• Christine Staehelin
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«Ich hinterfrage mich täglich»: FCB-Trainer Raphael Wicky im barfi.ch Exklusiv-Interview

Heute Abend spielt die Schweizer Fussballnationalmannschaft im St. Jakob-Park. Rotblau hat diese Woche keine Spiele. Während der Nati-Pause traf barfi.ch den Cheftrainer des FC Basel, Raphael Wicky. Der Nachfolger von Urs Fischer hat stürmische Wochen hinter sich: Neben Niederlagen in der Super League auch eine emotionale Champions-League-Nacht. Auch Rücktrittsforderungen und überraschende Ausfälle in der Mannschaft machen ihm das Leben nicht leichter. Wie Raphael Wicky den Saisonbeginn erlebt hat und er abschalten kann, lesen Sie im Interview.

Momentan ist Nationalmannschaftspause. Vergangene Woche spielte der FC Basel im Freundschaftsspiel gegen den FC Schaffhausen und hat verloren. Für viele Fans war das eine Überraschung. 

Dieses Spiel war ein Testmatch, für uns war das Resultat zweitrangig. Natürlich wollen wir immer gewinnen, aber in der Nati-Pause sind viele Spieler weg. Das Freundschafts-Spiel diente dazu, dass Spieler wie Fransson, Calla und Bua neunzig Minuten spielen können. Es war auch eine Möglichkeit, junge Spieler auf das Feld zu schicken. So können sie Erfahrungen sammeln. Es ging uns darum, die jungen Spieler anzuschauen. Wir haben gute Bälle gesehen und Dinge, die man verbessern muss.

Ein Vorwurf an Ihren Vorgänger Urs Fischer war, dass wenig junge Spieler zum Einsatz gekommen seien. Wie schwierig ist es, den Spagat zwischen der Forderung junge Spieler auf das Feld zu schicken, aber trotzdem die nötigen Punkte zu holen?

Da muss man differenzieren. Dass der FC Basel mehr junge Spieler integrieren möchte, ist ein auf die nächsten drei Jahre ausgelegtes Projekt. Es war nie die Rede davon, dass wir in die Saison starten und gleich sechs junge Spieler einsetzen werden. Wir haben in den ersten Spielen sehr viele Junge integriert. Aber eigentlich geht es nicht um jung oder alt. Die Spieler verdienen sich ihre Einsätze, da spielt der Jahrgang keine Rolle. Es ist aber einfacher, einen jungen Spieler einzusetzen, wenn er sich an einer gut funktionierenden Mannschaft festhalten kann. Alles andere wäre unfair.

Seit Saisonstart erlebt der FC Basel turbulente Wochen. Captain Matías Delgado gab überraschend seinen Rücktritt bekannt, jetzt fallen auch noch Ricky van Wolfswinkel und Renato Steffen verletzungsbedingt aus.

In den letzten drei Monaten ist tatsächlich extrem viel passiert: Der FC Basel befindet sich in einer Umbruchsphase. Mit dem Rücktritt von Delgado hat niemand gerechnet, doch wir sahen darin auch eine Chance. Es gibt Spieler, die nun mehr Verantwortung tragen. Ricky van Wolfswinkel, als Torjäger wichtig für die Mannschaft, fällt nun aus. Dass sich ein Spieler verletzt ist leider ein ständiges Risiko im Fussball.

Nach dem Rücktritt von Matías Delgado wurde bekannt, dass er dem FCB erhalten bleibt. Unter anderem auch mit einer neuen Aufgabe im Trainerstaff. Wie hat sich Matías Delgado in seiner neuen Rolle eingelebt?

Im Moment nimmt er viel auf, er lernt täglich dazu. Für uns ist die Zusammenarbeit sehr spannend. Noch denkt er stark wie ein Spieler, kann uns deshalb spannende Inputs geben.

Neben diesen personellen Ausfällen war auch der Saisonstart. Die Fans von rotblau erlebten plötzlich wieder, dass der FCB nicht jeden Match gewinnt. Wie erlebten Sie als Trainer diese vergangenen Wochen?

Ich habe immer betont, dass die Saison kein Selbstläufer wird. Hinter den Erfolgen der vergangenen Jahre steckte harte Arbeit. Das war mir bewusst. Natürlich haben wir uns erhofft, dass wir nach zehn Spielen mehr als fünfzehn Punkte auf dem Konto haben. Vor allem die Niederlagen gegen Lausanne und Lugano taten weh und diese Punkte fehlen uns jetzt. Nichtsdestotrotz glaube ich an die Qualität des Teams, an die Mannschaft.

Wie reagieren Sie auf die Medienberichte? Erste Rücktrittsforderungen wurden schon laut.

Ich lese keine Zeitungen. Das ist das beste für mich und ich werde so in keiner Weise beeinflusst. Aber auch ohne diese Berichte gelesen zu haben, finde ich es wichtig, mich zu hinterfragen. Das mache ich täglich. In jedem Training. Wir fragen uns alle im Team: Was machen wir richtig, was falsch? Das ist für mich der richtige Ansatz, um uns zu verbessern. Ich glaube an das, was ich mache.

Neben aller Kritik gab es auch schöne Momente in der Saison. Was war bisher Ihr persönliches Highlight?

Natürlich das 5:0 gegen Benfica Lissabon in der Champions League. Es war ein perfekter Abend. Wir weckten Emotionen, das Publikum war von Anfang an da. Auch sehr speziell war für mich persönlich natürlich das erste Heimspiel. Sehr schön und emotional.

Das Spiel gegen Benfica Lissabon war unbeschreiblich. Endlich erlebten die Fans wieder eine magische Nacht. Kann man beim 5:0-Sieg von einem sogenannten «Turning Point», einem Wendepunkt, für die Mannschaft sprechen? 

Die Mannschaft spielte während dieser gesamten Fussballwoche gut. Auch schon im Match gegen den FC Zürich. Die Spieler haben erlebt und gespürt, was erreicht werden kann, wenn sie noch mehr miteinander arbeiten, noch mehr Leidenschaft zeigen. Der Sieg gegen Benfica Lissabon war extrem wichtig, auch wenn er nicht die Norm ist. Ein derartiger Sieg gibt der Mannschaft Vertrauen. Auch wenn es dergleichen in der Geschichte des FCB noch nie gab und wohl auch eine Zeitlang nicht mehr geben wird.

Als Cheftrainer beginnt Ihr Tag bereits um sieben Uhr im Büro. Wie schalten Sie ab?

In den letzten Wochen hatte ich sehr wenig Zeit dafür, aber genau in solchen Phasen ist das Privatleben sehr wichtig. Dass die Familie nach dem Arbeitstag da ist. Während der Nati-Pause habe ich jedoch in der Tat etwas mehr Zeit und werde bei meiner Familie im Wallis entspannen.  

Gibt es Momente, in denen Sie von der Meisterfeier auf dem Barfi träumen?   

Das Ende der Saison ist noch sehr weit weg (lacht). Selbstverständlich ist der Meisterschaftstitel unser Ziel. In der jetzigen Situation ist immer der nächste Match der wichtigste, denn momentan sind wir acht Punkte im Rückstand. Das ist viel. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir den Rückstand aufholen werden. Natürlich hoffe ich, und wünsche es dem gesamten FCB, dass wir uns auch nächstes Jahr alle auf dem Barfi treffen und feiern werden.

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