• Binci Heeb
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Messe-Präsident Ueli Vischer: «Wir sind strategisch und operativ gut aufgestellt»

Vor der Basler Fasnacht lud die MCH Group kurzfristig zu einer Medienkonferenz, um ihren Verlust von 110 Millionen Franken zu erklären. barfi.ch hat mit dem ehemaligen Basler Finanzdirektor und VR-Präsidenten der MCH Group über die Aussichten der Messe sowie ein weiteres Sorgenkind der Stadt, die Universität Basel, gesprochen.

barfi.ch: Kurz vor Ihrem Entscheid, als Finanzdirektor aufzuhören, präsentierten Sie noch ein letztes rigides Sparprogramm. Überhaupt war Ihre Zeit im Regierungsrat geprägt von Sparzwängen. Waren Sie stolz, wenn Frau Herzog noch Jahre lang die auf Ihrem Fundament basierenden guten Zahlen als die ihren vorzeigte, oder ärgerte Sie das?

Ueli Vischer: Das ist jetzt aber schon lange her. Jeder Finanzdirektor, überhaupt jeder Regierungsrat, hat während der Zeit, in der er in Charge ist, seine Herausforderungen zu bewältigen. Das endete für mich nach meinem Rücktritt. Dann hat Eva Herzog übernommen. Für mich war und ist das bestens – und kein Problem. Ich bin froh, dass es Basel finanziell so gut geht.

Vor Ihrer politischen Karriere waren Sie Generalsekretär sowie Leiter der Rechts- und Steuerabteilung der Baloise, für diese auch im Ausland tätig. Seit 2006 arbeiten Sie in einer Anwaltskanzlei. Wie war die Rückkehr in die Privatwirtschaft? 

Da ich relativ jung Regierungsrat wurde, war ich beim Rücktritt nach 12 Jahren entsprechend ebenfalls noch in einem Alter, in dem ein Umsteigen und ein Wiedereinstieg in eine andere berufliche Tätigkeit sehr gut möglich waren. Nach einem Aufenthalt in den USA konnte ich die Arbeit als Rechtsanwalt vom ersten Tag an aufnehmen und habe das Glück, seither täglich vielfältige und interessante Mandate wahrnehmen zu könne.

Seit 2006 sind Sie auch Präsident des Verwaltungsrats der MCH Group. In der letzten Zeit gibt es aus dieser Ecke eigentlich nur Hiobsbotschaften. Zuletzt mussten Sie sogar einen Verlust von 110 Millionen Franken bekanntgeben. Wie geht es nun weiter?

Der Verlust im Geschäftsergebnis 2017 ist auf Sonderabschreibungen auf die Messehallen in Basel und Sonderrückstellungen für strukturelle Optimierungen im nationalen Messe- und Eventgeschäfts zurückzuführen. Diese Sondermassnahmen sind verkraftbar, die MCH Group ist nach wie vor gesund und stark. Wir sind strategisch und operativ gut aufgestellt. Wir verfolgen bereits seit Jahren eine Strategie der Diversifikation, Internationalisierung und Digitalisierung. Diese werden wir weiter vorantreiben.

Die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld wird viel kleiner. 2017 kamen 200 Aussteller weniger als im Vorjahr und 2018 wird die Messe nur noch etwa 600 Aussteller zählen. Die Herbstwarenmesse wird ganz eingestellt, auch die Muba verliert Besucher und Ansehen. So langsam hat man das Gefühl, dass der Messeplatz Basel überflüssig ist? Wie sehen Sie das?

In der Tat sieht sich das Messewesen als klassische Marketing-Plattform mit den digitalen Transformationen grossen Herausforderungen gegenüber. Verändertes Konsumverhalten, neue Vertriebsstrukturen, neue Marktteilnehmer, neue Marketing- und Kommunikationskanäle sind ein paar Stichworte für die Gründe dafür. Das Phänomen ist nicht neu, sondern bereits seit über zehn Jahren bekannt. Dass es seit 2015 nun auch die Baselworld erfasst, haben wir, hat aber auch die Industrie selbst nicht vorausgesehen – insbesondere auch nicht in dieser Geschwindigkeit. Das geschilderte Phänomen hat jedoch bereits seit vielen Jahren die typischen Publikumsmessen wie eben die MUBA beeinträchtigt. Jeder kann an sich selbst beobachten, dass er z.B. mit dem Kauf eines Küchengerätes eben nicht mehr wie früher auf die MUBA wartet, wo es 10% Rabatt gab, sondern sich das anderweitig besorgt. Solche Plattformen werden weiter an Bedeutung verlieren. Wir bemühen uns aber, auch in der Schweiz und auch in Basel das Messeportefeuille zu erweitern. Zum Beispiel mit der Grand Basel - einer kuratierten Plattform für Sammler von automobilen Meisterwerken -, welche im September hier lanciert wird.

