The Mobile Maker Library, Cape Town © Keziah Suskin for British Council Connect ZA
The Mobile Maker Library, Cape Town © Keziah Suskin for British Council Connect ZA
  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

Making makers, making Basel

Im Vitra Design Museum hat sich am Rande der noch bis am 4. Oktober laufenden Ausstellung “Making Africa” ein kleiner Workshop eingefunden. Der unscheinbare, mit der Hauptschau thematisch lose verbundene Pavillon befindet sich rechts vor dem eigentlichen Eingang der Ausstellungsräume und hat zum Ziel, die internationale Makers Bewegung einem geneigten Publikum vorzustellen. Oder besser, einem Publikum, welches sich für schicke Design-Möbel interessiert, kosmopolitische Kunstausstellungen besucht und vielleicht bisher von der Idee des Do-It-Yourself als globale Vereinigung nicht einmal etwas ahnte.

Als Gegenbewegung zum modernen Wegwerfmaterialismus versucht die Makers-Bewegung handwerkliche Ressourcen zu vernetzen, wertvolle Materialien dem Abfallzyklus zu entziehen und die technischen Voraussetzungen bereitzustellen, damit auch etwas anfangen zu können. Hinzu kommt ihre Funktion als Netzwerk von handwerklichem Wissen. Wer weiss denn schon, wie und wozu ein Kettennieter nützlich sein kann? Oft hat man den Bedarf nach kleinen Reparaturen, ein hölzernes Miniprojekt für einen Geburtstag oder der Badezimmerspiegel hängt schief und echt keine Lust/Zeit/Geld um den Klempner zu rufen. Und doch geschieht es nicht häufig genug, um gleich ein ausgewachsenes Hobby zu rechtfertigen. Dafür gibt es Makers. Die Gruppierung will nicht anprangern oder politisieren, aber auch nicht einfach auf bessere Zeiten hoffen, sondern die Dinge lieber gleich selber in die Hand nehmen.

Robin Hood legt Hand an

Der Trend kommt nicht von ungefähr, unter anderem machen es die oft verlachten Hipster vor. Auch wenn die Modeströmung vielleicht zu Recht für ihre Bartöle, Peifenraucherei und allgemeines Edel-Vintagetum als aufgesetzt verschrien wird, mit ihnen wurde das Interesse an plastikfernen Materialien, dem Selbstgemachten, dem Einzelstück und dem nicht-Neuen geweckt. Die reine Lust an Holz, Leder und Metall ist allerdings nicht der einzige Grund: Die Produkte, die wir kaufen, scheinen irgendwie immer schlechter zu werden. Dass Dinge kaputtgehen, obwohl sie nicht wirklich kaputt sind, geht uns gegen die Einsicht. Irgendwie hatten wir da etwas anderes abgemacht, als wir das neue, glänzende Ding vor nicht einmal einem Jahr gekauft hatten. Man nennt dies geplante Obsoleszenz, wenn Geräte unverhofft nach einer gewissen Zeitdauer einfach den Geist aufgeben, weil irgendein Teil darin bricht, welches von Anfang an darauf ausgelegt wurde, die Lebensdauer des Produkts künstlich zu verkürzen. In meiner überschaubaren Karriere als engagierter Brotteigkneter hat eine ganze Armee von Rühgeräten daran glauben müssen. Schicke, stromlinienförmige Maschinen aus farbenfrohen Kunststoffen sind reihenweise in meiner Küche mit grossen Versprechen an deren Funktion und Ergonomie erschienen. Jedes Mal, wenn dann doch nach erstaunlich kurzer Zeit die surrenden Rührer rührend einen Kurzen produzierten, ausgesurrt, musste zum Überbrücken der Notlage stets dasselbe Fossil herangezogen werden. Sie ahnen es: Ein orange-brauner Bakelit-Rührdinosaurier, der Handmixer meiner, ich weiss es nicht, Oma, Ur-Oma, Ur-ur?, der ein Geräusch macht wie ein Presslufthammer, er rührt und rührt seit Anbeginn der Zeit. Seit ihrer Erfindung haben Handmixer nur wenig technischen Fortschritt gesehen. Hinten ein Motor, vorne drehen sich Drahtarme, ein Schalter oder auch zwei. Wenn fabrikneue Geräte kaum ein Jahr ihren Dienst tun, ist das höchst verdächtig und definitiv Grund für zivilen Ungehorsam. Elektronische Geräte sind störungsanfällig, ein kleiner Draht, der sich löst, ist genug, um die ganze Zentralverriegelung eines Autos lahmzulegen. Denn was bei Mixern relativ gut funktioniert, ist bei komplexeren Geräten schwieriger. Und die Industrie gibt sich viel Mühe, uns die Reparatur zu verunmöglichen. Welches von den zig-tausend Kabel sein soll, können und wollen wir Gelegenheitsautomechaniker nicht wissen. Sonst ist am Ende das ganze Gefährt hin. 

