Martin Chramosta, Monument Trophy BS, 2017. Bild: barfi.ch
Martin Chramosta, Monument Trophy BS, 2017. Bild: barfi.ch
  • Jonas Egli

Ein Vermittlungsexperiment in der Markthalle und ein Nachtrag zur Fasnacht

«Feldexperimente — Basler Fasnacht» schlägt die Brücke zwischen Kunst und Fasnacht und ist noch bis zum 21.April in der Markthalle zu sehen. Wer hingeht, dem hilft Kurator Benedikt Wyss persönlich beim Brückenbauen.

Zwei grosse und gegensätzliche kulturelle Liebschaften prägen Basel: Auf der einen Seite der alljährliche, kurzzeitige und karnevalistische Kraftakt der Fasnacht, auf der anderen das grossartige, ganzjährige Programm der Kunstinstitutionen. Für beides ist die Stadt berühmt und beide teilen sich im Grunde dieselbe Aufgabe: Die aktuelle Kultur unter die Lupe zu nehmen und, wenn nötig, auch ins Korn. Doch dazwischen liegt eine Kluft: Fasnächtler und Kunstpublikum betrachten sich meist mit Argwohn. Das eine für die anderen zu unterhaltend, das andere für die ersten zu wenig, die Berührungspunkte sind gezählt. Eigentlich zu unrecht.

Ausstellungsansicht «Feldexperimente». Bild: barfi.ch

Hier kommt «Feldexperimente» ins Spiel. Kurator Benedikt Wyss hat im Rahmen der kürzlichen Dokumentartage eine handvoll Künstler an die Fasnacht geschickt und sie aufgefordert, davon zu berichten.

So ist Jean Tinguely als Fasnächtler zu sehen, das Dauerthema «Toleranzzone» findet den Weg auf grossen Bildschirmen in die Markthalle und eine ganze Ecke Nostalgie weht mit den Reminiszenzen der «Kuttlebutzer» durch den Raum während unweit nebendran Super-8-Aufnahmen der diesjährigen Fasnacht bloss wirken, als seien sie von vorgestern.

Für Kunst wie Karneval ist die Maske ein zentrales Thema, nicht nur als Schleier der wahren Identität, sondern auch als Weg, temporär eine neue annehmen zu können. Kunstschaffende leben diesen Doppelzustand permanent, wie Stellas Selbstinszenierung als Werbefläche und käufliches Symbolgut zeigt.

Zermantschte Orangen als T-Shirtmotiv? Gerne! Katja Brunner/Sybren Renema, «The Bebbi knows how to party oder Liege & Loose», 2017, Detail. Bild: barfi.ch

Der Saaltext, der weit über das übliche Format der dreiseitigen Lieblosigkeit mit Einführungstext und Werkauflistung hinausgeht, kommt denn auch als dickes Bündel von «Zeedel» daher. Sämtliche mitwirkende Kunstschaffende, allesamt übrigens keine «Fasnächtler», beschreiben ihren Zugang zum Spektakel, das sie zuvor besucht haben, gleich selbst. Hinzu kommen die Stimmen von «echten» Veteranen und professionellen Augen und Köpfen. Nicht nur positiv, sondern durchaus kritisch.

Wer denkt, so eine Fasnacht, die sei doch selbsterklärend, täuscht sich. Wer denkt, zeitgenössische Kunst sei die rein symbolische und unzugängliche Verpackung gedanklicher Zurückgezogenheit, liegt ebenso falsch. Kurator Wyss nimmt diese Aufgabe ernst und sitzt täglich in der Ausstellung, um die Vermittlung der «Feldexperimente» an interessierte Besucher gleich persönlich zu übernehmen. In den gezeigten Werken schlummert die Hoffnung, ihre Gedanken und Aussagen mögen nicht dem Rahmen der Ausstellungsräume und ihrer Dauer enden.

Ausstellungsansicht: Jean «Jeannot» Tinguely, der Sprengmeister, bei der Arbeit. Der Künstler als Fasnächtler ist vielleicht das treffenste Inbild eines «Feldexperiments». Bild: barfi.ch

Der Fasnacht geht es gleich: Hinter den teilweise grobschlächtigen Witzen liegt eine tiefgründige Auseinandersetzung, die über die drei Tage und die Stadtgrenzen hinauswirken möchte. Die Reaktion der türkischen Regierung auf die Erdogan-Possen ist das grösstmögliche Lob, das ein Staatsoberhaupt der Fasnacht jemals ausstellen könnte. Zur selben Zeit steckt die Türkei ihre eigenen Künstler in die finstersten Kerker.