Die Ausstellungsflächen schrumpfen weltweit, die Schuld trägt wohl nicht zu Unrecht das Internet, doch das war eigentlich absehbar. Wurde der Neubau nicht viel zu gross konzipiert?

Die Planung des Neubaus begann im Jahre 2004. Die Volksabstimmung dazu war vor zehn Jahren. Schon damals konzipierten wir einen Neubau, der 20 Prozent weniger Fläche enthält. Es ging darum, die veralteten und nicht mehr bespielbaren Hallen zu ersetzen und es ist schon so, dass der Bedarf dafür insbesondere von der Baselworld kam. Diese war unser wichtigstes Produkt – ist auch heute noch bedeutend. Die Zuversicht und der Optimismus für ihr Business, mit der die Aussteller, unsere Kunden, damals die Halle begrüssten, ist daraus ersichtlich, dass sie noch im 2013 500 Millionen in ihre Stände investierten.

Würden Sie heute anders bauen?

Heute, in Kenntnis der doch dramatischen Entwicklung der Baselworld, würde man sicher anders bauen.

Neue Formate sind gefragt, hat die Messe den Trend zur Digitalisierung zu spät erkannt?

Nein, die Digitalisierung ist schon seit über zehn Jahren eine der zentralen Stossrichtungen unserer Strategie. Wir haben schon viel in entsprechende Entwicklungen investiert und werden weiter darin investieren, zum Beispiel in neue Online-Plattformen und ins digitale Besuchermarketing. Mit der Grand Basel haben wir ein Format entwickelt, das es so noch nirgends gibt. Gleichzeitig kommen an dieser Messe auch neue Technologien wie Augmented Reality zum Einsatz. Wir sehen eine grosse Chance in unserem «Live-Marketing-Geschäft», auf diese Weise Realität und Virtualität mit einander zu verbinden.

Was soll nun mit den vielen leeren Hallen geschehen? Sind Umnutzungen geplant?

Es ist nicht so, dass durch die Verkleinerung der Baselworld plötzlich alle Hallen leer stehen. Wir hatten im Geschäftsjahr 2017 hier in Basel insgesamt 21 Messen und 9 weitere Anlässe in den Messehallen. Die Auslastung der Hallen ist nach wie vor gut. 

Immer wieder kam es bei der Messe in letzter Zeit zu Entlassungen. Und Sparen ist auch weiterhin angesagt, die Messe spricht von Reorganisation und stetiger Optimierung. Werden weitere Stellen abgebaut?

Der Personalbestand der ganzen Unternehmensgruppe ist im vergangenen Jahr von rund 630 auf zirka 1'000 festangestellte Mitarbeiter/innen gestiegen, was in erster Linie auf die verschiedenen Akquisitionen zurückzuführen ist. Im nationalen Geschäft – das heisst auch am Standort Basel – war der Personalbestand im letzten Jahr stabil. Wenn wir weitere strukturelle und organisatorische Optimierungen anstreben, dann mit dem Ziel, eine möglichst effiziente und profitable Organisation zu haben. Wir planen keine Entlassungen, aber weitere Restrukturierungen werden auch mit personellen Veränderungen verbunden sein. Wie sie sich auf den Personalbestand auswirken werden, können wir zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Die MCH Group expandiert, z.B. mit der Art Basel ins Ausland. Könnte nicht auch umgekehrt z.B. eine der grossen Messen in Las Vegas nach Basel gebracht werden?

Darum, dass wir in unserem Messeportefeuille in Basel mit der Baselworld und der Art Basel zwei Weltmessen haben, beneiden uns die Messeplätze auf der ganzen Welt. Die im letzten Jahr akquirierte amerikanische Live Marketing Gesellschaft MC2 arbeitet unter anderem auch für verschiedene Messen in den USA. Angesichts der Grösse des Marktes, gibt es dort vergleichsweise riesige Messen. Ich denke an eine Elektronik-Messe in Las Vegas. Es wäre eine Illusion zu meinen, dass man eine solche Messe, welche auf die US-Kunden ausgerichtet ist und an einem Ort mit riesigem Hotelangebot stattfindet, nach Basel dislozieren kann. Deshalb versuchen wir, etwas Neues aufzubauen, wie aktuell mit der Grand Basel.

