• Nathan Leuenberger
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Marc Weiss, Drämmlichauffeur: «Auch wir verfahren uns»

Die Chauffeure der Basler Verkerhsbetriebe transportieren täglich tausende Menschen durch Basel und die Region. Nicht immer wird das mit Dank belohnt, oft müssen sie die Launen der Passagiere aushalten. Wie ist es denn wirklich, tagein tagaus im Führerstand zu sitzen? Wir haben bei einem langjährigen Drämmler nachgefragt.

Marc Weiss, seit wann sind Sie Drämmlichaffeur?

Ich habe im Mai 2001 angefangen und bin also schon seit fast 17 Jahren dabei.

Das ist doch schon recht lange. War Drämmlichauffeur denn ein Bubentraum ?

Ehrlich gesagt, nein. Mein Bubentraum war Koch und auf diesem Beruf habe ich auch lange gearbeitet. Ich wollte mich dann neu orientieren und bin per Zufall in diesen Beruf gerutscht. Und es gefällt mir heute noch!

Sie sind nicht nur als Chauffeur unterwegs, sondern auch Vizepräsident der PEKO (Personalkommission). Was bedeutet das?

Das ist natürlich unterschiedlich, aber wir sind vor allem ein Sprachrohr fürs BVB-Personal. Die Leute kommen mit Problemen auf uns zu und wir versuchen zusammen mit der Geschäftsleitung eine Lösung zu finden. Im Gegensatz zu einer Gewerkschaft ist die PEKO von den BVB-Mitarbeitenden gewählt. Wir stellen uns alle vier Jahre zur Wahl.

Gewählt heisst also, dass Sie bei Ihren Mitarbeitern recht beliebt sind?

Jein, man muss halt leider manchmal in der PEKO Positionen vertreten, die nicht nur positiv sind und dann ist man halt nicht so beliebt. Es geht auch nicht darum, sich bei den Leuten beliebt zu machen, sondern das Beste herauszuschlagen. Und allen kann man es sowieso nie recht machen.

Das gilt überall. Doch zurück zum Drämmlifahren, wie war für Sie das erste Mal im Führerstand?

Das war in einem ganz alten Tram, das Modell 413, welches heute als Oldtimer (Tram-Lounge) herumfährt. Darin hatte ich meine erste Stunde. Und dann sass ich da drin und dache mir: «Was mache ich hier eigentlich?» Es war furchtbar mit dem alten Steuerrad und es hat mir eigentlich gar nicht gefallen! (lacht) Was schön war, war das erste Mal alleine unterwegs zu sein. Das war ganz toll.

Das war dann schon näher beim Autofahren mit dem Steuerrad?

Nicht direkt, denn es geht ja ums Gas geben und Bremsen. Aber in diesem Oldtimer hatte man dann auch noch Hebel, die man benutzen musste. Das war also auch nicht so meins... Ich fahre viel lieber mit modernem Material!

Und das hat die BVB jetzt auch, mit den neuen «Flexity». Da haben Sie eine Unmenge an Hebel und Knöpfen – hat sich viel verändert bei der Bedienung?

Ja im Gegensatz zum Oldtimer natürlich sehr. Da funktionierte noch gar nichts elektronisch und heute ist alles voll computerisiert, das hat sich sehr geändert.

Heisst das für die Chauffeure: «weniger machen» als früher?

Früher musste man körperlich mehr machen und es war auch schwieriger, eine Gefahrenbremse einzuleiten. Heute muss man nur den Hebel ziehen und das Drämmli beginnt zu bremsen. Es wurde einfacher, aber natürlich auch vielseitiger. Man hat viel mehr Knöpfe und man muss auch viel mehr beachten. Es ist aber auch interessant.

Und im Führerstand gibt es auch unzählige Kameras...

Ja, die Zeiten des Spiegels sind vorbei. Das ist heute alles mit Kameras geregelt. Wie bei neuen Autos teilweise ja auch.

Wie lange sind Sie pro Schicht unterwegs?

Es kommt immer darauf an. Es sind jeweils zwei Dienstteile in einer Schicht. Ein Teil dauert immer vier bis fünf Stunden und wir fahren 504 Minuten pro Tag. Das schreibt das AZG (Arbeitszeitgesetz, Anm.d.Red.) vor. Manchmal fährt man auch nur drei Stunden und ist dann im zweiten Teil fünfeinhalb Stunden unterwegs.

Und wenn Schichtende ist wartet der nächste Chauffeur schon an der Haltestelle?

Das ist dann die Ablösung mit dem Händeschütteln, genau.

Haben Sie sich denn schon mal verfahren?

Ja klar! Ich glaube, es gibt kein Drämmlifahrer, dem das noch nie passiert ist. Ihr müsst Euch vorstellen, wir befahren jeden Tag bis zu 200 Weichen. Da hat man 200 Mal die Möglichkeit falsch abzubiegen. In Zürich wird die Weiche automatisch vom Tram  gestellt und wir müssen das selber machen.

Dass Sie selber die Weiche verstellen müssen, hat ja dann auch seine Vorteile. Wenn Sie jetzt zum Beispiel auf eine Umleitung reagieren müssen.

