Prof. Degen bei einer Darmspiegelung im Universitätsspital Basel. Bild: ©Universitätsspital Basel
Prof. Degen bei einer Darmspiegelung im Universitätsspital Basel. Bild: ©Universitätsspital Basel
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Darmspiegelung: nur Feiglinge lesen jetzt nicht weiter

Obwohl die junge Wissenschaftlerin Giulia Enders in ihrem Buch «Darm mit Charme» den Darm spannend und unterhaltsam zugleich beschrieben hat, ist er immer noch ein Tabuthema, bei dem man meist an ältere Menschen denkt. Die Diagnose Darmkrebs erhalten jedoch immer häufiger auch Leute unter 50 Jahren, wie jüngst Forscher vom amerikanischen Nationalen Krebsinstitut in Atlanta zeigen. Ob diese Erkenntnisse auch in Basel eine Rolle spielen, hat barfi.ch im Interview mit dem Gastroenterologen Lukas Degen erfahren.

Der 1959 geborene Basler Professor Lukas Degen, Vater dreier Kinder, ist schon seit Ende der 1980-Jahre am Universitätsspital Basel tätig, abgesehen von Aufenthalten in den Vereinigten Staaten. Er ist spezialisiert auf komplexe endoskopische Untersuchungen des Darms. In der Wissenschaft und im klinischen Alltag interessieren ihn zudem die funktionellen Krankheitsbilder. Seit 2012 ist er stellvertretender Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Hepatalogie am Basler Unispital.

Herr Professor Degen, ist die Feststellung, dass immer häufiger auch jüngere Menschen unter 50 Jahren an Darmkrebs erkranken auch in Basel bemerkbar?

Prof. Dr. Lukas Degen: Das ist nichts Neues. In der Literatur wurden dazu Daten, dass auch junge Menschen an Darmkrebs erkranken können und dass die Häufigkeit zunimmt, schon vor einigen Jahren publiziert. Offensichtlich muss die Diagnose zunehmend auch bei jüngeren Menschen also unter 4o Jahren gestellt werden. Kürzlich publizierte Daten sprechen von einer Zunahme um ca. 1 Prozent. Dies bleibt aber weiterhin die Ausnahme. Weit über 90 Prozent der erkrankten Menschen sind über 50 Jahre und älter. Auch in Basel erkranken jüngere Menschen an Darmkrebs. Dies bleibt aber glücklicherweise die Ausnahme.

Woran liegt das?

Das ist noch völlig unsicher und spekulativ. Diskutiert wird, dass verschiedene Faktoren wie z.B. die zunehmende  Zahl an Übergewichtigen, unterschiedliches Essverhalten, verminderte körperliche Aktivität in einem komplexen Zusammenspiel hier eine Rolle spielen.  

Was sind die Risikofaktoren?

Im Vordergrund steht bei den meisten Menschen das Alter. Ab dem 50. Lebensjahr nimmt das Risiko für Dickdarmpolypen zu. Aus diesen Polypen kann sich über die Jahre dann ein Dickdarmkrebs entwickeln.

Gesteigert wird dieses Risiko, falls Verwandte ersten Grades, das heisst: Mutter, Vater oder Geschwister, an einem Dickdarmkrebs bereits erkrankten. Diese familiäre Belastung begünstigt die Krankheit derart, dass teilweise schon wesentlich jüngere Menschen erkranken. 

Sollten demnach alle über 50-Jährigen eine Koloskopie (Darmspiegelung) machen?

Die Antwort ist einfach: Ja, wenn man die beste Methode zum Nachweis von gutartigen Polypen wählen möchte. Alternativ gibt es aber auch diverse Tests, die Blut im Stuhl messen. Hier sind diejenigen am zuverlässigsten, die quantitativ menschliches Blut im Stuhl nachweisen. Diese Tests müssen regelmässig, idealerweise alle 2 Jahre wiederholt werden. Meist werden diese Tests vom Hausarzt verschrieben und in Labors ausgewertet. Diese Tests sowie die Koloskopie sind vom Bundesamt für Gesundheit als Präventionsuntersuchung zugelassen.

Aber es bleibt dabei: Die Darmspiegelung ist eigentlich nicht zu umgehen?

Spätestens wenn in einem Stuhltest Blut nachgewiesen wird, ist eine Dickdarmspiegelung unumgänglich. Wie bereits angedeutet, bleibt sie im Moment die beste Methode mit den genauesten Resultaten. Zudem können nachgewiesene Polypen gleich entfernt werden.

Gibt es auch weitere Verfahren?