Die MCH Group veranstaltet rund 40 Messen, darunter unter anderem die Baselworld, Swissbau, Igeho, Giardina, Muba und die Art Basel in Basel, Miami Beach und Hong Kong. Wurde das Hauptaugenmerk mit der Ausrichtung der Art Basel ausserhalb der Schweiz, sowie Messen wie die Art Düsseldorf, India Art Fair oder Masterpiece in London nicht zu sehr auf das Ausland gelegt? Wurde der Standort Basel dabei nicht vernachlässigt? 

Der Messe- und Eventmarkt in der Schweiz ist beschränkt bis rückläufig; Wachstum entsprechend nicht mehr möglich. Deshalb haben wir schon vor über zehn Jahren eine Diversifikationsstrategie eingeschlagen, sowohl inhaltlich mit einem Ausbau des Messeportfolios und der Dienstleistungsangebote, wie auch geographisch mit einer verstärkten Internationalisierung und auch Digitalisierung. Diese Strategie setzten wir seit Jahren um, nicht zuletzt jetzt auch im 2017 mit der erfolgreichen Umsetzung verschiedener Initiativen.

Zu einem anderen Thema. Sie sind seit 2005 Präsident des Universitätsrates der Uni Basel. Überall muss aufs Geld geschaut werden, auch an der Uni. Dem Rektorat wird planloses Sparen vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?

Der Universität ist in den vergangen zwei Jahren aus der Politik allerhand vorgeworfen worden. Beim Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel müssen Universitätsleitung, Rektorat und Universitätsrat sorgfältig planen. Abbaumassnahmen können nicht von einem Jahr auf das andere umgesetzt werden, weil alle festen Stellen praktisch unkündbar sind. Deshalb gilt es rechtzeitig zu planen, wann welche Stellen wiederbesetzt werden können, ob sie auch besetzt werden müssen oder ob die Mittel umgelenkt werden können.

Es ist aber schon so, dass die Universität demnächst von der Politik wissen muss, ob sie nach einem Abbau der Reserven wieder mit strukturellen Mitteln rechnen kann oder ob es längere Zeit bei stagnierenden Globalbeiträgen bleiben wird. Denn sie ist, u.a. wegen der Neubauten und dem Ausbau der Medizinausbildung, mit steigenden Kosten konfrontiert, die strukturell finanziert werden müssen. Hinzu kommen notwendige strategische Investitionen, bspw. in die Digitalisierung, wenn die Universität mit der allgemeinen Entwicklung mithalten will.

Zu Reden gibt der Plan eines Abbaus in den Geisteswissenschaften. Ist so etwas für die Universitätsstadt überhaupt vertretbar?

Nein, ein Abbau der Geistes- und Sozialwissenschaften ist auch überhaupt nicht geplant. Ein solcher Eindruck kann manchmal entstehen, wenn in den Medien berichtet wird, dass eine Stelle nicht mehr besetzt oder weniger hoch dotiert wird. Das hat dann aber eben damit zu tun, dass die Universität Prioritäten anders setzen muss oder auch will. Geisteswissenschaften dürfen nicht gegen die Naturwissenschaften oder die Medizin, die sog. Life Sciences-Wissenschaften, ausgespielt werden. Dieser Eindruck kann auch deshalb aufkommen, weil Fakultäten, bei denen im Labor gearbeitet und geforscht wird, viel teurere Infrastrukturen benötigen als eben die Geisteswissenschaften, deren Ansprüche an die Infrastrukturen viel einfacher sind.

Warum trifft es so oft die Geisteswissenschaften, während z.B. das neue Biozentrum «eines der grössten Hochbauprojekte in der Gschichte» der Uni darstellt? Ist es die enorme Bedeutung der hier ansässigen Life Sciences-Industrie?

Bei den realen Entscheiden der Universitätsleitung trifft es die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften keineswegs mehr als die anderen. Im Verlauf der letzten zehn Jahre sind vielmehr auch hier zahlreiche neue Professuren geschaffen worden, auch um der gesamthaft hohen Studierendenzahl gerecht zu werden. Dennoch steht dieser Bereich oft im Fokus der öffentlichen Diskussion. Von einer Seite, weil ihre Bedeutung nicht erkannt wird und sie als «l’art pour l’art»-Fächer wahrgenommen werden, von der anderen Seite aus gegenteiligem Grund, weil beargwöhnt wird, dass nur in den Geisteswissenschaften gespart werde. Aus Sicht der universitären Strategie ist die Bedeutung der Geisteswissenschaften unbestritten. Gerade in der modernen Gesellschaft haben sie etwa als Orientierungsdisziplinen eine zentrale Funktion beim Erkennen und Bewerten der technologischen Innovation.

