit der Seidenband-Industrie.

Ihre Arbeit ist sehr kreativ. Wo holen Sie ihre Inspiration her?

Ich gehe drei bis vier Mal wöchentlich über Mittag ins Schwimmtraining. Es ist vielleicht verrückt, aber dort kommen mir sehr viele Ideen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich an einem anderen Ort bin, mich körperlich betätige. Klassische Konzerte und Opern inspirieren mich ebenfalls. Meine Programmhefte sind oft mit Skizzen und Bemerkungen übersät.

In Basel sind Sie die Nummer 1 unter den Couturiers. Träumen Sie manchmal davon, in einem Atelier in Paris, der Stadt der Mode, zu arbeiten?

Für mich ist es schöner, in Basel arbeiten zu können und meinen Kundenstamm zu haben als in Paris um eine einzelne Kundin kämpfen zu müssen. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Kundinnen und treffe sie immer wieder an Konzerten oder im Theater. Besonders grosse Freude habe ich natürlich dann, wenn ich sehe, wie sie meine Kreationen tragen. Dieses Jahr gab es ein Angebot für die Besucher der Modeschau: Wer auf meiner Modeschau war, wurde an ein Konzert des Sinfonieorchesters eingeladen. Es war eine wahre Freude, wer alles an dieses Konzert kam. Damals fragte ich mich, wieviele hunderte von Kleidern habe ich schon gemacht? Gezählt habe ich nie.

Sie haben vor knapp 30 Jahren mit Ihrem Beruf begonnen. Inwiefern hat sich die Mode in diesen drei Jahrzehnten gewandelt?

Früher gab es diese riesigen Trends, man spricht noch heute von Mode-Dekaden. Meiner Meinung nach redet man in 20 Jahren nicht mehr davon, was heute in Mode ist. Es gibt kein Modediktat mehr, auch fehlen die Ikonen wie beispielsweise Audrey Hepburn. Als Modeschöpfer muss man den eigenen Weg gehen und selbst bestimmen, was man kreieren möchte.

Hat sich Ihre Arbeit ohne das Mode-Diktat erschwert oder vereinfacht?

Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht. Es ist nun mal so. Die Beratung ist einfacher geworden, denn jetzt muss man es einer Kundin nicht erklären, falls ihr die aktuelle Mode nicht steht. Sie kann auf etwas anderes zurückgreifen und ist trotzdem noch modisch. Die Orientierung für die Kundin ist jedoch schwieriger. Heute muss sie selbst aussuchen, was ihr gefällt und was ihr steht.

Wir leben in Zeiten der Digitalisierung. Erleben Sie ebenfalls einen Wandel als Modeschöpfer?

Ich arbeite heute anders als noch vor zwanzig Jahren. Beispielsweise mache ich meine Schnittmuster nicht mehr von Hand, sondern mit dem CAD-Programm. Mit dem Programm kann ich ein Schnittmuster am Bildschirm bearbeiten. Ich glaube, ich bin der einzige Couturier der Schweiz, der damit arbeitet. Das Programm hilft mir sehr: Wenn eine Kundin ein Modell angepasst haben möchte, kann ich das Schnittmuster beispielsweise auf ihre Körpergrösse gradieren. Den Entwurf hingegen zeichne ich noch immer von Hand und erstelle erst danach das Schnittmuster.

«Mit dem Programm kann ich ein Schnittmuster am Screen bearbeiten. Ich bin, glaube ich, gar der einzige Couturier der Schweiz, der damit arbeitet», sagt Raphael Blechschmidt. © barfi.ch 

Heute ist Werbung allgegenwärtig. Doch für Ihre Marke sieht man keine Werbung, weder digital noch auf Plakaten.

