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Apotheker wegen Betrugs mit Krebspräparaten in Essen vor Gericht

Einer der grössten deutschen Arzneimittelprozesse der vergangenen Jahrzehnte hat am Montag in Essen begonnen: Tausendfach soll ein Apotheker Krebsmedikamente gestreckt und sich so bereichert haben. Nun hat der Prozess begonnen.

Die Anklage legte dem Mann am ersten Verhandlungstag zur Last, von Januar 2012 bis zu seiner Festnahme im November 2016 in insgesamt 61'980 Fällen gegen das Arzneimittelgesetz verstossen zu haben.

Er soll im grossen Stil Krebsmedikamente gestreckt haben. Um nicht wegen ausbleibender Nebenwirkungen oder Farbabweichungen aufzufallen, soll der 47-Jährige beim Verdünnen und Panschen grossen Wert darauf gelegt haben, dass "immerhin ein wenig Wirkstoff in den Infusionsbeuteln vorhanden war", heisst es in der Anklage.

Bei der Durchsuchung der Apotheke am Tag der Festnahme hatte die Staatsanwalt 117 zur Auslieferung bereite Krebstherapien beschlagnahmt. Ein Teil davon erwies sich in späteren Untersuchungen als unterdosiert.

Zudem rechnete der Apotheker laut Staatsanwaltschaft die fehlerhaften und damit wertlosen Arzneimittel monatlich mit den gesetzlichen Krankenkassen ab. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Betrug in einem besonders schweren Fall und beziffert den dabei entstandenen Gesamtschaden auf rund 56 Millionen Euro.

Weniger Wirkstoffe einkauft als benötigt

Die Anklage will dem Apotheker im Verfahren nachweisen, dass er sich durch das mutmassliche Strecken der Krebspräparate über Jahre hinweg eine "erhebliche, nicht nur vorübergehende Einnahmequelle" verschaffte. Der Apotheker habe seit 2012 deutlich weniger der für die Herstellung der Krebspräparate notwendigen Wirkstoffe eingekauft als er eigentlich benötigt habe.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Apotheker zudem vor, er habe entgegen den Vorschriften für Reinraumlabore in den entsprechenden Räumen seiner Apotheke Alltagskleidung getragen. Auch habe er die Vorschrift verletzt, die Zubereitung der Krebsmittel in Protokollen detailliert zu dokumentieren.

Von den gestreckten Krebspräparaten dürften nach Einschätzung der Anklage tausende Patienten betroffen gewesen sein: Die Anklage spricht von einer Zahl im "niedrigen vierstelligen Bereich". Betroffen sind Patienten von 37 Ärzten, Praxen und Kliniken in sechs Bundesländern.

Der mutmassliche Medikamentenskandal war von zwei Mitarbeitern des Apothekers aufgedeckt worden. Sie hatten sich über einen Anwalt an die Staatsanwaltschaft gewandt.

Der Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen. Ob er im Laufe des Prozesses sein Schweigen bricht und sich erstmals zu den Vorwürfen äussert, blieb zunächst unklar. Die Anklage lautet auf Verstoss gegen das Arzneimittelgesetz, Betrug und versuchte Körperverletzung. Dem 47-Jährigen drohen bis zu zehn Jahre Haft sowie ein Berufsverbot.

Hat er Lebensjahre gestohlen?

Zahlreiche Kunden der Bottroper Apotheke verfolgten den Prozessauftakt. 19 Kunden oder ihre Angehörigen sind für den Prozess als Nebenkläger zugelassen. Eine von ihnen, Heike Benedetti aus Bottrop, sagte vor Prozessbeginn: "Ich möchte leben und kämpfe dafür, dass es ein gerechtes Urteil geben wird."

Cornelia Thiel aus Marl sagte: "Ich möchte, dass der Angeklagte nachempfinden kann, was für ein Leid er über krebskranke Menschen gebracht hat." Ihr eigenes Leid sei die Ungewissheit. "Ich möchte wissen, ob er mir Lebensjahre geklaut hat."

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte von Bund und Ländern, solche Schwerpunktapotheken für Krebsmedikamente schärfer zu kontrollieren. Deutschlandweit gebe es 300 dieser Apotheken, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch.

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe bereits verbesserte Regelungen bei der Apothekenüberwachung angekündigt.

Das Verfahren gegen den 47-Jährigen begann mit mehreren Anträgen von Verteidigung und Nebenklageanwälten. Für den Prozess beraumte die Essener Strafkammer bislang 13 weitere Verhandlungstage bis Mitte Januar an.