Ballettdirektor Richard Wherlock hat mit «Tewje» einen Hit gelandet und verspricht aber noch mehr. Bilder: Werner Tschan
Ballettdirektor Richard Wherlock hat mit «Tewje» einen Hit gelandet und verspricht aber noch mehr. Bilder: Werner Tschan
  • Andy Strässle
  • Aktualisiert am

Richard Wherlock:«Wir kämpfen immer um die Bedeutung des Tanzes»

Seit 16 Jahren leitet Richard Wherlock das Basler Ballett. Unter ihm wurde das Ballett nicht nur zur multikulturellen Truppe, sondern zu einer der besten zeitgenössischen Tanz-Compagnien.

Ballett, Tanz, moderner Tanz, können Sie einem Banausen erklären, warum das heute noch wichtig oder zeitgemäss ist?

Das ist immer so eine Frage, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. War zuerst die Musik oder zuerst der Tanz da? In Basel hatten wir zum Glück immer ein Dreispartenhaus. Ich wurde von Berlin nach Basel geholt, um das Repertoire auszubauen. Der gemeinsame Wunsch des Theaters und mir war, traditionelle Stücke in der Sprache von heute zu inszenieren. Damals hatte die Tanzszene in der Schweiz international auch etwas den Anschluss verloren. Meine Aufgabe war es also eine Compagnie mit einer eigenen modernen Technik aufzubauen.

Es fällt auf, dass es in Ihren Choreografien oft um existentielle, universelle Fragen geht, um Menschen auf der Suche, die Geschichten erzählen, die alle angehen, nicht nur darum «schön» zu tanzen?

Das ist eine gute Frage. Wie bei anderen Künstlern, etwa Malern oder Fotografen, tauchen sofort viele Fragen auf, wie: Warum machst du es so, wie Du es machst? Viele Einflüsse kommen zusammen, du wirst beeinflusst durch die Umgebung in der Du lebst. Ich habe diese Compagnie geformt, aber das musste erarbeitet werden. Mein Antrieb ist  die Liebe zur Humanität. In unserer Compagnie sind viele Nationalitäten, Hautfarben und ganz verschiedene Menschen zusammen. Aus diesem Reichtum und dieser Spannung heraus können wir gemeinsam etwas erschaffen. Darum gelingt es auch aus jedem Motiv oder Sujet etwas Neues herauszuschälen. Vor vier Jahren war das «Snow White». Unterdessen bin ich als Künstler weiter und auch sicherer. Im Moment sind wir in den Vorbereitungen für Thomas Manns «Tod in Venedig», können durch die erfolgreiche Arbeit in den letzten Jahren nun mehr riskieren.

In Basel ist die Sparte Tanz sehr erfolgreich, was ist das Geheimnis?

Im Tanz waren wir nie die Nummer eins in der Kulturszene, vor allem in der etablierten Szene. Wir kämpfen bis heute um diese Bedeutung. Da spielt die Form keine Rolle. Egal, ob es modern, klassisch oder Tanztheater ist, wir müssen immer um die Bedeutung des Tanzes kämpfen.

Sie haben das Risiko angesprochen, steht das künstlerische Risiko im Vordergrund oder der Erfolg beim Publikum?

Da muss man immer fragen: Was ist Erfolg? Ein Erfolg für die Tanzwelt ist, dass wir überhaupt noch da sind. Erfolg bedeutet aber auch, dass wir viele Zuschauer haben und bei unseren Vorstellungen eine gute Auslastung erreichen. So landet man in einer Saison einen Hit, in der nächsten vielleicht ein bisschen weniger. Wir balancieren auf dem schmalen Grat zwischen der Erwartung des Publikums und und unserer eigenen. Denn die Tänzer sind jung, hungrig. Meine Rolle ist es zwischen möglichst hochstehender Kunst und dem Publikum zu vermitteln. Das Risiko bleibt aber immer die Ungewissheit. Man weiss ja nie genau, was beim Publikum ankommt. Trotzdem sollten wir bereit sein zu sagen: wir gehen unseren Weg, bieten höchste Qualität, ohne genau zu wissen, ob es ankommt. 

