Rolf Soiron in seinem Garten am Basler Rheinsprung.
Rolf Soiron in seinem Garten am Basler Rheinsprung.
  • Binci Heeb
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Rolf Soiron - homme d'influence im Ruhestand

Wie es kam, dass Rolf Soiron drei Grosskonzerne gleichzeitig leitete und was er heute macht im grossen barfi.ch-Interview.

  

barfi.ch: Sie standen 14 Jahre lang an der Spitze des Aufsichtsgremiums der Lonza. Können Sie den Ruhestand geniessen oder fragt Ihr Nachfolger (Albert M. Baehny) noch nach Ihrem Rat?

Rolf Soiron: «Ruhestand» ist so ein Wort… Jedenfalls komme ich mir fast so beschäftigt vor wie immer. Aber nicht mit Lonza: Mein Nachfolger und ich sprechen von Zeit zu Zeit zusammen, aber meinen Rat braucht er ganz sicher nicht. 

Nun sitzen wir in Ihrem wunderschönen Garten am Rheinsprung. Obwohl mitten in der Stadt ist es unglaublich ruhig hier. Man kann sich nicht vorstellen, dass Sie als promovierter Historiker Ihren Ruhestand alleine mit der Lektüre eines guten Buches verbringen... 

Doch – und natürlich Nein! Meine Frau braucht mich. Meine Kinder und Enkelkinder wollen mich für alles Mögliche. Ich werde für Vorträge und Diskussionen eingeladen. Das alles füllt die Tage bis zum Rand. Und dann führe ich ja auch noch die Aufsicht über das Elite-Institut IHEID in Genf.  

Womit beschäftigen Sie sich heute hauptsächlich? 

Schon am meisten mit der Familie. Da ist der Haushalt, der jetzt halt an mir liegt. Mit meinem Sohn arbeite ich an Bauprojekten, mit Tochter und den Enkelkindern gehe ich aus und plane Reisen. Dazu bringe ich Ordnung in Notizen und Material, das sich über die Jahre angesammelt hat. Jedenfalls ist der Kalender so voll, dass ich für einige Dinge, die ich eigentlich machen würde, gar keine Zeit mehr hätte. 

Welche Dinge wären das? 

Mir waren Gastprofessuren zum Thema «Wirtschaft und Gesellschaft» angeboten, und beim IKRK war ein interessantes Berater-Mandat im Gespräch, das mich weiterhin in Einsatzgebiete hätte reisen lassen. Aber das war in Anbetracht der Gesundheit meiner Frau einfach nicht mehr möglich. 

Sie wirken dennoch entspannt und glücklich. Trügt der Eindruck? 

Nein, ich glaube nicht. Ich bin rundum zufrieden und nicht über das, was nicht mehr geht, frustriert. Im Gegenteil: Für einen Partner und eine Familie zu sorgen, gibt ,Sinn», gelegentlich mehr als wirtschaftliche Erfolge. Meine Frau und ich sind beide dafür dankbar, was immer noch – und teilweise wieder – möglich ist – und dass wir nach so vielen Jahren Ehe immer noch zusammenhalten.   

Man kann sich gut vorstellen, dass es zwischendurch auch etwas Abstand von zu Hause braucht. Wie gehen Sie damit um? 

Natürlich. Darum bin ich so alle zwei Wochen mal kurz weg, meistens in den Bergen zum Wandern – solange das noch geht. 

Sie haben lange Jahre bei Sandoz gearbeitet, präsidierten 11 Jahre lang den Basler Universitätsrat und waren Mitbegründer der Bellevue Bank. Wie und weshalb gründet man eine Bank? 

Das waren die frühen Neunziger-Jahre, da waren Dinge möglich, die es heute nicht mehr gibt. Mich hatten die Initianten gefragt mitzumachen, weil ich praktische Erfahrungen im Bereich Pharma hatte. Ich war ja eben von Marc Moret bei Sandoz rausgeschmissen worden. 

Probleme mit VR-Präsident Marc Moret führten 1993 zu Ihrem Abgang bei Sandoz. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht? 

