• Christine Staehelin
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Zolli-Direktor Olivier Pagan: «Menschenaffen vergessen nicht, dass ich früher mit dem Blasrohr kam»

Olivier Pagan ist seit sechzehn Jahren Direktor des Zoo Basel, zuvor war er als Tierarzt tätig. Mit barfi.ch spricht der Direktor über Ausbaupläne, das Ozeanium und die tiefe Verbundenheit der Basler Bevölkerung mit ihrem Zolli.  

Barfi.ch: Herr Pagan, Sie sind seit 2002 Direktor des Basler Zollis. Vorher waren sie neun Jahre lang als Tierarzt im Zolli tätig. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Olivier Pagan: Ich bin seit 25 Jahren im Basler Zolli, fast ein Fossil. Dass ich Direktor werde, war in meinem Plan eigentlich nicht vorgesehen. Als mein Vorgänger seinen Rücktritt bekannt gab, war ich weit weg. Meine Frau und ich nahmen damals unbezahlten Urlaub und umsegelten die halbe Welt. Die Möglichkeit der Bewerbung kam für mich unvorhergesehen. Ich liebe den Zolli und sah in dieser Position die Möglichkeit, seine Entwicklung positiv zu beeinflussen. Ich versandte voller Überzeugung aus Trinidad meine Bewerbung. Vielleicht haben die schönen Papageien-Briefmarken ja Glück gebracht (schmunzelt).

Die Entwicklung fand auch statt: Eine neue Elefantenanlage, die Pinguine erhalten ein neues Heim und auch die Vogelanlage soll neu werden. Man hat das Gefühl, dass sich das Gesicht des Zoos in den nächsten Jahren stark verändern wird. Stimmt dieser Eindruck?

Ja, schon seit Dekaden investiert der Zolli in viele Projekte. Ein zoologischer Garten kann nur gut bleiben, wenn er besser wird. Das heisst, dass wir die neusten Erkenntnisse aus der Tiergarten-Biologie in neuen Anlagen umsetzen werden. Früher hatte der Basler Zolli das Raubtierhaus, wo Schneeleoparden, Löwen, Tiger und Geparden nebeneinander zuhause waren. Mit der Etoscha-Anlage führte der Zolli einen Bruch ein: Statt der Tiersammlung stand ein Bildungsthema im Vordergrund. Im Fall Etoscha: der Nahrungskreislauf. Der Basler Zolli hat in den letzten Jahren sehr viel in neue Themenanlagen investiert.

Ein bereits abgeschlossener Umbau ist die Elefantenanlage Tembea. Welche Veränderung führte der Zoo dort ein?

Wir modifizierten die Tierhaltung, so dass der Mensch nicht mehr in die Hierarchie der Elefantengruppe eingreift. Früher war der Tierpfleger der oberste Chef, er musste sich täglich behaupten. Wir entschieden uns aus zwei Gründen dagegen. Einerseits erhöhen wir damit die Sicherheit der Tierpfleger und andererseits organisiert sich die Elefantenherde nun selbstständig. Die Hierarchie muss nicht mehr jeden Morgen neu bestätigt werden und die Herde ist seither ruhiger geworden.

Seit rund einem Jahr leben die Elefanten in der Anlage «Tembea» © Zoo Basel

Das nächste grosse Umbauprojekt im Basler Zolli betrifft das Vogelhaus. Es gibt jedoch keinen Neubau. Weshalb nicht?

Es war uns wichtig, das Haus zu erhalten. Es hat eine solide Bausubstanz, ist schön und entspricht den Bedürfnissen der heutigen Tierhaltung. Einen total neuen Anbau wird es zusätzlich geben, wie auch eine Erweiterung der Aussenanlagen und eine neue Fischotteranlage. Wir haben das Vorprojekt abgeschlossen, das nun in ein Bauprojekt umgewandelt wird. Sobald die Finanzierung gesichert ist, können wir mit dem Bau beginnen. Wir rechnen mit einem Baustart im Jahr 2021. Bei jedem Projekt behalten wir den roten Faden, jener der Entwicklung des Zoos im Auge.

So wird das neue Vogelhaus dereinst aussehen © Zoo Basel 

Der Zoo Basel befindet sich auf einem beschränkten Stück Land. Auf einer Seite fahren die Trams, auf der anderen Seite ist schon Stadtgebiet. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Der begrenzte Platz ist uns sehr bewusst und wir bemühen uns, sorgsam damit umzugehen. Die Situation zwingt uns, einerseits die Parkatmosphäre zu erhalten und gleichzeitig eine logische Entwicklung des Zoos voranzutreiben. Denn wenn man etwas modifiziert, hat dies direkte Auswirkungen auf andere Orte im Zolli.