Scheitert man auch manchmal, geht manchmal etwas schief? 

Eines der grössten Probleme ist, dass die Karriere von Tänzern so kurz ist. Sie dauert vielleicht von 18 bis 35 Jahren, so wie bei vielen Sportarten. Deswegen versuche ich für meine Tänzer so viel wie möglich zu realisieren. Das beginnt mit der Zahl der Aufführungen, die Zusammenarbeit mit spannenden Gastchoreografen und endet mit interessanten Uraufführungen. Einerseits können wir so die guten Tänzer in Basel bei der Kompagnie halten, andererseits muss in einer relativ kurzen Karriere viel Platz haben. Ein wichtiger Teil meines Jobs ist es auch, den Tänzerinnen und Tänzern Tipps zu geben, wie es nach der Tanzkarriere weitergehen könnte.

Wie schwer war es für Sie, eine Laufbahn als Tänzer einzuschlagen, Sie sind ja mit 15 von Bristol, also von zuhause, weg?

Der Beruf als Tänzer war nie einfach. Zunächst musste ich als junger Mann kämpfen. Etwa, als ich nach Hause kam und sagse, ich möchte Balletttänzer werden. In meiner Umgebung war das nicht normal. So waren einige meiner Vorfahren Minenarbeiter. Vielleicht bin ich am Ende doch der Original-Billy Elliot. Meine Eltern akzeptierten meinen Wunsch Tänzer zu werden nur schwer. Sie hätten es lieber gehabt, wenn ich etwas Seriöses wie Anwalt oder Ingenieur geworden wäre. Schliesslich haben sie gesagt: Ok, mach, was du willst, aber du musst es selbst finanzieren. Es war ein harter, harter Kampf, der schon mit 15, 16 anfing. 

Wie haben Sie das Leben als Tänzer erlebt?

Der nächste Kampf ist der mit dem eigenen Körper. Denn kein Körper ist perfekt.Als Choreograf folgt der nächste Kampf, auch hier ist die Konkurrenz riesig. Bist du klassisch, bist Du modern oder neoklassisch, wirst du in eine Schublade gesteckt. Ich selbst war immer begeistert von Bewegung, einfach Bewegung. Ich hatte das grosse Glück, tolle Lehrerinnen und Lehrer zu haben. Das gilt für die ganze Karriere: Ich hatte Glück, Glück, Glück. 

Es hat keine Rückschläge gegeben?

Puh, viele Leute wollten meine Jobs haben. Du kannst es nicht allen recht machen. Ein Fehler war, dass ich dachte: I can make everybody happy. Aber das geht nicht. Ausser bei meinen Kindern. Doch das ist ein anderes Thema. Als Ballettdirektor kämpft man täglich um die Akzeptanz des Tanzes, darum, dass er als Kunstform akzeptiert wird.

Was macht den Reiz deiner Arbeit aus? 

Ich bin mit zwanzig professionell in den Tanz eingestiegen, habe keine Universität besucht, keine einzige Prüfung geschafft. Ausser der Fahrprüfung vielleicht. So ist das Theater mein Leben. Seit zwanzig Jahren bin ich zwar Direktor, aber ich lerne immer noch dazu. Dazu trägt mich die Arbeit mit einer hungrigen Compagnie. Wir haben grossen Appetit etwas zu schaffen.

 Ich möchte gerne nochmals Bristol ansprechen: Alle berühmten Söhne, sei es Cary Grant, Nik Kershaw oder Banksy haben die Stadt verlassen, obwohl sie sehr schön ist, wie war das bei Ihnen?

