Jean Tinguely, „Klamauk“, 1979 vor dem Museum Tinguely, Basel 2016  © Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Jean Tinguely, „Klamauk“, 1979 vor dem Museum Tinguely, Basel 2016 © Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
  • Daniela Settelen

Die Ausstellung Musikmaschinen / Maschinenmusik im Museum Tinguely ist eröffnet

Zum 20-jährigen Bestehen vereint das Museum Tinguely erstmals die grandiosen vier Méta-Harmonien. Über den herbstlichen Solitüde-Park erreicht der Besucher das Tinguely Museum. Visuell-akustische und olfaktorische Sinneseindrücke des Aussenraums bereiten gleichsam auf die Méta-Harmonien Tinguelys im Inneren des Museums vor.

Hier haben Skulpturen von gewaltigem Ausmass Quartier bezogen und umringen den 1978 entstandenen Klamauk.

Sie klappern, rattern, knirschen, quietschten. Den Klang, den die vier Maschinen verursachen, ergibt ein chaotisches Getöse, das alles andere als komponiert erscheint. «Meine Apparate machen keine Musik, meine Apparate benützen Töne, ich spiele mit den Tönen, ich baue manchmal Ton-Mischmaschinen, die mischen Töne, ich laßʼ die Töne gehen, ich gebʼ Ihnen Freiheit.» Mit dieser Aussage distanzierte sich der Künstler von der alltäglichen Vorstellung von harmonischer Musik. Er wollte nicht Neue Musik machen, vielmehr wurde der Ton zum Material seiner Kunst.

Die Méta-Harmonien vom Ende der 1970er Jahre waren in erster Linie Maschinen mit und aus Musikinstrumenten. In 1980er Jahren wird das Wort «Méta-Harmonie» zum erläuternden Zusatz: Tinguely ging es zunehmend um ein visuell-akustisches Zusammenspiel. Das Visuelle und Akustische sowie die Bewegung gaben fortan einen Spannungsbogen ab.

Jean Tinguely, „Méta-Harmonie I“, 1978 Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1983 © 2016, ProLitteris, Zürich; Foto: 2016 Museum Tinguely, Basel; Daniel Spehr

Im Rahmen der Hammerausstellung (Basel, 1978) präsentierte Tinguely seine erste Méta-Harmonie als grosse Publikumsattraktion. Die Skulptur besteht aus drei Eisenrahmen. Die vielen verschiedenen Musikinstrumente wie Geige, Ziehharmonika, Xylophon, Zimbel sowie diverse Alltagsgegenständen wurden in die Rahmen eingebaut. Dank der grossen Räder konnte die Skulptur der Länge nach aus dem Atelier gerollt werden. Sie ist bekannt als die «melodischste» aller Méta-Harmonien.

Für seine Ausstellung 1979 im Städel in Frankfurt a. M. musste Tinguely bereits eine zweite Méta-Harmonie bauen: Die Erste war an das bekannte Kunstsammlerehepaar Peter und Irene Ludwig nach Wien verkauft worden.

Jean Tinguely, „Méta-Harmonie II“, 1979 Emanuel Hoffmann-Stiftung, Dauerleihgabe im Museum Tinguely, Basel © 2016, ProLitteris, Zürich; Foto: 2016 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr

Die neu entstandene Méta-Harmonie II (1979)ähnelt ihrer Vorgängerin, ist aber mit dem Klavier, der Melodica, den vielen Schlaginstrumenten und objets trouvés dichter bestückt. Dadurch dass die Objekte über die Eisenrahmen ineinander greifen, wirkt sie unübersichtlicher, obschon der triptychonartige Aufbau gut erkennbar bleibt.

Jean Tinguely, „Pandämonium N°1 – Méta-Harmonie 3“, 1984 Sezon Museum of Modern Art, Karuizawa © 2016, ProLitteris, Zürich; Foto: 2016 Museum Tinguely, Basel; Foto: Kota Sugawara

Fünf Jahre später griff Tinguely für die Tokioter Warenhauskette Seibu das Thema wieder auf. Es entstand Pandämonium No. 1 – Méta-Harmonie 3 (1984). In dieser Skulptur wurden 42 Motoren verbaut.Neben zahlreichen Trommeln, Becken, den obligatorischen Kuhglocken und vielen anderen Schlaginstrumenten enthält Pandämonium auch zwei Tierschädel, die zähneknirschend zum morbiden Charakter des Werks beitragen. Im Pandämonium, dem Aufenthaltsort der Dämonen, macht sich die zeitgleiche Beschäftigung Tinguelys mit dem Tod bemerkbar. Es handelt sich aber um eine heitere Beschäftigung mit dem Düsteren – um eine «Verburleskierung» des Todes, so Tinguely. Seine dritte «Ton-Mischmaschine» ist noch detailreicher und ungeordneter gebaut und greift als erste in verschiedene Richtungen des Raumes aus. Sie quillt auf barocke Weise weit über die Eisenrahmen hinaus.

 

Jean Tinguely, „Fatamorgana – Méta-Harmonie IV“, 1985 Installationsansicht im Museum Tinguely, Basel © 2016, ProLitteris, Zürich; Foto: Museum Tinguely, Basel, Bettina Matthiessen

Ähnlich wie die dritte ist auch die vierte und grösste Méta-Harmonie (12,5m lang) mit dem Titel Fatamorgana (1985) vor allem eine perkussive Méta-Harmonie. Mit vielen grossen, farbigen Rädern bestückt und nur vier Instrumenten, steht visuell die Mechanik im Fokus mit dem Thema Mensch und Maschine. Gebaut haben Tinguely und sein Assistent Josef Imhof das Werk in einer stillgelegten Industriehalle in Olten, wo viele der ausgedienten Holzgussmodelle der Firma Von Roll AG lagerten. Dort sicherte sich der Künstler vor allem die grossen Modelle für dieses gewaltige Räderwerk. Entsprechend ist die Méta-Harmonie IV auch langsamer, behäbiger und mit einem reizenden Klang ausgestattet.

Die auf Zeit vereinten vier gewaltigen Méta-Harmonien veranschaulichen Jean Tinguelys wiederholt gemachte Aussage: er baue eigenständige Musik, die alle Sinne ansprechen soll!                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

Tinguely’s Méta-Harmonies‘ Guests: 

Während der Ausstellungsdauer bilden die Méta-Harmonien «die Bühne» für Auftritte von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern. Beispielsweise der Berner Künstler Zimoun baut aus kleinen Elektromotoren und Schweissdrähten eine elf Meter lange Wandarbeit, die den Raum mit rhythmisch-vibrierenden Geräuschen erfüllt. Konzerte, künstlerische Interventionen und weitere Events finden vom 19. Oktober 2016 bis 22. Januar 2017 im Museum Tinguely statt und bieten den Besuchern die Gelegenheit, ihren Museumsbesuch ganz im Sinne des Hauskünstlers zu einem sinnesübergreifenden Erlebnis werden zu lassen.

Publikation: 

Zur Ausstellung erscheint Mitte November im Kerber Verlag ein reich bebilderter Katalog mit Texten von Annja Müller-Alsbach, Sandra Beate Reimann und Heidy Zimmermann sowie einem Vorwort von Roland Wetzel in einer deutsch/englischen Ausgabe. Im Museumsshop und Online erhältlich: 48 CHF.

Ausstellungsdaten:

Die Ausstellung ist vom 19. Oktober 2016 - 22. Januar 2017 zu sehen