«Wir möchten einerseits die Parkatmosphäre erhalten und gleichzeitig eine logische Entwicklung des Zoos voranzutreiben», sagt Olivier Pagan. @Zoo Basel 

Gibt es dafür ein Beispiel?

Als wir im Jahr 2000 die Etoscha-Anlage gebaut haben, wussten wir bereits, dass die Elefanten nicht umziehen werden, da die Anlage in der Zukunft abgerissen und ein Neubau am gleichen Standort entstehen würde. So geschehen 2017. Wir müssen immer weit in die Zukunft denken und alles im Visier haben.

Es gibt Pläne den Parkplatz aufzuheben und auf diesem Gebiet den Zolli zu erweitern. Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten?

Der Parkplatz wäre eine für uns willkommene Expansionsmöglichkeit, circa eine Hektare mehr. Die Voraussetzung dafür ist, dass man eine Lösung für die Parkplätze findet. Das Projekt sieht vor, unter dem Erdbeergraben ein unterirdisches Parking zu bauen, welches mehr Plätze als jetzt bieten würde. Die Planung ist schon weit gediehen und wir werden zur gegebener Zeit informieren.

Parkplätze könnten die Besucher des Ozeaniums dereinst benötigen. Ist das Ozeanium das grösste Projekt in der Geschichte des Basler Zoos?
 
Ja, das ist es. Die letzte Erweiterung des Zolli fand in den 1960er Jahren statt. Das Ozeanium ist ein sehr grosses Projekt und auf eine Art die Nachfolge der Idee, die Pinguine in die Markthalle umzusiedeln. Nach der Absage an jene Idee, kam die Frage auf, ob sich der Zolli für eine Parzelle bei der Heuwaage interessieren würde. Der Rest ist ja bekannt. Wir hatten nun die Möglichkeit das Vorprojekt des Ozeaniums der Politik vorzustellen. Diese wird dann über den Bebauungsplan das Projekt bestimmen. Die Realisation des Projekts ist mein Herzenswunsch.

«Die Realisierung des Ozeaniums ist mein Herzenswunsch», so Zoo-Direktor Pagan. © nightnurse images, Zürich

Nach dem «Nein» zum Margarethenstich fährt das Tram noch immer über die Heuwaage. Nach der Abstimmung hiess es, dass damit auch das Ozeanium gestorben sei. Stimmt das?

Diese Aussage ist falsch. Während der gesamten Entwicklung rechneten wir mit der Tramschlaufe auf der Heuwaage. Natürlich wäre es praktisch gewesen, wenn diese weggefallen wäre.

Das Ozeanium ist schon sehr lange in Planung. Weshalb engagiert sich der Zolli dafür?

Es ist ein Grossprojekt, seine Zeitachse ist lang. Wir sind überzeugt, dass wir als Bildungsinstitution und als Institution, die sich für den Artenschutz engagiert, damit einen markanten Schritt in die Zukunft machen können. Mit der Expertise, die wir dank unserem Vivarium gewonnen haben, können wir noch besser für das Ökosystem Ozean werben. Natürlich hat Basel keinen direkten Meeranschluss, aber der Rhein ist auch eine Verbindung zum Meer. Insbesondere weil wir in einem Binnenland leben, möchten wir die zukünftigen Ozeanium-Besuchern mit folgenden Frage sensibilisieren: Was kann ich als Besucher machen, damit es den Weltmeeren besser geht?

Mit der Expertise, die der Zoo dank dem Vivarium gewonnen hat, kann noch besser für das Ökosystem Ozean geworben werden. © Zoo Basel

In der Gesellschaft dominieren seit einiger Zeit die Fragen rund um das nachhaltige Leben. Spürt man diese Entwicklung auch bei den Zoobesuchern?

Ja, wir merken, dass mehr Fragen gestellt werden. In Gesprächen im Zoo kommen regelmässig die Themen Artenschutz, Tierschutz und Umwelt auf. Die Sensibilität ist da. Was jedoch auffällt, ist, dass das Wissen oberflächlich ist. Und genau dafür sind wir da. Wir erreichen viele Leute, die mitten in der Stadt wohnen und sich für die Natur interessieren. Schon die Basler Kinder haben ein breites Wissen. Da merken wir, dass dieses Wissen im Vergleich zu anderen Regionen, in welchen sich keinen Zoo befindet, im Raum Basel eher vorhanden ist. Die Weitergabe des formalen Wissens ist dann unsere Aufgabe.

