Alighiero Boetti und Salvo – Vernazza, 1969. Bild: Anne Marie Sauzeau
Alighiero Boetti und Salvo – Vernazza, 1969. Bild: Anne Marie Sauzeau
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Reichhaltige Doppelausstellung zur Arte Povera in Lugano

Verehrt und verklärt zugleich: Das Turin der 1960er und 1970er Jahre war nicht nur einer der Geburtsorte der Arte-Povera-Bewegung, sondern erscheint heute als ein einmaliger Schauplatz für künstlerische Energie. Am Kunstmuseum MASI Lugano können sich die Besucher auf Zeitreise begeben und zugleich das Werk von Salvo und Boetti entdecken.

Es könnte auch eine Rockband sein, die den Besucher aus der Fotografie verwegen anblickt. Es sind aber nicht etwa The Who, sondern Giuseppe Penone, Salvo, Tucci Rosso und Gilberto Zorio. Die Künstler bildeten das Ferment für das Turiner Kunstleben zwischen 1966 und 1973, welches im "Spazio -1" des Luganeser Kunstmuseum MASI im Mittelpunkt steht.

Der Schriftsteller Italo Calvino beschrieb Turin als eine Stadt, die "keine leichten menschlichen Beziehungen" habe wie beispielsweise Rom. Für die Ausstellungskuratoren war das Turin der 1960er und 1970er Jahre ein "System von untereinander angenäherten Polen".

Die Automobilindustrie um Fiat dominierte die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirklichkeit - zugleich prägte der Verlag Einaudi das Kulturwesen. Der philosophische Diskurs an der Universität wurde von Luigi Pareyson getragen, zu dessen Studenten auch Umberto Eco zählte.

Suche nach dem "Nullpunkt"

Impulse kamen in der fragmentierten Kunstwelt Turins ausser von Salvo und Boetti auch durch Marisa Merz, Giovanni Anselmo und Luciano Fabro. 30 ihrer Werke sind im "Spazio -1" ausgestellt. Darunter Fabros eindrückliche Italien-Skulptur, die kopfüber an der Stiefelspitze an einem Seil aufgehangen ist.

Einige der Werke lassen sich auch der Arte Povera zurechnen, welche von Rom und Norditalien aus versuchte, mit einfachen und unbearbeiteten Materialien das "Banale" zum Kunstwerk zu machen. Die Künstler der Arte Povera hätten jede Rhetorik hinter sich lassen wollen, um "am Nullpunkt eine neue Beziehung zu sich und der Welt aufzubauen", schreiben die Kuratoren.

In eine ähnliche Richtung gingen der Schweizer Daniel Spoerri und der Deutsche Joseph Beuys, die ebenfalls Kunstwerke mit Materialien wie Blei, Fett und Draht schufen, welche bislang noch nicht kunsthistorisch konnotiert waren.

Freundschaft mit Furor

Die Salvo und Boetti-Ausstellung im LAC-Hauptgebäude lässt schnell das Chronologische hinter sich und präsentiert das Hauptwerk der beiden Künstler in fünf thematischen Feldern. "Arbeitend und spielend leben", so hatte Salvo einmal seine Freundschaft zu Boetti beschrieben und diesen Titel trägt nun auch die MASI-Werkschau.

Zu Lebzeiten hatten sich die beiden Künstler, welche zeitweise auch ein Atelier teilten, gegenseitig Fotografien und Reiseporträts gewidmet. Für eine Aufnahme posiert Salvo wie der junge Bob Dylan - im Hintergrund die Protestbewegung von 1968 in der Fiat-Metropole Turin.

Bei Salvo, der mit bürgerlichem Namen Salvatore Mangione hiess, wird die Selbstüberschätzung und "Heroisierung" zum Thema gemacht. Er graviert zum Beispiel seinen Namen in eine Marmortafel - in der Nachbarschaft von Kafka, Aristoteles, Homer und Rembrandt. "Io sono il migliore - Ich bin der Beste", tönt es von einer anderen Tafel.

In seinen "Sicilie" und "Italie" Landkarten reiht Salvo die Namen berühmter Maler seines Landes aneinander, so dass sich zugleich seine Heimatinsel beziehungsweise der italienische Stiefel farblich abheben. Der 1940 in Turin geborene Alighiero Boetti sei hingegen nie ein Maler gewesen, schreiben die Kuratoren. Der "fulminante Eklektizismus", der ihm zu eigen war, hätte es ihm nie erlaubt, langsam und geduldig zu malen.

Abpausen, Sticken, den Kugelschreiber schwingen

Sein Werk "Die Welt zur Welt bringen" beispielsweise besteht aus einer Vielzahl von Schraffierungen eines Kugelschreibers. In "Faccine" (Faces) greift Boetti dagegen in minimalistischen Wabenzeichnungen den modernen "Emoticons" voraus. Unkenntlichkeit und Unterhaltsamkeit liegen hier eng beieinander.

Nachdem Boetti 1972 aus Turin wegzog, löste sich zumindest die alltägliche Verbindung der beiden Künstler auf. In ihrer "unerschöpflichen und unersättlichen Neugier" und ihrer eigenwilligen "Trial and Error" Mentalität seien sich die Beiden aber auch darüber hinaus stark verbunden geblieben, so die Kuratoren.

Die Boetti/Salvo Ausstellung ist noch bis zum 27. August im MASI in Lugano zu sehen. Die Schau zu "Torino 1966-1973" im Spazio-1 läuft noch bis zum 23. Juli.