Fussorthopädin Monika Horisberger.
Fussorthopädin Monika Horisberger.
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Hallux valgus: «Fussnoten» zur Geissel der Damenwelt

Sorgen, Steuern und Füsse tragen uns durch das ganze Leben. Letztere sind physiologische Wunderwerke, die uns über Stock und Stein bringen. Eine enorme Belastung, die nicht selten auch zu Problemen führt. Dann muss Frau Doktor ran.

Dr. med. Monika Horisberger, Kaderärztin Orthopädie und Traumatologie am Universitätsspital Basel, hat sich bereits während des Studiums für die Fussorthopädie entschieden. Da im Hauptgebäude an der Spitalstrasse bisher nicht genügend Platz ist, nimmt die Spezialistin elektive Eingriffe, mit geringem Allgemeinrisiko, derzeit am ausgelagerten Standort des Universitätsspitals Basel im Bethesdaspital vor.

barfi.ch Rund ein Viertel der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren leidet an einem Hallux valgus? Frauen sind öfter davon betroffen. Liegt das an den Damenschuhen?

Monika Horisberger: Dem ist oft so. Doch zunächst muss ich das Wort leiden relativieren. Es ist richtig, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung einen Hallux valgus hat. Die Anzahl der Patienten, die Beschwerden entwickeln und deshalb darunter leiden, ist deutlich kleiner.

Hallux valgus. Bild: Esther Max / flickr

Ein Hallux valgus muss folglich, auch wenn er sehr ausgeprägt ist, nicht unbedingt Beschwerden machen?

Das ist richtig.

Was genau ist ein Hallux valgus, wie entsteht er?

Es handelt sich um eine Fehlstellung, bei welcher der Mittelfussknochen etwas nach innen und die Grosszehe nach aussen abweichen und dadurch das Grosszehengrundgelenk auf der Fussinnenseite zunehmend vorsteht. Das führt dazu, dass der Schuh drückt und Schmerzen bereiten kann. Die Grosszehe kann sich zusätzlich etwas verdrehen, weshalb sich auf der Grosszeheninnenseite eine schmerzhafte Hornhautschicht bilden kann.

Was sind die Ursachen für den Hallux valgus? Sind nur die Schuhe schuld?

Als Gründe sind einerseits die erbliche Veranlagung, andererseits auch zivilisatorisch bedingte Ursachen zu nennen. Ältere Studien belegen, dass beispielsweise bei afrikanischen Gesellschaften, die keine oder sehr weite Schuhe tragen, Hallux valgus kaum existiert. In unseren Breitengraden, wo vor allem Frauen sehr enge, schmale und kurze Schuhe tragen, wird Hallux valgus fast zur Epidemie. Schuhe haben folglich einen massiven Einfluss. 

Und die hohen Absätze? 

Hier ist die Faktenlage etwas schwieriger. Doch aus meiner Sicht gibt es diesen Zusammenhang, denn je höher der Absatz, umso grösser die Belastung auf dem Vorfuss. Bei einer bereits vorhandenen Veranlagung wird der Hallux (Grosszeh) mit noch mehr Druck weiter nach Aussen geschoben. 

Das dürfte dann wohl auch der Grund sein, weshalb weniger Männer betroffen sind? 

Davon ist auszugehen. Beim Vergleich von Männer- und Frauenschuhen kann man feststellen, dass sich Frauenschuhe in ihrer Form mehrheitlich an einer modischen Wunschform und nicht an der realen Fussform orientieren. Dies kann man selber auch an den eigenen Schuhen überprüfen: Man male die Konturen seines Schuhs auf ein Stück Papier und stelle sich barfuss darauf. Unschwer erkennt man nun, wo der individuelle Fuss sich mehr Platz wünschen würde. 

Folglich sollte man beim Kauf von Schuhen immer auch auf die Grösse und Breite achten. 

Genau. Neben der Form, welche dem Vorfuss genügend Platz lassen sollte, muss auch auf die korrekte Schuhgrösse, das heisst die Länge des Schuhs geachtet werden. Gerade Frauen präsentieren gerne zierliche Füsse und kaufen die Schuhe eher zu knapp: Die Mehrheit der Frauenschuhe ist zu kurz.

Dann sind Schuhdesigner keine Freunde der Fussorthopäden. Welche Modelle empfehlen Sie? 

Ich möchte keine Spassverderberin sein, trage selbst auch ab und zu einen Schuh mit Absatz. Im Allgemeinen jedoch sollte auf Schuhwerk geachtet werden, das folgende Kriterien erfüllt: Wenig Absatz und relativ breite Schuhform mit nicht zu flacher Vorfussbox, damit genügend Platz für die Zehen sowohl in der Breite wie auch in der Höhe vorhanden ist. Gerade typische High Heels-Formen verfügen über einen viel zu flachen, engen Vorfussteil, in dem die Zehen nur deformiert Platz finden. Das Motto lautet: genug breit, genug weit/hoch, genug lang.