Sie werden als «der Architekt» der bikantonalen Uni-Trägerschaft bezeichnet. Wie hat sich diese Zusammenarbeit Ihrer Meinung nach entwickelt?

Mein Beitrag wird in Ihrer Fragestellung zwar überbewertet. Es trifft aber zu, dass die Regierungen noch während meiner Amtszeit diese Verhandlungen geführt hatten. Zur bikantonalen Trägerschaft kann ich mich aus Sicht der Universität wirklich euphorisch äussern. Die Universität, die seit 2006 zwei Trägerkantone hat, konnte sich dank den dadurch zur Verfügung stehenden Mitteln hervorragend entwickeln. Ohne die Mitträgerschaft des Kantons Basel-Landschaft wäre die Universität Basel nicht auf ihrem heutigen Niveau. Dies kann man nicht genug herausstreichen. Und die beiden Trägerkantone können darauf stolz sein.

Trotz Spardiktat: Gibt es Punkte, an denen die Uni wachsen muss und kann?

Vorweg eine Information zum Wort «Spardiktat»: Die Universität verfügt für die Leistungsperiode 2018 – 2021 über gleich viel Trägermittel wie zuletzt. Der Zwang zu Umlagerungen im Budget mit entsprechendem Leistungsabbau und Reserveneinsatz ergibt sich daraus, dass bereits zuvor von den Trägern ein Kostenwachstum ausgelöst wurde, ohne dass die Universität die Mittel dazu erhalten hatte.

Und natürlich ist es wichtig, in bestimmten Gebieten noch wachsen zu können, wobei ich mit «wachsen» nicht etwa ein quantitatives Wachstum meine. Bezüglich der Anzahl Studierender sind wir z.B. auf dem vor zehn Jahren von den Regierungen vorgegebenen Niveau angelangt. Diesbezüglich befinden wir uns bereits seit zwei Jahren in einer Konsolidierungsphase. Hingegen wollen wir weiter an Qualität wachsen bzw. wollen die hohe Qualität, die wir erreicht haben, in der Konkurrenz mit anderen Spitzenunis halten. Dafür braucht es dauernd grosse Anstrengungen und natürlich auch die nötigen Mittel. Ein Gemeinwesen tut jedenfalls gut daran, an der Bildung nicht zu sparen. Die eigene Jugend gut auszubilden und auch aus anderen Regionen Talente in unsere Region zu holen, heisst den Wohlstand der Gesellschaft für die Zukunft zu sichern. Jeder Franken ist hier hervorragend investiert.

Kann die Uni mittelfristig am Modell der Volluniversität mit breitem Fächerangebot weiter festhalten?

Zum Glück für die Universität, vor allem aber zum Glück für die Region Basel und die Bevölkerung ihrer Trägerkantone, wird nicht in Frage gestellt, dass die Universität Basel die bestehenden Fakultäten weiterführen soll. Das heisst übrigens nicht, dass wir jedes einzelne «Orchideenfach» selbst anbieten. Mit Kooperationen mit anderen Hochschulen kann das Angebot komplettiert und erweitert werden.

Neuere Studiengänge wie «Critical Urbanism» (10 Studierende), aber auch ältere wie «Gräzistik» (3 Studierende) werfen die Frage auf: Wie breit soll dieses Fächerangebot sein?

Diese Zahlen geben kein vollständiges Bild der Nachfrage wider. Denn die meisten Studienfächer sind in ein breiteres Lehrangebot eingebettet. Auch kleine Fächer mit wenig Studierenden können zum Beispiel wichtige Grundlagen für verschiedene andere Disziplinen wie Geschichte, Philosophie oder moderne Sprachen liefern. Die Universität soll ein Fächerangebot bereitstellen, das ihrem Profil und Bedürfnissen in der Region entspricht sowie finanzierbar ist. Und klar, in diesem Zusammenhang ist auch die Studierendenzahl, d.h. die Nachfrage, ein Kriterium.

Mit 66 Jahren sind Sie eigentlich im Pensionsalter. Davon spürt man überhaupt nichts. Wie ist es bei Ihnen selber?

Ich spüre davon auch nichts.

Zum Schluss sei uns noch diese Frage erlaubt. Man sieht Sie oft auch mit Velo oder Roller in der Stadt. Begrüssen Sie das Verkehrskonzept von Hans-Peter Wessels?

Hier ziehe ich wie immer die Karte, dass ich mich zu Leistungen meiner Nachfolger in der Regierung grundsätzlich nicht öffentlich äussere.

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