Wenigstens hat Banksy etwas dagelassen (lacht). Ja, wirklich es ist sehr schön. Interessant finde ich auch, dass Bristol mit Bordeaux und Hannover Städtepartnerschaften hat, aber nicht mit Basel, das hätte ich gerne. Mein Grund von Bristol wegzugehen, war, dass ich sah: Man wird dort geboren, arbeitet, heiratet und man stirbt dort. Da musste ich erst einmal weg. Ich wollte einfach mehr Erfahrungen sammeln. Wollte nach Paris, Damaskus, Kairo, wollte in alle die verschiedenen Länder. Woher das kommt, weiss ich nicht so genau. Aber vielleicht ist es das Blut meiner Mutter. Mein Ur-ur-Grossvater war Hafenmeister in Bristol. Der frühe Wegzug ihres einzigen Kindes war nicht leicht für meine Eltern.

Sie haben in Interviews angesprochen, dass Tänzer ein Nomadenleben führen würden, gleichzeitig hast Du vor kurzem die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen, warum?

Why not? (lacht). Ich bekam ja ein Schild am Spalenberg. Am Basler Walk of Fame, neben Roger Federer, Arthur Cohn und all diesen Leuten. Da merkte ich, ich liebe diese Stadt, es gibt so viel Positives hier. Alleine in der Tanzszene ist so viel Leben, ist so viel am Entstehen, das ist grossartig. Zudem ist das Publikum hier einfach toll. Vorgestern hatten wir Schwanensee – einen traditionellen Stoff – und das Haus war voll. Auch der Austausch mit anderen Schweizer Häusern ist grossartig. Es  gibt verschiedene Stile in Zürich, Luzern, Genf. Das gefällt mir. Im Grunde wollte ich die Ehre, die mir die Stadt erwies, zurückgeben. Ich wollte zeigen, wie sehr ich das Theater hier und die Stadt schätze. Ein zweiter Grund war sagen zu können, ich habe ein Zuhause gefunden.

Sie sind seit 16 Jahren Ballettdirektor in Basel, wie gehen Sie mit den Diskussionen rund um das Thema Geld um?

An diese Unsicherheiten gewöhnt man sich nie. In erster Linie bin ich ja ein Künstler, da wird die Haut nicht dicker. Schliesslich gibt man immer alles, um etwas Neues zu schaffen. Man ist immer hypersensitiv, bekommt immer alles mit, was läuft. Auf der anderen Seite bin ich es gewohnt. Und: Ich bin nicht müde. Ich bin zwar sechzehn Jahre hier, aber es gibt noch viel zu sagen. Auch im Schauspielhaus läuft es jetzt richtig rund. So lange uns das Publikum, die Stadt und die Regierung unterstützen, gibt es keinen Grund zu gehen oder den Kampf aufzugeben.

Ihre Arbeit ist ja sehr vielseitig und Sie auch einige Filme gemacht, wie hat das die Arbeitsweise geändert?

 Ein Highlight war sicher, dass ich mit dem französischen Regisseur Claude Lelouch arbeiten durfte. Ich vergesse nie, wie ich an den Champs Elysées sass und vor Ehrfurcht fast erstarrt war. Faszinierend war auch, dass Lelouch mir sagte, wir arbeiten mit 360 Grad, das war eine Umstellung, denn auf der Theaterbühne sind es 180 Grad. Das hat eine ganz andere Wirkung. Aber es war eine tolle Erfahrung.

Ein Hit war «Tewje», das auch wiederaufgenommen wird, das Stück ist doch sehr episch, wie gross war da das Risiko?

 Ich sass bei den Proben in der ersten Reihe. Da waren das Orchester und die Klezmer-Band und es war gewaltig. Als ich die Musik von Olivier Truan zum ersten Mal hörte, dachte ich, wow, da kommt etwas auf uns zu. Mit «Tewje» reagierten wir auf unsere Weise auch auf die Flüchtlingskrise. Auch hinter diesem Erfolg steckt sehr harte Arbeit.

Für Dich als Ballettdirektor gibt es viel Pflichtstoff, Anlässe, Apéros, wie anstrengend ist das?

Meine Tänzer und ich sind wir da sehr offen, treten vor Kindern im  Universitätskinderspital oder den Grauen Panthern auf. Aber auch das gehört zu meiner Arbeit und sie ist immer interessant. Auch wenn ich manchmal erst spätabends nachhause komme. Das gehört einfach dazu.

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