Wie sieht es mit Barfusslaufen aus, zum Beispiel zu Hause? 

Insgesamt ist es wichtig, den Fuss fit zu halten. Abzuraten ist von ganztägig getragenen, engen Schuhen. Das Barfusslaufen tut den Füssen gut, weil viele Muskeln beansprucht werden. Übungen, wie das Aufheben eines Taschentuchs mit den Zehen, sind gut für die Füsse.  

Ist der Hallux valgus einmal da, muss immer operiert werden? 

Nein. Einen schmerzlosen Hallux valgus, welcher kein Risiko für Druckstellen bietet, operiere ich aus rein kosmetischen Gründen nie. Bei anhaltenden Schmerzen und wenn der Patient unvorteilhafte Schuhe trägt, ist der erste Schritt ein Wechsel zu «vernünftigerem» Schuhwerk. Häufig besteht zudem ein Zusammenhang mit einem Senk-Spreizfuss. In diesem Fall kann auch eine Schuh-Einlage zur Symptomlinderung beitragen.

Aber bei nachhaltig schmerzhaftem Hallux valgus mit geröteten Stellen und massiver Hornhaut bleibt letztlich nur die Operation. Wenig Sinn machen die auf dem Markt angebotenen Nachtlagerungsschienen und Silikon-Spacer, die zwischen die erste und zweite Zehe gesteckt werden. Sie bringen den Hallux lediglich während der Anwendung in die richtige Position. Sobald abgelegt, ist die Zehenstellung wieder die alte. Ich empfehle den Spacer nur Patienten, die aus bestimmten gesundheitlichen Gründen nicht operiert werden können.

Bei der Operation werden Knochen durchtrennt und in der korrigierten Stellung wieder fixiert. Zusätzlich werden die umgebenden Weichteile wieder «ausbalanciert», damit sie ihren Teil zur Stabilität und Stellung beitragen. Es gibt sehr viele etablierte Operationsverfahren zur Korrektur des Hallux valgus – das für den Einzelfall am besten Geeignete muss jeweils individuell gewählt werden. 

Wie sieht es mit Arthrose und Hallux valgus aus? 

Beides kann kombiniert vorkommen, wobei es sich beim Hallux valgus um eine Stellungsanomalie handelt, bei welcher das Gelenk gesund sein kann. Bei der Arthrose (Hallux rigidus) werden Gelenk und Gelenkknorpel zerstört, was verschiedene Ursachen haben kann, darunter auch fortgeschrittene Formen des Hallux valgus. Die Therapieansätze bei beiden Erkrankungen sind unterschiedlich. 

Welche Behandlung wird bei Arthrose durchgeführt? 

In Fällen von Arthrose, ist die Fehlstellung eine Begleiterscheinung. Die meisten Verfahren, die zur Korrektur der Fehlstellung zur Anwendung kommen würden, fallen bei nicht intakten Gelenken weg. Arthrose heisst ja, dass das Gelenk degeneriert, der Knorpel zerstört ist.

Im Rahmen der Arthrose versucht der Körper, die Gelenksoberfläche zu vergrössern bzw. besser abzustützen und baut «Knochennasen» rund um das Gelenk auf. Diese Anbauten können so störend sein, dass sie in den Schuhen Druckstellen machen und die Beweglichkeit der grossen Zehen stark eingeschränkt ist. In dieser Phase der Erkrankung kann das Abtragen der knöchernen Anbauten die Beschwerden lindern und den Bewegungsumfang steigern. An der Arthrose ändert das jedoch nichts. Wenn die Beschwerdeursache mechanischer Natur ist, hat der Patient unter Umständen jedoch einige Jahre Ruhe, bis der Knorpel vollends degeneriert ist und Knochen auf Knochen reibt. Dann sind weitere Massnahmen nötig.  

Gibt es Heilungschancen? 

Leider nein – Arthrose kann bis heute nicht geheilt werden. Ziel ist deshalb nicht der Erhalt des Gelenks, sondern die Beseitigung der begleitenden Schmerzen. Bei der am häufigsten angewandten Methode erfolgt dies mittels Versteifung des Grosszehengrundgelenks. Dabei wird allfälliger Restknorpel vollständig entfernt, die Knochen werden in die gewünschte Position gebracht und mit Schrauben und Platten verschraubt. Die beiden Knochenenden wachsen dann zusammen. Wie bei der Heilung eines Knochenbruchs entsteht ein durchgehendes grosses Stück Knochen ohne Gelenk dazwischen. Die Beweglichkeit in diesem Gelenk geht dabei verloren Die Position der Versteifung wird deshalb meist mit 5 – 10 Grad Beugung nach oben gemacht, damit das Abrollen auch weiterhin funktioniert. So haben die meisten Patienten nur wenige funktionelle Einschränkungen. 

