Hautarzt bei einer Hautkrebs-Früherkennung.
Hautarzt bei einer Hautkrebs-Früherkennung.
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Doppelagenten: Lymphgefässe helfen dem Krebs und der Krebstherapie

Krebsgeschwüre regen das Wachstum neuer Lymphgefässe an, um sich im Körper auszubreiten. EPFL-Forschende haben nun die positive Seite dieser neuen Gefässe entdeckt: Tatsächlich scheinen sie Immuntherapien gegen Hautkrebs zu unterstützen.

Forschende der ETH Lausanne (EPFL) haben mit Kollegen aus den USA eine überraschende Entdeckung gemacht: Neue Lymphgefässe, deren Wachstum durch Tumore angeregt wird und die ihm helfen, Tochtergeschwüre im Körper zu streuen, helfen auch dem Angriff gegen den Krebs. Diese neuen Gefässe scheinen Immuntherapien effizienter zu machen, wie die EPFL am Mittwoch mitteilte.

Immuntherapien sind die grossen Hoffnungsträger der Krebsmedizin. Sie beruhen darauf, dem Immunsystem dabei zu helfen, den Tumor anzugreifen und auszumerzen. So gibt es bereits erfolgreiche Ansätze gegen Hautkrebs (Melanom). Bei vielen Hautkrebs-Patienten wirken Immuntherapien jedoch nicht. Die Gründe dafür sind zwar nicht völlig geklärt, ein Problem ist jedoch, dass sich die Krebszellen gegen die Immunattacke wehren.

Ein Faktor mit zwei Gesichtern

Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Faktor namens "VEGF-C", den die Hautkrebs-Zellen und andere Krebsgeschwüre ausschütten. VEGF-C regt das Wachstum von Lymphgefässen an, durch die Krebszellen in andere Bereiche des Körpers gelangen und dort neue Geschwüre bilden können.

Aus neueren Studien weiss man ausserdem, dass dieser Faktor den Hautkrebszellen hilft, sich vor der Attacke durch Immunzellen zu schützen. Die logische Schlussfolgerung aus diesen Befunden wäre, dass VEGF-C und das dadurch angeregte Lymphgefässwachstum effizienten Immuntherapien im Wege steht.

Aber das genaue Gegenteil ist der Fall, wie die Forschenden um Manuel Fankhauser und Maria Broggi von der EPFL im Fachblatt "Science Translational Medicine" berichten. Als die Wissenschaftler in Tierversuchen mit Hautkrebs-kranken Mäusen VEGF-C hemmten, wurde die Wirksamkeit der Immuntherapie sogar schlechter.

Die Forschenden entschlüsselten weiter, woran das liegt: Die neu gebildeten Lymphgefässe schütten demnach einen Signalstoff aus, der bestimmte Immunzellen anlockt - sogenannte naive T-Zellen. In direkter Nähe zum Tumor werden sie durch diesen zwar gehemmt und sind inaktiv. Aber wenn eine Immuntherapie zum Absterben von Tumorzellen führt, werden diese T-Zellen aktiviert und helfen dabei, das Krebsgeschwür auszumerzen und eine langfristige Immunabwehr dagegen aufzubauen.

Gilt auch beim Mensch

Die Entdeckung der Forschenden unter Leitung von Melody Swartz, die inzwischen an der University of Chicago arbeitet, scheint auch auf Menschen mit Hautkrebs (Melanom) zuzutreffen: "Bei fast allen Patienten mit überdurchschnittlich hohen VEGF-C Mengen im Blut hat die Immuntherapie angeschlagen", so Swartz gemäss der EPFL-Mitteilung.

VEGF-C könnte somit ein Biomarker sein, der die Wirksamkeit von Immuntherapien beim jeweiligen Patienten vorhersagt. Ausserdem hoffen die Forschenden, mit den neuen Erkenntnissen über die Rolle des Lymphgefässwachstums im Tumorumfeld auch den Weg für Therapien zu ebnen, die dieses für eine effizientere Bekämpfung des Krebsgeschwürs ausnutzen.