Meine Hauptaufgabe sind immer noch Auftragsarbeiten. Eine Kundin kommt zu mir mit einem Wunsch. Dies hat in den vergangenen Jahren zugenommen, vielleicht auch, weil meine Werbung noch immer auf Mund-zu-Mund-Propaganda basiert. Wenn eine Kundin zufrieden ist, erzählt sie es idealerweise weiter. Doch das braucht Zeit und vor allem in meinen Anfangszeiten lief es harzig. Es ist jetzt auch nicht einfach in dieser Stadt, Basel ist eben keine Modemetropole. Wichtig ist mir, dass unsere Arbeitsplätze in der Boutique sichtbar sind. Da wird klar: Das ist Mode von Basel für Basel. Meine Kleider werden nicht in Billigländern produziert.

Dieses Jahr erschien das Parfum «Alcina» von Raphael Blechschmidt. Ist damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen?

Ich habe schon vor einigen Jahren mit dem Gedanken gespielt. Vor zwei Jahren kontaktierte ich den Parfumeur Vincent Micotti aus Münchenstein. Als wir uns trafen, war es für mich klar, dass ich das Parfum mit ihm kreieren möchte. Er kam auf meine Modeschauen, lernte meine Kundschaft und mich kennen. Meine grösste Herausforderung war, den Duft in Worte zu fassen. Wie beschreibt man etwas, das man riecht? Ich wollte ein Unisex-Parfum, für eine starke Frau oder einen starken Mann. Es sollte nicht zu süss sein, jedoch würzig und gleichzeitig unaufdringlich. Man soll sich im Duft wohlfühlen.

Die Verpackung von aussen ist klassisch elegant. Innen leuchtet magentafarbenes Seidenpapier. Was beanspruchte mehr Zeit: Die Duftkreation oder die Verpackung?

Die ganze Präsentation des Duftes war am aufwändigsten. Unser Ziel war es, die Kunden mit etwas anderem zu überraschen. Bevor man das Parfum öffnet, muss man das Seidenpapier zerreissen. Es ist neu, es ist frisch und – obwohl ungewöhnlich – ist die Verpackung doch auch klassisch.

Diese Woche begann in Pratteln die Berufsschau. Es wird gewarnt vor einem Fachkräftemangel. Betrifft diese Befürchtung auch die Modeindustrie?

Ja, das ist ein sehr grosses Problem. Früher war eine abgeschlossene Lehre als Damenschneider Voraussetzung für die Kunstgewerbeschule. Das ist heute anders. Man erkennt es dem internationalen Design an, dass die Designer das Handwerk nicht mehr von Grund auf lernen. In der Schneiderlehre lernt man, welchen Stoff man wofür verwenden kann. Ohne dieses Wissen fehlt etwas. Zudem kann man auch niemandem erklären, wie die Idee umgesetzt werden soll. Auf der anderen Seite freut es mich, dass die Schweiz in der Berufsweltmeisterschaft den zweiten Platz belegt hat. Der Standard ist hoch, aber er sollte auch erhalten bleiben.

Handarbeit im Atelier von Raphael Blechschmidt © barfi.ch 

À propos Wandel: In den vergangen Jahren verliessen viele Traditionsgeschäfte die Basler Innenstadt.

Wir werden hier an der Bäumleingasse bleiben. Es ist jedoch so, dass die Verkehrspolitik das Leben der Ladenbesitzer nicht einfach macht. Ich würde mir wünschen, dass man sich mehr für die Geschäfte einsetzt. Vielleicht braucht es auch einmal eine Kooperation von Gewerbetreibenden, die zusammenstehen und sagen: Jetzt reicht es uns.

Heute beginnt die Basler Herbstmesse. Sind Sie ein Bahnen-Gänger?

Nein, das bin ich nicht. Aber ich finde es jeweils faszinierend, über die Mäss zu bummeln, die Lichter und die Geschwindigkeit der Bahnen zu sehen, das Gekreische zu hören. Peter (der Lebenspartner von Raphael Blechschmidt, Anm. d. Red.) und ich haben die Tradition, dass wir uns einen Sonntag lang durch die Mäss «fressen». Das ist dann purer Genuss. Ich freue mich auf die Beggeschmütz, die Kartoffeln auf dem Petersplatz mit Apfelmus oder Knoblauchsauce, auf das Jeffrey-Steak, die Käskiechli und natürlich das Magenbrot.