Ausstellungsansicht «¡Hola Prado!». Foto: Julian Salinas
Ausstellungsansicht «¡Hola Prado!». Foto: Julian Salinas
  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

Kopf an Kopf, Aug’ um Aug’: ¡Hola Prado! im Kunstmuseum ist gelungen

Die königliche Sammlung des Madrider Museo del Prado ist wieder einmal im Kunstmuseum zu Besuch. Und siehe, es macht Spass!

Die Ausstellung «¡Hola Prado! — Zwei Sammlungen im Austausch», sie eröffnet heute abend, ist ein Austausch zweier Museen, der eine Geschichte hat: Nachdem 2015 eine Reihe von Basler Picassos in Madrid zu Besuch waren, sind nun im Gegenzug die Werke der spanischen Sammlung hier. Gleichzeitig knüpft ¡Hola Prado! an eine Ausstellung an, die 1939 in Genf stattfand und etliche Werke von Grossmeistern der Madrider Sammlung erstmals überhaupt ausserhalb Spanies zeigte. Direktor Joseph Helfenstein nennt ¡Hola Prado! «so etwas wie ein Traumprojekt!» Die Ehrfurcht der bürgerlichen Basler Sammlung vor der grossen königlichen Institution ist verständlich, aber, sorry, liebes Prado, wir waren immerhin zuerst: Als das Prado 1819 eröffnet wurde, war die Basler Sammlung, ebenfalls ein Schwergewicht im internationalen Kunstsammlungsvergleich, bereits einhundertfünfzig Jahre für die Öffentlichkeit zugänglich.

Angesichts dieser Superlative kann man sagen: Zum Glück erlag Kurator Bodo Brinkmann nicht der Versuchung, nur die grossen Hits, die Publikumslieblinge, die Postkartenkunstwerke, von denen das Prado bis zum Rand gefüllt ist, nach Basel zu holen und ihnen die hiesigen Vorzeigegemälde gegenüber zu stellen. Hätte er gewollt, Brinkmann hätte durchaus zu dick auftragen können und damit eine Chance vergeben. Hat er aber nicht, an dieser Stelle mein Dank.

Auch gab es nicht, wie man ebenso hätte erwarten können, eine Gegenüberstellung ausschliesslich aus Holbeins und Goyas Pinselkünsten. Stattdessen erinnert sich der Kurator an seine ersten Semester als Student der Kunstgeschichte: «Vergleichendes Sehen» nannte man das, was bis heute die Grundkompetenz jeder Kunstbetrachtung ausmacht, seit der Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin vor bald einhundert Jahren jeweils zwei Diaprojektoren in die Vorlesungssäle schleppte. Zwei oder drei Werke nebeneinander, ein Satz offener Augen und ein wenig Grips, mehr braucht man nicht. So schlicht die Technik, und so gross ihre Wirkung. Doch was ist ein Dia gegen ein Original?

Bodo Brinkmann erklärt die Hieronymusbilder. Bild: barfi.ch

Brinkmanns ¡Hola Prado!, zeigt, dass ihr Kurator in diesen ersten Semestern gut aufgepasst hat und macht die Kunst der Kombination zu einem eigenen Kunststück. Die insgesamt 26 Paarungen sind ziemlich treffsicher gewählt. Ein paar der Klassiker sind natürlich darunter, Hans Memlings büssender Hieronymus zum Beispiel. Aber im Vergleich mit derselben Figur von Lorenzo Lotto aus dem Prado erzählt das Gemälde so viel mehr über sich, als wenn das Bild unter lauter anderen Memlings hängen würde.

Hans Holbeins toter Christus im Grab, eines der ganz grossen Gemälde des Kunstmuseums, wirkt erst neben den zwei Zurbaráns so, wie es sollte: erschreckend, tief berührend, direkt. Bei Zurbarán ist das Leiden des Christus fast zu schön: Der Maler tritt freundlicherweise an den am Kreuz hängenden Christus heran, um ihn zu fragen, wie er ihn denn nun malen sollte. Lieber Herr Jesus, gestatten sie? Holbein, der ehrliche, gegen Zurbarán, den andächtigen. Selten fiel das so stark auf, wie in ¡Hola Prado!.

Andere Paarung, gleiches Thema. Einmal von Govaert Flink («Kalvarienberg», 1649, Detail, ©Kunstmuseum Basel) und einmal Bartolomé Esteban Murillo («Martyrium des hl. Andreas», um 1675/82, Detail, ©Museo Nacional del Prado, Madrid).

Neben den grossen Malern und ihren grossen Werken sind auch ein paar weniger bekannte, aber umso unterhaltsamere Bilder dabei, die man sonst selten sieht: Michael Wutkys *Vesuv-Ausbruch* (um 1796) aus dem Kunstmuseum könnte aus einem modernen Actionstreifen stammen. Dessen Paarung aus dem Museo del Prado, Jean Pillements *Schiffbrüchige an felsiger Küste* (1790/1800) wirkt ebenso wie eine Filmkulisse. Das gesteigerte Interesse der Maler der Romantik an der Grenze zum folgenden Realismus an den Naturgewalten muss man nicht kennen, alleine mit diesen zwei Bildern wird es offensichtlich.

Michael Wutky, «Vesuv-Ausbruch», um 1796. ©Kunstmuseum Basel

Was man sich allerdings sparen kann, sind die Grafiken im letzten Raum. Klar, Goyas Drucke sind ausgezeichnet, aber ich möchte hier die Behauptung aufstellen, dass diese sich als Vergrösserung und unter ihresgleichen wohler fühlen als in einem Raum, wo man sich nach all dem grossformatigen Sehen mit zusammengekniffenen Augen die Nase am Glas plattdrückt.

Vieles sieht man erst, wenn es einen direkt anstarrt. Das ist nicht abwertend gemeint, der Wink mit dem Zaunpfahl ist keine Schande. Besonders bei historischen Gemälden ist der Knackpunkt nicht ihre individuelle Geschichte, sondern die Gesamtheit ähnlicher Werke, formell, thematisch oder stilistisch. Ein weiterer Pluspunkt der Ausstellung: Mit den farbigen Wänden fällt der so oft gescholtene Boden des Neubaus kaum mehr auf.

Die Vernissage von «¡Hola Prado! — Zwei Sammlungen im Austausch» ist heute abend, 18.30 im Neubau des Kunstmuseums. läuft bis zum 20.August 2017.