Das war damals für mich ein wirkliches Drama, aber es hatte seinen Sinn. Marc Moret, der Patriarch, verlangte totale Konzentration auf die Firma und den Job. So hatte er mir den Beitritt zu den Basler Lions verboten, weil mich das ablenken könnte. Diese Zwangsjacke fiel nach meiner Entlassung total ab und ich begann, eine ganze Reihe von Aufgaben parallel anzupacken: Den Chef-Posten bei Jungbunzlauer an der St. Alban-Vorstadt, VR bei Thomas Schmidheiny in der alten Holderbank, die Bellevue-Bank und dann bald auch noch den Vorsitz des Basler Unirats. Dieses Portefeuille von Mandaten entsprach mir sehr, aber unter Marc Moret wäre das keinesfalls möglich gewesen. 

So hat alles seinen Sinn. Darum bedauere ich eben auch, dass ich den Moment verpasste, mich mit ihm auszusöhnen. Das war zwar aufgegleist, aber er starb, bevor ich mit ihm sprechen konnte. Ich hätte ihm gern gesagt, dass der Rauswurf, der am Anfang weht tat, sich für mich zum Guten gewendet hatte. Manchmal denke ich sogar, er hat das gewusst. 

Nebst zahlreichen VR-Mandaten waren Sie auch Stiftungsrat der Denkfabrik Avenir Suisse, von 2009 bis 2014 ihr Präsident. Welche zukunftsorientierten Ideen hat der Think Tank Ihnen zu verdanken?

Avenir Suisse hat sich damals viel bewusster der Romandie zugewendet – und dann eben auch auf Basel und die Nordwestschweiz. 

Welches Ihrer vielen Standbeine, Sie waren zwischenzeitlich für die CVP auch Mitglied des Grossen Rates, hatte Sie am meisten gereizt? 

Schwer zu sagen. Denn so verschieden die Mandate waren: Ich war immer ganz von dem eingenommen, was ich jeweils tat. Aber vielleicht sind es drei Mandate, die mich mehr packten alles andere : Der Basler Unirat, das IKRK in Genf und Lonza. 

Sie waren von 2008 bis 2017 Comitémitglied beim IKRK. Was hat Sie in Ihrer Zeit dort am meisten geprägt? 

Erstens bin ich immer wieder in Einsatzgebieten gereist und bin hautnah an Dingen gewesen, von den wir meistens nur am Rande hören. Feld-Gefängnisse in denen immer noch vom Krieg geplagten Ostprovinzen im Kongo: Oft nur bessere Löcher im Boden. Massenkerker für die Tausenden gefangenen Maras in El Salvador, die wahre Hölle: Fabrikhallen mit zugemauerten Fenstern, wo hunderte in dunkeln, feuchten Räumen in Hängematten übereinander liegen. Internierungslager für Rohyngas in Malaysia, wo niemand weiss, wohin sie wollen. Etc. 

Ebenso stark war aber auch etwas ganz Anderes: Der Eindruck, den mir die jungen Delegierten des IKRK machten. Dank ihnen schaue ich zuversichtlich in die Zukunft. Das sind nämlich keine ahnungslosen Gutmenschen und Almosenverteilerinnen. Das sind energische, selbständige und selbstbewusste Verteidiger der Grundprinzipien des Völkerrechts, das von den Staaten unterschrieben wurde. Diese Delegierten scheuen sich nicht, die Verantwortlichen vor Ort immer wieder an diese Grundsätze zu erinnern, nicht theoretisch, sondern praktisch. 

Was hätten Sie gerne noch gemacht, wozu die Zeit gefehlt hat? 

Vieles … Unter anderem aber nochmals den langen Weg von Basel nach Santiago di Compostela gehen, diesmal aber an einem Stück. 

Wissen Sie schon, ob und wann das sein soll, die Fussreise dauert ja ungefähr 80 Tage? 

Die Uhr tickt, denn ich bin jetzt 73 Jahre alt, und der Fussmarsch von über 2000 Kilometern ist ja nicht ganz ohne. Zu meinem 70. Geburtstag hatte mir meine Frau übrigens die quasi offizielle eheliche Erlaubnis geschenkt, mich für die nötigen drei Monate zu verabschieden! Aber ob ihr Zustand nochmals so wird, dass ich das dann auch noch tun kann, muss sich weisen. 

Wie erlebt man so eine lange Wanderung? 