Neben der Dickdarmspiegelung haben die erwähnten Stuhltests ihren Stellenwert im Nachweis von Polypen oder Dickdarmkrebs. Auch hier steht das Ziel im Vordergrund, die Veränderungen möglichst in einem frühen Stadium zu erkennen. Die verschiedenen Stuhltests sind dabei von unterschiedlicher Qualität. Immunologische Verfahren zum Nachweis von Blut im Stuhl setzen sich zunehmend durch. Es ist wichtig, die Stärken und Schwächen eines Tests zu kennen. Wenn ein Test fälschlicherweise negativ ist, können dadurch auch Polypen verpasst werden.

Im Universitätsspital Basel setzen wir überwiegend die Dickdarmspiegelung ein.

Wie genau funktioniert eine Dickdarmspiegelung?

Im Vorfeld findet ein Patientengespräch statt, bei dem der Betroffene über den Eingriff informiert wird. Als Vorbereitung für die Spiegelung muss der Darm optimal gereinigt werden, damit die Dickdarmschleimhaut bei der Untersuchung gut beurteilt werden kann. Im Unispital erhält der Betroffene ein spezielles Abführmittel, das zunächst mit kaltem Wasser gemischt wird. Am Vortag der Untersuchung wird davon ein Liter zusammen mit einem halben Liter zusätzlicher Flüssigkeit getrunken.  Nach ein paar Stunden tritt die Wirkung ein. Ungefähr 4 Stunden vor der Untersuchung wird nochmals die gleiche Menge an Flüssigkeit konsumiert. Diese Vorbereitung ist für die meisten problemlos möglich. Jenen, die damit Mühe bekunden, hilft es, die Flüssigkeit kalt zusammen mit einem starken Pfefferminztee zu trinken.

Der provozierte Durchfall ist im Gegensatz zu infektiösen Durchfällen völlig schmerzlos.

Vorbereitung gehört also dazu. Was passiert dann?

Im Unispital erhält der Patient vor der Untersuchung einen Zugang in die Armvene, durch den später das Schlafmittel verabreicht wird. Danach wird der Patient in den Untersuchungsraum gefahren. Dort werden andauernd der Blutdruck , der Puls und die Atmung überwacht. Gleichzeitig erhält er über die Nase Sauerstoff.

Während der Untersuchung liegt der Patient auf der linken Seite. Der Arzt führt durch den After ein Endoskop ein und schiebt dieses durch den Dickdarm bis zum Anfang hinauf. Damit der Verlauf und die Wände beurteilt werden können, muss der Dickdarm kontrolliert aufgedehnt werden. Im Unispital wird dazu Kohlendioxid verwendet. Dieses wird schneller als Luft resorbiert wird und der Patient hat deutlich weniger Beschwerden, besonders keinen Blähbauch. Während der gesamten Untersuchung sieht und kontrolliert der Arzt auf einem grossen Bildschirm den eingeschlagenen Weg im Dickdarm. Wenn keine Polypen entfernt werden müssen, dauert die Untersuchung ungefähr eine halbe Stunde.

Und worauf achten Sie dann?

Beim Zurückziehen des Endoskops wird der Darm genau und in Ruhe auf vorhandene Polypen – auch ganz kleine nur wenige Millimeter grosse - abgesucht. Hier zahlen sich die Anstrengungen des Patienten für eine gute Darmvorbereitung aus. Eine optimale Reinigung ist das A und O, um diese Polypen erkennen zu können. Vorhandene Polypen werden noch während der Untersuchung mit einer kleinen Zange oder einer Schlinge entfernt. Nach der Darmspiegelung bespricht der Arzt das Resultat der Untersuchung. Falls Gewebeproben entnommen oder Polypen abgetragen wurden, werden diese untersucht. Danach können die Untersuchten wieder nach Hause oder an die Arbeit und normal essen und trinken.

Im Vergleich zu früher scheint die Untersuchung wesentlich weniger unangenehm?

Mit den modernen Medikamenten ist ein gut kontrollierter Schlaf möglich. Dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Untersuchung heute ausgesprochen angenehm ist. Die Menschen schlafen ruhig, sind entspannt und spüren nichts. Sicher haben auch noch eine Vielzahl technischer Fortschritte ihren Teil dazu beigetragen.

Wird der Eingriff von der Krankenkasse bezahlt?

Generell ja. Die Darmspiegelung ist in der Schweiz seit Juli 2013 als Vorsorgeuntersuchung zugelassen. Alle zehn Jahre werden die Kosten ab dem 50. und bis zum 69. Lebensjahr übernommen. Dabei muss der Selbstbehalt selber bezahlt werden. Gewisse Kantone – noch nicht aber Basel-Stadt und Baselland – bieten Darmkrebs-Vorsorgeprogramme an, bei denen dann der Selbstbehalt übernommen wird. Stuhltests auf okkultes Blut sind alle zwei Jahre von der Versicherung gedeckt.

Muss jeder Polyp entfernt werden?