Oder wie das Repair Manifesto besagt: “If you can’t repair it you don’t own it.” Glück hat, wer kundige Leute kennt. Glück haben wir, weil wir kennen alle solche Menschen, die Flick-und-Selbermach-Bewegung hat nämlich in Basel längst Fuss gefasst.

Making Basel

Tanja Gantner empfängt mich im Offcut, am hintersten Ende des nagelneuen, betongrauen FHNW-Campus im Dreispitz gerade, als der Laden öffnet. Wir sitzen auf einer hübschen, selbstgebauten Sitzbank aus verschiedenfarbigem Plexiglas, Holz und Veloschläuchen. Ein paar Kunststudis kommen auf der Suche nach Verwertbarem vorbei, andere bringen Verwertbares. Hier gibt es Material von privaten Spendern, von Firmen, gelegentlich aus Atelierauflösungen oder aus Omis Krällelisammlung, auf dem Areal steht bei der Hochschule auch ein Sammel-Container. Manche kommen von alleine, manche fragt das Offcut gleich selbst an. “Wir sind darauf angewiesen, dass Leute Sachen bringen, aber alles können wir natürlich nicht nehmen.”, meint Gantner, “wir sind keine Abfalldeponie.” Das leuchtet ein, die Attraktivität des Angebots lebt von sorgfältiger Auswahl.

Neueröffnung Offcut ©Diana Pfammatter

Es begann vor über 40 Jahren

Das Projekt startete im Sommer 2013 auf dem Areal der Aktienmühle nach einem Jahr Planung. Jetzt, bloss zwei Jahre später, haben die sechs Betreiber bereits so etwas wie Pionierstatus: “Die Leute kommen aus der ganzen Schweiz. Die Nachfrage wäre da, dasselbe in anderen Städten aufzuziehen.” Dies ist noch Zukunftsvision, denn bis heute ist das Offcut auf Stiftungsgelder angewiesen. Eine höhere Selbstfinanzierung ist das Ziel des Teams. Beim Gang durch die Gestelle erhalte ich einen kleinen geschichtlichen Exkurs: Die Grundidee entstand bereits in den 70er Jahren mit dem australischen Projekt ’Reverse Garbage’ und dessen amerikanischem Pendant ’Material for the Arts’. Beide Projekte sind bis heute aktiv und erfreuen sich beständiger Beliebtheit. In Reggio nell’Emilia, einer Stadt in Norditalien, mit Basel vergleichbar gross, bietet das Projekt ‘Remida’ seit 1996 Kreativtage an, die immer wieder die ganze Stadt einnehmen. Remida hat inzwischen Ableger bis nach Hamburg. Wer in den Workshop beim Vitra Museum geht, wird über die unzähligen Mitglieder des Makers Library Network aufgeklärt, von Eng- bis Neuseeland. Es geht bei Angeboten wie dem Offcut nicht so sehr darum, etwas ganz Bestimmtes zu kaufen, denn was man gesucht hat, weiss man oft erst, wenn man es findet. Der Laden ist voll mit wunderlichen Dingen, Einzelstücken, Bastelresten, Props und kistenweise Molton. Sehr gefragt, selten gespendet: Massivholz. Braucht jemand vielleicht 800 kg Paraffinwachs? 

“Ihr seid der Hammer!”

Die Besucher geben auf dem Flipboard rege Rückmeldung: “Dank euch habe ich ein neues Hobby”, “Ihr habt mir schon oft aus der Klemme geholfen”, und schlicht “dä lade macht süchtig!”. Tanja Gantner weist jedoch auf einen Mangel des hiesigen Netzwerkes hin: Da es sich nicht um eine wohlorganisierte Gesamtgruppierung handelt, sind die autonomen Teile nicht zwingend aufeinander abgestimmt. Es gibt zum Beispiel zu wenig öffentliche Werkstätten, zum Beispiel im Bereich der Metallverarbeitung. Doch dies ist im Begriff sich zu wandeln.