Die Alternative ist ein künstliches Gelenk. Daran wird zwar bereits seit Jahrzehnten geforscht, doch leider kann bis heute kein befriedigendes Resultat erzielt werden. Die Ergebnisse überzeugen mich nicht. Ich persönlich würde kein künstliches Grosszehengrundgelenk empfehlen. 

Man hört, dass die Schmerzen nach einer Operation gross sind und lange andauern. Stimmt das? 

Wie bei praktisch allen operativen Eingriffen am Fuss nimmt der Heilungsprozess Zeit in Anspruch. Der Fuss ist ein hochkomplexes Organ, wir sind bei jedem Schritt auf ihn angewiesen. Beeinträchtigungen am Fuss bedeuten deshalb immer auch Beeinträchtigungen im Alltagsleben. Wenn die Füsse sechs Wochen lang schmerzen, leidet der Mensch während dieser Zeit bei jedem Schritt. Deshalb darf man Fussoperationen nie unterschätzen und auf die leichte Schulter nehmen. Ein grosser Teil meiner Arbeit in der Sprechstunde beinhaltet ausführliche Aufklärungsgespräche, damit sich die Patienten nicht mit falschen Vorstellungen einer Operation unterziehen. 

Dann würden Sie auch nie beide Füsse zusammen operieren? 

Doch. Es gibt durchaus Fälle, wo ich gleichzeitig beide Füsse operiere. Gerade bei jüngeren Patienten oder Menschen, die so schnell wie möglich wieder voll arbeitsfähig sein wollen. Es hängt vom ausgewählten Verfahren, und dieses wiederum von der genauen Fehlstellung ab. Bei der Stellungskorrektur am Hallux valgus gibt es einen grundsätzlichen Unterschied. Je nach Verfahren ist der Patient entweder sechs Wochen auf Stöcke und eine Ruhigstellung angewiesen, oder er kann die Füsse in Spezialschuhen (Sandalen mit Klettverschluss und einer steifen Sohle, die das Abrollen des Fusses verhindert) voll belasten. Bei ausgewählten Patienten der zweiten Gruppe können auch beide Seiten gleichzeitig operiert werden. 

Auch hier darf man jedoch die Dauer der Nachbehandlung nicht unterschätzen: Nach sechs Wochen in Spezialschuhen brauchen die meisten Patienten eine Übergangszeit, um wieder in normalem Schuhwerk «laufen zu lernen». Der Zeitaufwand für eine solche Operation kann sich also ohne weiteres auf 2 - 2.5 Monaten belaufen. Schwellungen und Restschmerzen können auch danach noch auftreten. Die meisten Hallux valgus-Korrekturen erfolgen bei uns im Universitätsspital Basel stationär, da die Schmerzen und die postoperative Schwellung gerade in den ersten Tagen ziemlich gross sein können, denn es werden ja Knochen durchtrennt. Im Spital können wir den Fuss des Patienten mit kleinen Schmerzkathetern zwei bis drei Tage «schlafen» lassen. Somit ist der Patient den ersten Wundschmerz los. Zudem haben die Patienten im Spital ein bis zwei Tage Bettruhe, damit der Fuss abschwellen kann. 

Existiert so etwas wie der richtige Moment für die Operation? 

Im seltenen Fall entscheidet das Röntgenbild über den Zeitpunkt einer Operation. Ausschlaggebend ist das Ausmass der Schmerzen und der Einschränkungen z.B. bei der Schuhwahl. Ein Grund kann in extremen Fällen auch sein, dass man Angst haben muss, die Haut perforiere, wenn die Fehlstellung sehr ausgeprägt ist. 

Welche Tipps und Tricks gibt es, um die Füsse bis ins hohe Alter so fit wie möglich zu erhalten? 

Passendes Schuhwerk ist das Beste. Ausserdem sollte man nicht immer die gleichen Schuhe tragen. Die Füsse sollten fit und flexibel gehalten werden, zum Beispiel indem man im Sand läuft. Bei Beschwerden aufgrund eines Senk-Spreizfusses können passende Einlagen Abhilfe schaffen.

Frau Doktor Horisberger, vielen Dank. Wie sagen unsere nördlichen Nachbarn: «So wird ein Schuh draus.»

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