Polypen sind eigentlich irregeleitete Dickdarmzellen. Nicht zu vergleichen mit entzündlichen Polypen z.B. in der Nase oder andernorts. Wir unterscheiden zwischen zwei Formen von Polypen: Adenome und hyperplastische Polypen. Beide können vom Spezialisten unter dem Mikroskop gut unterschieden werden. Adenome müssen entfernt werden, weil sie sich über die Jahre zu einem Karzinom (Krebsgeschwulst) entwickeln können. Hyperplastische Polypen im unteren Teil des Dickdarms sind dagegen harmlos. Sie werden bei der Untersuchung jedoch ebenfalls entfernt. Zur Entfernung werden zwei Haupttechniken angewandt. Kleinere Polypen von wenigen Millimetern Durchmesser werden häufig mit einer Zange entfernt. Grössere Polypen lassen sich mit einer Schlinge abtragen. Hierfür wird ein spezieller Strom verwendet, der dosiert das Gewebe durchschneidet.

Es scheint, dass wenn man etwas bemerkt, zum Beispiel Blut im Stuhl, es oft sehr spät ist, weil gerade Darmkrebs sich nicht mit Schmerzen manifestiert. Stimmt diese Feststellung?

Absolut. Sowohl Polypen als auch der Dickdarmkrebs im Anfangsstadium verursachen leider häufig keine Beschwerden. Erst in fortgeschrittenen Stadien provoziert der Dickdarmkrebs Symptome.

Immer wieder wird auch bei gesund lebenden Menschen unerwartet eine sogenannte Eisenmangelanämie festgestellt, die sich auf eine Blutung durch einen Dickdarmkrebs zurückführen lässt. Da bis zu diesem Moment nie eine Blutung aufgefallen ist, wird diese auch als sogenannt okkulte oder verdeckte Blutung bezeichnet. Nur in den früher erwähnten Stuhltests kann diese Blutung auch nachgewiesen werden. 

Wie viele Menschen haben mit 50 Jahren Polypen?

Wir wissen, dass nach dem 50. Lebensjahr bei 25 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen Polypen gefunden werden. Deshalb ist die Planung der Darmspiegelung ab 50 – auch wenn man keine Beschwerden hat oder erblich vorbelastet ist – so wichtig und sinnvoll. 

Wie hoch ist die Mortalität bei Darmkrebs?

Das kommt darauf an in welchem Stadium der Krebs erkannt wird. Je früher das Stadium, umso besser die Prognose und die Heilungschancen. Bei frühen Stadien beträgt die Fünfjahres-Überlebensrate über 90 Prozent, bei sehr fortgeschrittenem Stadium nur 5 bis 7 Prozent. Dies verdeutlicht nochmals, wie wichtig eine Vorsorgeuntersuchung ist, um möglichst nur gutartige Polypen oder Dickdarmkrebs im Frühstadium zu entdecken.

Können Sie Tipps zur Vorbeugung vor Darmkrebs geben?

Die berechtigte Frage nach einer Vorbeugung oder Primärprävention, um das Risiko so klein wie möglich zu halten, an Dickdarmkrebs zu erkranken, lässt sich nicht einfach beantworten. Die Datenlage ist erstaunlich unsicher und kontrovers. Es gibt Hinweise, dass Übergewicht eine gewisse Rolle spielt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass auch schlanke Menschen Polypen haben können. Daneben ist das Rauchen ein wichtiges Thema sowie eine reduzierte körperliche Aktivität. Gründe also, weshalb auch jüngere Menschen vermehrt an Darmkrebs erkranken können. Bei der Ernährung scheint der Konsum von Vollkornprodukten einen positiven Effekt zu haben, rotes und verarbeitetes Fleisch wie z.B. Wurstwaren, Speck oder Salami scheinen dagegen das Risiko zu steigern. Für Früchte und Gemüse ist es unklar, ob diese überhaupt einen schützenden Effekt gegen den Dickdarmkrebs entwickeln.

Die junge Wissenschaftlerin Julia Enders veröffentlichte 2014 das Buch «Darm mit Charme». Konnten Sie seither eine Zunahme von Darmspiegelungen feststellen?

Überhaupt nicht. Das Buch hat aber vielen Menschen geholfen, einen Zugang und ein Verständnis für die Abläufe im Magendarmtrakt zu finden. Hier denke ich vor allem an Themen wie Verstopfung oder eine bessere Stuhlentleerung, nicht aber im Zusammenhang mit einer Koloskopie.

Zum Schluss unseres Gesprächs: Wann hatten Sie Ihre erste Darmspiegelung?

Meine erste Koloskopie hatte ich selbstverständlich nach meinem 50. Lebensjahr und sie wurde im Unispital durchgeführt. Aus eigener Erfahrung kann ich deshalb bestätigen, dass die Vorbereitung und die Untersuchung wirklich nicht unangenehm sind.