Genau, allerdings muss ich mich dann immer an die Anweisungen der Leitstelle halten. Die sind mein Chef, wenn ich im Drämmli unterwegs bin. Die sagen mir dann, wo ich durch muss.

Gibt es Vorgaben, wie schnell das Tram bei der nächsten Haltestelle sein muss?

Ja, das ist hinterlegt. Jede Strecke auf dem Netz wurde irgendwann mal gemessen und die Zeiten sind festgehalten. Es gibt auch verschiedene Zeiten, zum Beispiel am Morgen, zur Hauptverkehrszeit, ist mehr Zeit einberechnet für die Strecke von einer Haltestelle zur nächsten.

Müssen Verspätungen wieder aufgeholt werden?

Nein, das ist gar nicht möglich. Wir haben ja auch Tempovorgaben. Ich kann in einer 30er-Zone nicht plötzlich 50 fahren. Die verlorene Zeit können wir dann meistens mit der Bedienung der Haltestelle wieder einholen. Sofern es nur ein geringer Rückstand ist. Bei grossem Rückstand bringt auch das nichts mehr. Dann ist es halt leider so. Am Endaufenthalt kann man es dann wieder gut machen, da haben wir ein paar Minuten spatzig.

Sie fahren ja auf verschiedenen Strecken – welches ist ihre liebste?

Der 14er. Es ist für mich die schönste Linie, denn man hat alles: Stadt, Bahnhof, und Land. Und sie ist schön lang, das heisst man muss in einer Schicht nicht mehrfach hin und her fahren, die fährst du vielleicht ein bis zwei Mal und dann ist die Schicht schon wieder fertig.

Freut mich als Muttenzer zu hören! Unsere Linie ist ja vor allem während FCB-Matches beliebt, wie erlebt man diese als Drämmlifahrer?

In den ersten Jahren war ich praktisch bei jedem Match dabei und hatte nur einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Die Fahrgäste sind im Tram heftig gehüpft und dann gibt es Probleme mit dem Stromabnehmer, was gefährlich sein kann. Daher musste ich die Wagen von der Polizei räumen lassen. Aber das war, wie gesagt, ein Mal und eigentlich war es immer relativ in Ordnung.

Es ist aber auch schon passiert, dass ich am Joggeli stand und die Fussball-Fans haben angefangen, sich gegenseitig auf die Mütze zu geben. Also ich habe auch schon ein wenig Tränengas abbekommen... Ich konnte dann relativ schnell weg – die Polizei sorgt auch immer dafür, dass wir schnell weg können. Im Grossen und Ganzen ist es aber immer angenehm. Sie gröhlen und singen, aber das ist ja kein Problem.

Fühlt man sich in solchen Situationen noch sicher im Führerstand?

Ja, wir können abschliessen und haben im schlimmsten Fall auch einen Notfallknopf. Das geht direkt an die Leitstelle und von dort je nachdem auch an die Polizei. Die ist meist auch gleich schon genügend vor Ort! (lacht)

Gibt es für Wagenführer die Möglichkeit unterwegs ein WC zu benutzen?

Klar, wir haben an jedem Endaufenthalt eine Toilette und die kann man dann jederzeit benützen. Auch auf der Strecke gibt es ein paar Orte, zum Beispiel beim St. Jakob, St. Johann oder Eglisee. Wenn es wirklich dringend ist, dann geht es schon.

Mussten Sie schon einmal notfallmässig durchgeben «Exgüse, ich muss kurz aufs WC»?

Ich zum Glück nicht! Aber ich kenne schon ein paar, die da schon durch mussten. Dann muss man es der Leitstelle melden, dass die informiert sind und dann geht das schon.

Was mir immer wieder auffällt ist, dass man sich als Chauffeur ständig gegenseitig zuwinkt. Kennen Sie wirklich alle, die gerade auch unterwegs sind?

Nein, natürlich nicht. Wir sind ja über 600, also Bus und Tram, und da hat man keine Chance, alle zu kennen. Man kennt nicht alle, aber nach einer gewissen Zeit recht viele. Das Winken ist wie bei Töff-Fahrern, das gehört einfach dazu.

Stört es Sie, wenn Sie unterwegs von Fahrgästen angesprochen werden?

Es kommt immer drauf an ob es ein Ansprechen ist oder ein Anpöbeln. Stören tut es eigentlich nicht, Kundendienst gehört für uns auch dazu. Ich habe keine Probleme damit, das Anpöbeln ist natürlich weniger schön aber damit hatte ich bis jetzt noch nie gross Probleme.

Und dann gibt es ja auch grosse Drämmli-Fans, die gerne mit dem Chauffeur unterwegs reden wollen...

Die gibt es definitiv, ja.

Offene Ohren haben Sie als Drämmlichauffeur sicher, denn Musikhören während der Fahrt scheint für Sie kein Thema.

Ja, wir sind leider dem Schienenverkehrsgesetz unterstellt und da ist Musikhören ganz klar untersagt. Beim Busfahren ist das anders, die sind dem Autoverkehrsgesetz unterstellt.

