Eröffnung, Die neue amerikanische Malerei, Kunsthalle Basel, 1958. Foto: Peter Moeschlin / Fotoarchiv Kunsthalle Basel
Eröffnung, Die neue amerikanische Malerei, Kunsthalle Basel, 1958. Foto: Peter Moeschlin / Fotoarchiv Kunsthalle Basel
  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

145 Jahre Basler Kulturgeschichte: Die Kunsthalle lässt tief in ihr Fotoarchiv blicken

In «Exposed Exhibitions» macht sich die Kunsthalle für einmal selber zum Thema und zeigt eine grandiose, durch die Fülle auch ziemlich überwältigende Ausstellung zur Vergangenheit der geschichtsträchtigen Basler Institution.

Etwas ungewohnt ist «Exposed Exhibitions» schon. Den Blick auf die Vergangenheit wagt die Kunsthalle selten und besonders nicht auf die eigene. Zudem ist ein Ausstellungsraum ein Gefäss, in welchem die Bilder die erste Geige spielen sollen und der Raum, in den sie eingetrichtert wurden, hat sich gefälligst zurückzuhalten. Der oft beschwörte «White Cube»—als extremstes Beispiel—ist als Anti-Raum konzipiert, eine schneeblinde Kiste, um die Nägel für die Bilder einzuschlagen, damit diese nicht runterfallen. 

Sören Schmeling und Mara Berger sehen das anders. Sie haben das Fotoarchiv der Institution unter sich und graben täglich in den Kisten, Schachteln und Ordnern mit über 25’000 Bildern und Dokumenten. Nun lassen sie tief ins Familienalbum der Kunsthalle blicken und sie haben gut darauf geachtet, dass «Exposed Exhibitions» nicht zur Nabelschau verkommt.

Installationsansicht, Impressionisten, mit Claude Monets Nymphéas (1914–26), Kunsthalle Basel, 1949. © Fotoarchiv Kunsthalle Basel

Klassentreffen am Steinenberg

Das Nähkästchen der 145-jährigen Geschichte der Kunsthalle füllt gleich den ersten Raum, ein Zeitstrahl auf der einen Seite und vergrösserte Kontaktabzüge auf der anderen. Der Zeitstrahl erzählt von früheren Direktoren und Ausstellungen und vor allem zeigt er: Was früher in der Kunsthalle gezeigt wurde, ist heute in anderen Institutionen zu finden. Gauguin, Monet, Rothko, Pollock, Klee, Tinguely, die Klassenbesten der Moderne waren alle zuerst am Steinenberg, bevor sie am Sankt Alban-Graben oder gar in Riehen auftauchten.

Installationsansicht von ausgewähltem Archivmaterial „Kontaktabzüge“, Exposed Exhibitions – Fotoarchiv der Kunsthalle Basel, Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Die Schönheit von Kontakabzügen

Der Blickfang sind aber die Kontaktkopien und ihre Inszenierung als eigenständige ästhetische Objekte ist absolut gelungen. Erstens weil diese die Geschichte und deren Bewahrung gleichzeitig zeigen und zweitens weil sie beweisen, dass auch die Geschichtsschreibung nicht bloss ein objektives Festhalten, sondern ein auswählen, inszenieren und abwägen von Objekten und Ansichten ist. Die Abzüge zeigen den Ausschuss genauso wie jene Bilder, die dazu auserwählt wurden, die Vergangenheit zu repräsentieren. Es ist der Zustand vor dem Archiv, der nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist. Ein Fotograf macht klar, dass dies nicht immer einfach ist und entschuldigt sich handschriftlich auf dem Bogen: «Ich weiss schon, es ist schwierig, aber mehr lässt sich nicht machen.» Trotzdem möchte man sie sich sofort ins Wohnzimmer hängen.