Heute gibt es unzählige Reisemöglichkeiten, die exotische Welt lässt sich entdecken, sei es auf Reisen, in Dokumentarfilmen oder mittels digitalen Informationen. Provokativ gefragt: Braucht es den Zoo in der heutigen Zeit noch?

Ja, unbedingt. Wenn es den Zoo nicht gäbe, müssten wir ihn gleich morgen bauen. Es gibt so viele Leute, die nicht reisen können und sich für die Tiere interessieren.

Der Besuch im Zolli gehört zu einer Basler Kindheit dazu. Die Basler sind stolz auf ihren Tiergarten. Wie erklären Sie sich das?

Die Verbindung zwischen Zoo und Bevölkerung ist im deutschsprachigen Raum nirgends so ausgeprägt wie in Basel. Dies kann man, meiner Meinung nach, mit der Tradition erklären. Die Ursprünge des Zoos liegen im Jahr 1872 als ein Teil der ornithologischen Gesellschaft die Gründung beschloss. Damals hielt man fest, dass dem Stadtbürger die Natur wieder nahe gebracht werden müsse. Die Idee war, einheimische Tierarten zu zeigen. Damals war die Basler Mission in Afrika vertreten. Durch diese Beziehung kamen relativ bald die ersten exotischen Tiere in den Zoo. Damals erlebten die Menschen das Exotische nur bei uns. Der Zolli wuchs mit der Geschichte von Basel.

Am 3. Juli 1874 wurde der Zoo Basel eröffnet © Zoo Basel

Baslerinnen und Basler freuen sich über Geburten im Zolli, trauern, wenn ein Tier stirbt. Wie erleben Sie dieses Wechselspiel von Freud und Leid als Zoodirektor?

Es ist in der Tat ein Wechselspiel der Gefühle, aber als Zoodirektor wahrt man die Distanz. Und ich finde das gut so. Denn eine wichtige Aufgabe des Zoos ist es, Tierarten lebende Wildtiere den Besuchern näher zu bringen. Das heisst, wir müssen Tierpopulationen «managen» und auch regulieren. Wir achten darauf, dass es immer Männchen, Weibchen... und Junge gibt. Wenn man sich so für das Leben engagiert, ist man sich auch bewusst, dass der Tod dazugehört. Ganz wie im normalen Leben der Wildtiere in der Natur gibt es auch bei uns ab und zu Unfälle und Krankheiten mit fatalen Folgen.

Sie waren neun Jahre im Zolli als Tierarzt tätig. Erkennen die Tiere sie noch?

Ja, das hat tatsächlich mit meiner damaligen Funktion zu tun. Insbesondere Menschenaffen vergessen nicht, dass ich früher mit dem Blasrohr kam. Ich bin nicht mehr so oft bei den Tieren wie damals, doch noch immer erkennen mich meine ehemaligen Patienten. Auch wenn wir die Tiere als Wildtiere halten, das heisst ohne direkten Kontakt, ist die Verbundenheit ganz klar da.

© Zoo Basel


 
Der Zoo Basel kann auf ein positives Jahr 2017 zurückblicken. Wie erklären Sie sich diese gute Entwicklung?

Zunächst möchte ich betonen, dass der Basler Zolli eine Bildungsinstitution ist und die Maximierung der Besucherzahl nicht unser primäres Ziel ist. Die Kunst ist es, den Besucherstand von rund einer Million zu halten. Das ist je nach Jahr mehr oder weniger. Letztes Jahr zog die Neueröffnung der Elefantenanlage Tembea viele Besucher an. Zudem haben wir jahrein, jahraus immer wieder Geburten. Junge Tiere interessieren die Leute und davon profitieren wir selbstverständlich auch. Ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Faktor ist zudem das Wetter. Wenn der Frühling schön und der Sommer nicht allzu heiss ist, haben wir ein gutes Jahr. Ich kann bereits jetzt sagen, dass dieses Jahr schlechter als das vergangene Jahr ist, da im es Frühjahr an den Wochenenden oft kaltes und regnerisches Wetter gab. Das Jahr ist aber noch jung und der Zolli zeigt sich ja jetzt in seiner prächtigen und einladende Frühlingsstimmung.

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