Das Projekt ‘Euer Werkhof’ versucht dem Abhilfe zu schaffen: Auf dem Areal hinter dem Gundeldinger Feld situiert will eine Gruppe Handwerkskundiger dem Quartier etwas bieten. Irgendwo her hat man eine Acetylenflasche für die Schweissanlage organisiert, doch eine Metallwerkstatt auf die Beine zu stellen ist ein langer und hindernisreicher Weg. Kaum ein Zulieferer ist auf die Belange der Kleinwerkstätten ausgerichtet. Der Dachverein ‘Denkstatt-sàrl’ betreibt alleine in Basel fünf Standorte im Geiste der Ressourcenvernetzung, dazu einer im nahen Liestal, in Winterthur und sogar in Berlin. Alles private, autonome Kleinprojekte. 

Der Eingang zum Werkhof im Gundeli, Foto: Eva-Maria Würth, Zürich

Viele Projekte zum Nutzen und Vernetzen

Die Liste ist länger als man denkt: Man kann Dinge erschaffen in der Freizeitwerkstatt, der Werkstation, dem Hand-Werk an der Uferstrasse, die Starship Factory, welche dem globalen FabLab-Netzwerk angehört und sogar 3D-Druck anbietet. Um Dinge zu flicken gibt es das Reparaturland, die Rep-Statt in der Markthalle, gelegentlich ist das Berner Repair Café zu Besuch oder man geht in die Reparier-Bar. Oder man geht in den Upcycling-Fundgruben wühlen, wie dem OffcutZweitesDesign, oder auch der Textilpiazza auf dem Hanro Areal in Liestal. Geräte mieten statt kaufen im allseits bekannten Kulturbüro. Alles möglich. Der Flyer der MacherSchaft, die auf dem Werkhof tätig ist, besteht aus einem Stück Schmirgelpapier in Form eines Sägeblattes. “HIER KANNST DU ALLES”, ist darauf eingelasert. Tobias Wiesinger, der nicht nur den Werkhof sondern auch die Rep-Statt betreibt, sieht darin mehr als nur ein schönes Hobby, wie er gegenüber Zukunft-Bilden erklärt. Die endlichen Ressourcen unseres Planeten fordern ein Umdenken: “Es ist nicht bloss schön wieder mehr selber zu machen, es ist eine Notwendigkeit für unsere Gesellschaft.“ Auf SRF 2 war im Mai ein Bericht über die Prosumer-Bewegung (aus Producer/Consumer) zu hören, auch das Amt für Umwelt und Energie berichtete im Rahmen der Umwelttage von der Vorbildsfunktion solcher Projekte.

Textilpiazza Festival 2014, ©Martin Zeller

Die Bewegung wächst und wächst, in jüngster Zeit entwickelt sich Basel fast zu einem Eldorado für Bastler und Flickwütige. Wer sucht, wird auch fündig werden. Alle Projekte haben eines gemeinsam: Sie stehen mit beiden Beinen fest in der Freiwilligenarbeit, Geld macht damit niemand. Allesamt sind sie von Enthusiasten in Eigeninitiative aus dem Staub der Konsumgesellschaft erhoben worden und bestehen nur aufgrund dem kontinuierlichen Engagement der vielen beteiligten Menschen. Die kleinste mögliche Form der Kollaboration: Mittels Aufkleber am Briefkasten kann erkennbar gemacht werden, dass wir Dinge zum Verleihen haben. Auch Mixer. Oder eine Discokugel.

Die Pumpipumpe-Sticker für den Briefkasten

Das Lob des Unfertigen

Kreativität entsteht bekanntlich nicht aus fertigen, funktionsvollendeten Produkten. Sie lebt ganz wesentlich vom Kleinteilethos, vom Zufälligen, vom Finden simpler Dinge, die kombiniert werden können, die Möglichkeit bietend, umgenutzt zu werden. Ein vollverschweisster Toaster mit Programmautomatik ist da ungefähr das Gegenteil. Basel hat allgemein das Problem des ideologisierten Fertigseins. Man sieht es an den Einbauküchen, den Neubausiedlungen, dem Regulierungswahn von Freizeiteinrichtungen, alles soll fertig dastehen und sich sogleich mit Leben füllen. Meist jedoch endet dies in Totgeburten, weil solche Dinge schlicht keinen Raum bieten für Kreativität. Nachhaltiges muss wachsen können und der freiwillige Effort, der geleistet wird, ist ein wichtiger Beitrag an die Lebensqualität in der Stadt. Immerhin können wir uns im Kleinen selber helfen und unser nächster Mixer ist vielleicht ein selbstgemachter aus Holz, der ewig halten wird, mit Instagram-tauglicher Hipster-Patina.

Zur Inspiration gibts es das online-Magazin ‘Make:’