Detailansicht von ausgewähltem Archivmaterial „Raumarchäologie“, Exposed Exhibitions – Fotoarchiv der Kunsthalle Basel, Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Ausstellungsmacher im Nebenjob

Der zweite Raum nimmt dann explizit Bezug auf die «Archäologie des Raumes» wie Assistenzkuratorin Mara Berger erklärt. Die Archivbilder zeigen die Kunsthalle selbst und ein nicht unwesentlicher Teil der Arbeit von Berger und Schmeling besteht darin, auf vergilbten Fotos anhand des Verlaufs des Parkettbodens, von Heizungselementen oder der Position der Fenster und Wände zu erkennen, welches Objekt welcher Ausstellung in welchem Raum diese zeigen. Hier, zusammen mit den knittrigen Grossformatdias im nächsten Raum, ist die Hauptbeschäftigung jener dargestellt, die im Nebenjob die Ausstellung zusammengestellt haben, indem sie die Bilder des Raums von früher in den Raum von jetzt hängen. Wenn sich nun ein Knoten in Ihrem Gehirn bildet, dann ist das völlig normal.

Detailansicht von ausgewähltem Archivmaterial „Raumarchäologie“, Exposed Exhibitions – Fotoarchiv der Kunsthalle Basel, Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Ausstellungsaufbau, Carl Burckhardt, Kunsthalle Basel, 1978. © Fotoarchiv Kunsthalle Basel 

Da ist er doch noch, der weisse Raum

Die Kunsthalle wäre aber nicht die Kunsthalle, würde sie diesen Anlass auch noch mit zeitgenössischen Positionen schmücken. Cécile Hummel, Esther Hunziker, Doris Lasch, Astrid Seme, Raoul Müller und Werner von Mutzenbecher wurden eingeladen, Bezug auf Positionen auf dem Zeitstrahl zu nehmen und je weiter man durch die Räume schreitet, desto mehr Raum gewinnen ihre Abhandlungen anstelle der musealen Selbstreflektion.

Werner von Mutzenbecher, eigentlich Künstler, hatte kurzzeitig zusammen mit der Fotografin Maria Netter (der einzigen Frau in dieser Position vor Filipovic), die Interimsleitung inne und nimmt in seiner Arbeit Bezug auf sein Verhältnis mit der Kunsthalle. Als gealterter Mann tritt er immer wieder an Archivansichten seiner ehemaligen Institution heran, bis er zum Schluss in einer farbigen, zeitgenössischen Version der Kunsthalle steht. Werner von Mutzenbecher, Installationsansicht, Kunsthallefilm II / 2017, 2017, Exposed Exhibitions – Fotoarchiv der Kunsthalle Basel, Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Den Schluss bildet Esther Hunziker mit einer grossen Projektion von digital und dreidimensional nachgebildeten Kunstwerken aus dem Archiv der Kunsthalle. Es ist die einzige Arbeit, die sich nur aus dem digitalen, also dem jüngsten Teil der Geschichtsschreibung speist. Die Objekte schweben im weissen Raum und die Architektur der Kunsthalle verschwindet. Da ist er wieder, der «White Cube». 

Esther Hunziker, Installationsansicht, Hall, 2017, Exposed Exhibitions – Fotoarchiv der Kunsthalle Basel, Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Die für Kunsthallenverhältnisse ungewohnt dichtgepackte Ausstellung nötigt den Besuchern den einen oder anderen gedanklichen Spagat ab, sie bietet dafür nie zuvor gesehene Ansichten einer Institution, welche der Basler Kulturgeschichte in den vergangenen 145 Jahren etliche Kapitel hinzugefügt hat. «Exposed Exhibitions» ist nicht etwa eine narzisstische Selbstbeweihräucherung geworden, sondern eine kluge und gerechtfertigte Erzählung.

Die Ausstellung dauert vom 22.9. bis 12.11.2017.

Werden Sie sich die Ausstellung auch ansehen? Was sind Ihre Eindrücke? Erzählen Sie uns davon auf Facebook!