• Jonas Egli
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Theodora Vischer, Senior Curator Fondation Beyeler: «Man muss darauf vertrauen, dass es gut kommt, nicht nur in der Kunst»

Theodora Vischer ist als Kuratorin schon lange im Geschäft. In den letzten zweieinhalb Jahren hat sie als Senior Curator in der Fondation Beyeler Wolfgang Tillmans, Roni Horn, Alexander Calder in Kombination mit Fischli & Weiss und eine kleine Picasso-Präsentation kuratiert. Dazu kam dann noch das diesjährige Buch zur Sammlung. Jetzt braucht sie eine Verschnaufpause. Das ist die beste Zeit, mit ihr einen Blick zurück zu wagen, denn kaum jemand kennt die Kunststadt Basel so gut wie sie. Ihre Karriere begann nach einer Assistenz an der Uni in der Galerie von Ernst Beyeler, lange bevor sie in die Fondation kam. Doch Vischer sagt, das wäre alles nicht so geradlinig verlaufen, wie es scheint.

barfi.ch: Frau Vischer, wie lange machen Sie schon Ausstellungen?

Dr. Theodora Vischer: Schon viele Jahre. Die erste in einem Museum war im 1993. Aber ich habe schon früher an Projekten mitgemacht, zum Beispiel an einer grossen Beuys-Ausstellung in Berlin oder noch vorher an der Skulpturenausstellung 1984 im Merian Park von Ernst Beyeler. Da konnte ich den Katalog betreuen.

Sie waren Kuratorin in den wichtigsten Institutionen der Stadt und haben die ganze Zeit in Basel gewirkt. Was hält Sie hier?

Das Tolle und absolut Ungewöhnliche an Basel ist, wie viele Kunstinstitutionen von höchster Qualität es hier gibt. Immer wieder war die Idee und auch die Möglichkeit da, wegzugehen. Ich habe ein Sabbatical an der Tate absolviert, kam dann aber zurück und konnte im Schaulager beginnen, das gerade buchstäblich am Entstehen war. Das ist einmalig, dafür bleibt man gerne in Basel, um so etwas mit aufbauen zu dürfen. Nach den neun Jahren im Schaulager als Gründungsdirektorin hatte ich Lust nach etwas Neuem und wieder war die Idee da, wegzugehen. Doch irgendwie plötzlich und auf jeden Fall ungeplant wurde die Fondation Beyeler die nächste Station, wieder hier in Basel.

Machen das alle so oder ist das eher ungewöhnlich?

In Basel ist das nicht so ungewöhnlich. Ernst Beyeler, um nur ein naheliegendes von sehr vielen Beispielen zu nennen, blieb immer in Basel. Für einen Galeristen seines Kalibers war das atypisch in seiner Zeit, da ging man nach Paris, oder später nach New York. Aber in all diesen Berufen und Bereichen ist man international enorm vernetzt. Da ich vorwiegend mit lebenden Künstlern und Künstlerinnen arbeite, bin ich auch oft genug in der Welt unterwegs.

Was hat sich seit ihrem Studium verändert?

