• Text und Bilder: Jonas Egli
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Kunst von hier statt Kunst von dort

Am Sonntag eröffneten gleich zwei Ausstellungen, die das Schaffen der lokalen Szene zeigen sollen. Sie beweisen: Die Jungen sind flügge geworden.

1.: Kunstkredit in der Kunsthalle

Die Kunsthalle zeigt die Jahresausstellung des Kunstkredits Basel-Stadt, der in Form von Preisen, Projekt- und Werkbeiträgen sowie Kunstankäufen (zu sehen in den Schulhäusern der Stadt oder dem Bau- und Verkehrsdepartement) der hiesigen Szene Aufwind verschaffen will. Sieben Kunstschaffende haben einen Werkbeitrag ergattert und deren Arbeiten sind in der Kunsthalle zu sehen. Darunter Marian Maylands Video-Essay «Kneipe auf Malle», welcher auf abgelaufenem Filmmaterial eine bis vor kurzem vermeintlich abgelaufene Ideologie immer wieder auferstehen lässt und daran mahnt, dass rechtsradikale Bewegungen eben nicht einfach von sich aus verschwinden. Keine Arbeit in der Ausstellung ist brisanter. Ebenfalls relevant, aber subtiler und komplexer, das andere Highlight: Garrett Nelsons Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, die von einem in Mexiko hergestellten Wandteppich mit dem Decor eines Weichteilschoners überthront wird. 

Das Gesetz des Ripolin ist ein Credo von Le Corbusier, um seiner Abneigung gegen jede Ornamentierung mit dem Standard-Weiss Ausdruck zu verleihen.

Vorbei an Johannes Willis Arbeit hält Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann im letzten Raum, der einen von Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė inszenierten, aber handzahmen Auftritt der kurzlebigen französischen Gesellschaftskritikerkünstlergruppe «Tiqqun» beherbergt und nach Seife riecht, eine kurze Rede vor einer im Halbkreis auf Sicherheitsabstand bedachten Menge. Es werden Blumensträusse und Applaus verteilt.

Künstler in Fernbeziehung

Doch ganz so lokal, wie sie scheint, ist die Sache nicht: «Generation Residency», also «Generation Auslandsaufenhalt» nennt es Kurator Stefan Burger und Kuratorin Julia Moritz erinnert sich in ihrer Ansprache an all die Sitzungen über Skype, weil die Künstler über den ganzen Erdball verteilt mit irgendwelchen Projekten beschäftigt sind. So ist Johannes Willis Hütte aus diesen grauenhaften, billigen Flugzeug-Schlafdecken ein Ausdruck dieser Lebensweise. Der Künstler selbst nahm an der Entstehung des Werkes nur per Videochat aus Bogotà teil und schliesslich beauftragte er zwei Freunde, das Werk in der Kunsthalle an seiner Stelle zu installieren. Das ist in der Kunstwelt nicht ungewöhnlich, doch in einer Ausstellung über lokale Kunst kann dies als ein cleveres Zeichen gewertet werden, auch wenn es nirgends explizit erwähnt wird.

Johannes Willi: Durch Economy zur Spirituality, 2017

2.: Diplomanden im Kunsthaus Baselland

Im Kunsthaus Baselland eröffnete wenige Stunden später die jährliche Ausstellung der Abgänger der Kunsthochschule. Kuratiert von niemand geringerem als Carolyn Christov-Bakargiev, die auch schon eine Documenta zusammengestellt hat, und Chus Martinez, der Leiterin des Instituts der FHNW, ist dort keine sorgfältige Auswahl von wenigen Positionen zu sehen wie in der Kunsthalle, sondern das volle, ungefilterte Programm von 38 Kunstschaffenden frisch ab Presse. Und das meiste davon ist wirklich gut, von Tobias Nussbaumers Edelstahl-Katzenbäumen zu Florian Thates aus Styropor gekratzte Zeichnungen oder Gil Pellatons wohlriechendes Riesen-Smile aus Koriander bis hin zu Laura Mietrups Klötzchenskulpturen, die am Ende auch einen verdienten Preis erhalten. 

Das Gezeigte lässt zuversichtlich in die Zukunft blicken und macht mich mal wieder neidisch: Es scheint, Künstler zu sein, ist der Versuch, durch experimentelle Materialexzesse seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

«Alles nur Dekoration!»

In etwas wirren, aber unterhaltsamen Ansprachen eröffnen die Kuratorinnen die Ausstellung, während sich im Raum eine tropische Hitze ansammelt. Zum Glück ist Christov-Bakargievs Rede nicht so lange, wie ihr Ruf es befürchten hätte lassen können. Die beiden sind ehrlich und bringen es auf den Punkt: Viel kuratiert ist nicht an dieser Ausstellung, ihr Inhalt ist vorgegeben. «It’s just decoration!» ruft Christov-Bakargiev aus. Chus Martinez beginnt ihre Rede mit den Worten: «Jetzt kommt die Person, die in dieser Ausstellung am meisten gelitten hat. Ich.» Es sind ihre Studenten, die hier gezeigt werden, und sie drückt ihre Zuneigung damit aus, dass sie ihre neuen Schuhe vorstellt, die sie extra für die Ausstellung aufgespart hat. Sie zeigt darauf und ruft: «lauter Herzenschens!» Ihre Metapher für die Aufgabe ihrer Institution, die ihr so am Herzen liegt, ist die Geschichte von Alladins Lampengeist: In der Lampe kann der Geist nur die Form der Lampe haben, bis er beschworen und aus seinem Gefäss befreit wird. So sieht sie ihre Studenten und macht dazu eine Bewegung, als würde sie Tauben freilassen.

Lasst sie ausfliegen, ehrt sie hier

Wie Tauben oder Lampengeist werden die jungen Kunstschaffenden, einmal frei, in die Welt entfliegen für einen Gastaufenthalt in der Ferne oder einer Gruppenausstellung am anderen Ende der Welt. Kaum ein Berufszweig scheint so unablässig unterwegs zu sein wie die Künstler. Und deshalb ist es wichtig, für sie hin und wieder einen Anlass am Ort der zunehmend losen geografischen Idee der «Herkunft» zu veranstalten. Egal, wo sie sich befinden, verstecken müssen sie sich nicht.