Man sagt mir oft, da müsse ich wohl ausgiebig zum Meditieren kommen. Bei mir ist das ganz anders. Ich bin oft und lange mit ganz praktischen Gedanken ausgelastet: Wann mache ich die nächste Pause? Ist da ein Rumpf im Socken? Wo ist eine Toilette? Was werde ich am Abend essen? Dann erlebe ich – oft mehr als die Landschaft – Wetter, Regen und Sohne, Hitze, Schatten, Kälte, Wind. Ja, Spüren der physischen Welt um mich herum ist, ist ganz zentral: Das Knirschen des Kieses unter meinen Füssen, das Rascheln des Laubs im Wald, die Steile des Wegs hinauf. Wer lange unterwegs ist, kommt irgendwann in einen «Flow» und löst sich von den Tagesnotwendigkeiten. Es tritt langsam so etwas wie eine Leere ein und man ist nur noch im Moment, in dem man gerade ist.  Das ist schon ein wenig anders, als wenn sie einen VR präsidieren …. 

Wo übernachten Sie auf dem Pilgerweg? 

Meistens in den normalen Herbergen und in den Massenlagern. Da kann man dann allerdings schon mal zum Kritiker der Schöpfung werden: Warum hat der liebe Gott das Schnarchen zugelassen? Wirklich ein Schöpfungsfehler! (schmunzelt). 

Auf dem Pilgerweg nach Santiago haben Sie bestimmt auch interessante Bekanntschaften gemacht? 

Unzählige und unglaubliche. Einmal bin ich mit einem Arbeitslosen aus Paris marschiert, der den Jakobsweg bereits zum sechsten Mal machte. Denn so konnte er am billigsten leben. Miete musste er keine zahlen, die Arbeitslosenchecks kamen «poste restante» und in Pfarrhäusern ass er gratis.

Eine andere Bekanntschaft war die mit einem Kanadier. Ein Psychiater hatte ihm als Defekt bescheinigt, dass er zwanghaft schnelle Autos kaufen und sofort ausprobieren musste, was einige Male an einem Baum geendet hatte. Als Therapie hatte er ihm «Distanz» verschrieben und die Krankenkasse hatte ihm darum die Reise zum Jakobsweg gezahlt. Ich könnte stundenlang von den Menschen erzählen, die ich getroffen habe: Trauriges, Komisches, Dramatisches. Ein Bretone war mit zwei neuen Hüftgelenken auf dem Weg, denn er wollte sehen, ob sie halten würden…. 

Sie führen noch heute die Aufsicht beim Institut de hautes études internationales et du développement IHEID in Genf. Worum handelt es sich dabei? 

Gegründet wurde es 1928, um Spitzenpersonal für den damaligen Völkerbund auszubilden. Heute gehört das Institut zur weltweiten Spitze in Sachen «Internationale Beziehungen», wie etwa die London School of Economics, die Fletcher School in Medford, Massachusetts oder Sciences Po in Paris. Unter den universitären Instituten in der Schweiz ist es insofern eine Ausnahme, als nur «graduate studies» möglich sind, also nur Master- und Doktor-Abschlüsse. Derzeit studieren dort etwa 900 junge Leute aus aller Welt.

Das IHEID ist eine Stiftung des Kantons Genf und des Bundes, die 1928 gegründet wurde. Mir gefällt auch der unternehmerische Geist des Instituts. So haben wir mit Spendengeldern grosse Bauprojekte realisiert, die nun massgebliche Mittel zum Jahresbudget generieren: Ein riesiges Studentenheim, die «Maison de la Paix», wo wir untergebracht sind, die aber zu 4/5 an Dritte vermietet ist. Derzeit bauen wir wieder einen grossen Wohnkomplex für weit über 100 Millionen Schweizer Franken. Hier werden übrigens dann auch die Médecins sans Frontières ihr Hauptquartier haben -und natürlich wird auch das wieder Mietzinseinnahmen für das IHEID schaffen. Kurz: Das IHEID ist eine Uni, die nicht einfach nur die Hand aufmacht, sondern selber unternehmerisch tätig ist. 

Noch eine letzte Frage: Was bedeutet Basel für Sie? 

Meine Eltern sind zugewandert und ich bin somit ein Secondo. Vielleicht brauche ich deswegen «Heimat» mehr als andere. Jedenfalls ist Basel das für mich: Heimat. Nicht alles ist perfekt. Aber hier kenne ich mich aus, verstehe die Menschen und wie sie reagieren, und weiss, wo ich das bekomme, was ich brauche – nicht nur im materiellen Sinn.

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