Für mich war es wichtig, dass ich ein „normales“ Studium absolviert habe [Kunstgeschichte, Deutsch und Geschichte, Anm. d. Red.]. Die Kunstgeschichte endete damals im Jahr 1914, bis zum Kubismus ging das und dann war Schluss. Die Sammlung des Kunstmuseums war aber schon immer sehr fortschrittlich und dessen Direktor Franz Meyer hat damals kurz vor seinem Rücktritt Vorlesungen zu zeitgenössischer Kunst gehalten. Das hatte nichts mit einer akademischen Vorlesung zu tun, sondern er hat eigene Dias gezeigt, die er auf seinen Reisen gemacht hatte. Das war um 1980 und die Szene in Amerika war damals sehr interessant. Die Vorlesung war grossartig, es war ein atemloses Zeigen von Bildern und Erzählen war, voller Energie, welche die Freude und das Spannende an neuer Kunst vermittelte. Das fand ich wahnsinnig toll und aufregend. Ich habe dann im Kunstmuseum als junge Studentin angefangen, Führungen zu machen. Im zweiten Stock des Kunstmuseums wurde damals Kunst des 20. Jahrhunderts gezeigt—das Kunstmuseum: Gegenwart gab es ja damals noch nicht. Im drittletzten Raum befand sich die Feuerstätte von Beuys. Die Führung verlief jeweils so, dass ich erzählte und die Gruppe lief mit, und dann bei Beuys haben die Leute plötzlich angefangen zu reden. Sie fragten, was das soll oder riefen aus: «Das ist jetzt aber komisch!». Erst dann habe ich gemerkt, da kommt was, da gibt es ein Gespräch. Und habe mich selber für Beuys zu interessieren begonnen. So entstand mein Interesse für zeitgenössische Kunst, womit ich damals an der Uni ein wenig schräg in der Landschaft stand. Es kann plötzlich so spannend werden, wenn man sich vor einem Kunstwerk – neu und auch alt – beginnt, Fragen zu stellen, wenn man sich überlegt, was soll das jetzt, was sagt das wohl?

Obwohl es sich aus einer kritischen Haltung entwickelt. Fast aus einer Ablehnung.

Auch ein Cézanne war in seiner Zeit sehr schwierig und die Leute fanden es teilweise schrecklich. Heute klingt das anders. So geht und ging es vielen. Dieser Prozess wiederholt sich immer wieder.

Die Besucher sind kritisch, weil sie die Institutionen auch mitfinanzieren. Sie als Kuratorin müssen den Glauben in die Institutionen ja immer wieder erneuern…

Die Diskussion um die Finanzierung der Museen ist nicht neu. Als die Fragen das erste Mal und nur langsam auch öffentlich ein Thema wurden, steckte der ganze Ausstellungsbetrieb noch in den Kinderschuhen, PR und Marketing, das waren Fremdwörter. Seither ist von den Museen unglaublich viel geleistet und etabliert worden, was ursprünglich nicht zu ihren Kernaufgaben gehörte. Es ist eine  schwierige Diskussion zu einem äusserst komplexen Thema. Man darf ja nicht vergessen: auch heute sind Ausstellungen nur ein kleiner Teil dessen, was ein Museum und die Arbeit in einem Museum ausmacht, es ist sozusagen das Spielbein, das die Öffentlichkeit wahrnimmt. Auch meine Arbeit betrifft einen viel umfassenderen Bereich, auch wenn wir jetzt in erster Linie über Ausstellungen sprechen. 

Es interessiert mich, weil Sie halt viele dieser Veränderungen miterlebt haben. Die Leute sind einerseits sehr kritisch, andererseits gehen sie viel mehr in Museen.

Ja, das ist ein Phänomen, das in der ganzen und nicht mehr nur westlichen Welt zu beobachten ist. In den 1960er Jahren hat man in Museen noch kaum Ausstellungen gemacht, von einem Ausstellungsbetrieb wie heute kann keine Rede sein, das begann erst langsam in den 70er Jahren. Und dann machte ein Museum das alles noch aus den eigenen Kräften. Wie wir ja wissen, ist inzwischen alles viel aufwändiger, viel teurer und die Besucher sind unendlich viel anspruchsvoller geworden.

Die Institution ist ein Punkt, wo sich zwei Welten treffen. Als Besucher hat man mit den Kunstschaffenden nur durch diese Linse Kontakt. Sie müssen zwischen den Künstlern und der Aussenwelt verhandeln.

Es ist immer etwas Besonderes, für und mit einer Künstlerin oder einem Künstler eine Ausstellung zu machen. Für Künstler ist es zwar toll, aber es ist immer auch ein Wagnis, weil sie ihre eigene Arbeit öffentlich zeigen und dann auch loslassen müssen. Deswegen ist es meine, unsere Aufgabe, eine Ausstellung so gut und so richtig wie möglich zu machen und die Werke so richtig wie möglich zu präsentieren. Das eine ist der Künstler und das andere ist das Publikum, welches auf eine andere Art genauso wichtig ist. Und wir als Museum stehen dazwischen.