Meines Erachtens ist das einer der grössten Fehler, denn Musik kann sehr beruhigend wirken und es macht das Ganze auch ein wenig entspannter. Ich kann auch nicht verstehen, was der Grund dafür sein soll. Also wieso darf ein Busfahrer Radio hören und ein Drämmlichauffeur nicht? Aber es ist leider Gesetz und da müsste man eigentlich beim Bund anklopfen. Wir haben auch schon dementsprechende Vorstösse gemacht.

Autofahrer müssen ab einem gewissen Alter regelmässige Checks machen, ob sie noch fahrtüchtig sind. Gibt es etwas Ähnliches bei den Tram-Chauffeuren?

Jaja, wir haben es eigentlich schwerer als ihr alle! (lacht) Wir müssen alle fünf Jahre eine theoretische Prüfung ablegen und das ist die gleiche wie am ersten Tag – so als hättet ihr alle fünf Jahre eine Autoprüfung. Wir haben die amtsärztliche Untersuchung, dabei kommt es drauf an wie alt man ist. Am Anfang alle fünf Jahre und in meinem Alter nun jedes dritte Jahr. Wir haben da sehr strenge Vorgaben.

Und wenn man die Prüfung nicht schafft?

Wenn man sie das erste Mal nicht schafft, dann darf man nicht mehr fahren, hat einen Monat lang Kurse und wird nochmals darauf vorbereitet. Danach hat man die Möglichkeit, nochmals an die Prüfung zu gehen. Wenn man es dann nicht schafft, ist man weg vom Fenster. Ich habe allerdings noch nie gehört, dass es jemand beim zweiten Mal nicht geschafft hat.

Gibt es Situationen, in denen beinahe etwas Schlimmes passiert wäre?

Jeden Tag. Und das passiert jedem Drämmler jeden Tag. Und ich kann Ihnen sagen, gerade die Rennbahnkreuzung in Muttenz (wo, der Tramunfall im Oktober geschah, Anm.d.Red.), das ist eine Kreuzung, bei der ich persönlich schon unzählige Male eine Gefahrenbremse einleiten musste. Durch unsere Routine und Voraussicht verhindern wir auch sehr viele Unfälle.

Reden wir über etwas Positives: Ihr schönstes Erlebnis als Drämmlifahrer?

Die EM 2008, die war sensationell. Ich stand da am Bahnhof mit dem 8er und um mich war alles orange. Klar, wir sind nur noch gestanden, aber es war so eine tolle Stimmung. Und auch ein paar Tage später als die deutschen Fans kamen, auch da war es einfach nur ein Erlebnis. Was ich auch gerne habe ist die Fasnacht. Ich persönlich bin nicht aktiv, aber ich fahre immer an der Fasnacht. Das sind wirklich die drey scheenschte Dääg. Die Leute sind alle sehr glücklich, du fährst andere Strecken und der Fahrplan spielt auch keine Rolle mehr – da kannst du dich eh nicht mehr dran halten. Hauptsache es kommt irgendwann ein Drämmli! Da arbeite ich immer gerne, schon seit 17 Jahren jedes Mal.

17 Jahre: Gibt es da etwas, das Sie sich als Wagenführer für die Zukunft wünschen?

Eine Kaffeemaschine im Wagen! Ansonsten haben wir ja die neuen Flexity-Trams, die finde ich persönlich sehr toll. Vor allem die kurzen, wenn man aufs Bruderholz fahren kann. Es gibt natürlich auch bei diesen immer etwas kleines, an dem man «rumnörgeln» kann. Aber schlussendlich ist alles besser als meine erste Fahrt.

Ein Wunsch noch an uns Fahrgäste?

Womit wir manchmal ein Problem haben: Es fehlt ein wenig die Aufmerksamkeit. Die Fahrgäste im Tram sind nicht das Problem, sondern die Personen, die gedankenverloren auf der Strasse unterwegs sind. Der Verkehr hat brutal zugenommen und dann kommt noch die Unaufmerksamkeit dazu. Wenn Ihr Euch achtet auf grossen Plätzen wie der Barfi: Jeder glotzt ins Handy und keiner schaut links und rechts. Es ist für uns auch sehr gefährlich – die meisten Gefahrenbremsen müssen wir aufgrund unachtsamer Leute machen. Für uns kann es auch sehr stressig sein, wenn wir die Türen geschlossen haben, auf das Lichtsignal warten – das müssen wir jeweils bei der Leitstelle anfordern – und dann klopft jemand an die Scheibe.

Wir können dann nicht mehr aufmachen. Denn ihr könnt sicher sein: Genau dann, wenn wir die Türe öffnen, bekommen wir das Lichtsignal. Und bis die Person eingestiegen und die Türe wieder geschlossen ist, haben wir das Signal verpasst. Dann müssen wir nochmals drei Minuten warten. Das ist für mich unbegreiflich. In sieben Minuten kommt ja das nächste Drämmli. In anderen Ländern kommt vielleicht einmal am Tag eines! (lacht)

Vielen Dank für diesen offenen Einblick in den Drämmler-Alltag und gute Fahrt!

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