Das Dilemma der neueren Kunst: Die Leute kommen in Scharen, sind interessiert, und dann ist möglicherweise die erste Haltung: Was soll das? Das könnte ich auch!

Eben. Ich mache Ausstellungen ja nicht für mich, sondern wenn ich im Museum arbeite für die Besucher und Besucherinnen. Wenn ich anfange, über eine Ausstellung konkreter nachzudenken – sei es mit neuer oder älterer Kunst – habe ich zum Beispiel immer auch die Räume vor mir. 

Es entsteht gleichzeitig im Kopf?

Ja. Ich frage, wie würde ich als Besucherin durchgehen?

Sie sehen sich selbst auch als Besucherin?

Ja klar, und ich stelle mir andere Leute vor, die zu Besuch kommen. Eine Ausstellung soll einem ja etwas bringen, soll ein Erlebnis sein, ein anregendes, gutes Erlebnis, wo man etwas entdecken kann, etc. Das denke ich von Anfang an mit.

Ausstellungen sind doch auch etwas Sinnliches, nicht? Im Internet ist diese Kunst ja ebenfalls zu sehen, trotzdem ist es etwas anderes, die Bilder vor sich zu haben.

Das Internet hat natürlich für die Museen eine neue ganz Welt an Möglichkeiten zur Information und Kommunikation über Kunst geöffnet und die nutzen wir aktiv und mit Gewinn. Und wenn man dann im Raum steht mit der Kunst, ist es wieder ein ganz anderes Erlebnis. Das Handfeste, das Sinnliche eines Kunstwerks ist nicht zu ersetzen durch eine digitale Welt. Das ist eine Besonderheit und eine entscheidende Qualität von Kunst, die einem wieder so richtig bewusst wird. Im Museum wünschen und bemühen wir uns, die Kunst zum Erlebnis zu machen, ohne dass sie zum Spektakel wird. Vielleicht hat unsere Faszination mit Kunstwerken in Museen gerade auch damit zu tun, dass wir ihnen real gegenüberstehen können, dass es Gegenstände im Raum sind wie wir auch.

«Die Quelle der Kunst …ist die Diskrepanz zwischen physikalischer Tatsache und psychischer Wirkung.» —Joseph Albers im Sammlungsbuch der Fondation Beyeler

Sie wären einmal um ein Haar Direktorin des Kunstmuseums geworden. Dann hätte Basel viele Ausstellungen verpasst und Sie würden vielleicht nicht hier sitzen.

Das ist aber jetzt doch eine lange Zeit her. Im Moment war das ja sehr hart, denn nach dem ganzen langen Bewerbungsverfahren, was ja kein Zuckerschlecken war, stand ich auf Platz eins und dann kam es über Nacht doch anders. Aber das war es dann auch für mich. Ich habe zum Glück ein Naturell, wo ich dann schnell einfach einen Strich ziehen kann und das, was war, uninteressant wird und verblasst. Irgendwie muss man darauf vertrauen, dass es gut kommt, das ist nicht nur in der Kunst so, sondern überall.

Das klingt aber sehr zielgerichtet. Erstaunlich, dass Sie das sagen.

Wenn man das jetzt rekapituliert, tönt es zielgerichtet, aber ich habe nie bewusst eine zielgerichtete Karriere angestrebt, immer nur den nächsten Schritt. Es hätte immer auch etwas anderes sein können. Das ist etwas, was ich gelernt habe: Es ist nie nur eine Richtung möglich, es gibt nie nur einen Weg. Aber sicher, da war immer auch Glück oder glückliches Zusammentreffen im Spiel. Es hat sich immer etwas ergeben.

Eine frohe Botschaft an eine Generation, die sich ständig verzettelt und Angst hat, es könnte jeden Moment schiefgehen. Also einfach dem Zufall folgen?

Nein, man muss auch was daraus machen. Es ist nicht nur Zufall und Schicksal und Glück. Man muss etwas dafür tun, ziemlich viel arbeiten und mitdenken.

Sie haben bei Beyeler praktisch angefangen und sind später zurückgekehrt. 

Ja, interessant, nicht? So schliesst sich der Kreis.

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