Essen im Freien, Siedlung Heizenholz, Kraftwerk1, Zürich Adrian Streich Architekten, Zürich, 2012 © Katrin Simonett/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Essen im Freien, Siedlung Heizenholz, Kraftwerk1, Zürich Adrian Streich Architekten, Zürich, 2012 © Katrin Simonett/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
  • Jonas Egli
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Wie werden wir leben? Die neue Ausstellung im Vitra Design Museum zeigt auch Basels Zukunft

Der Dichtestress und seine Lösungen im Vitra Design Museum: Die neue Ausstellung thematisiert eine stille Revolution im urbanen Leben, und damit auch die Zukunft der Stadt Basel.

Die Ausstellung «Together: Die neue Architektur der Gemeinschaft» behandelt in vier Räumen das Thema des urbanen Zusammenlebens. Das Projekt entstand vor zwei Jahren und wurde an der Architekurbiennale in Venedig mit dem zweiten Platz ausgezeichnet. Nun wird es das erste Mal als Ausstellung gezeigt. Die vier Kuratoren haben darauf geachtet, die ganze Bandbreite des Themas abzudecken: Von Charles Fouriers Utopie aus dem Jahr 1820 bis zu Bauprojekten, die gerade im Entstehen begriffen sind. Darunter auch zwei Basler Projekte: Die Muttenzer Gartenstadtsiedlung «Freidorf» und das Musikerwohnhaus der Stiftung Habitat an der Lothringerstrasse. Zwei unterschiedliche Lösungen für dasselbe Problem.

«Together – Die Neue Architektur der Gemeinschaft» beginnt didaktisch. Nach dem ersten Raum weiss man alles über die Geschichte einer riesigen Bewegung. Ausstellungsansicht Vitra Design Museum. Bild: barfi.ch

Viele der Projekte wurden von Architekten entworfen, die selbst in den Protest- und Häuserbesetzungsbewegungen der 80er Jahre aufwuchsen. Was damals eine politische Grundsatzdiskussion war, ist heute die schlichte Erkenntnis: Wir werden sparsamer mit dem immer teuerer werdenden Wohnraum umgehen müssen. Basel kann davon ein Lied singen. 

Ja früher, da war alles einfacher: Zur Not kann man auch eine Strasse als Wohnraum besetzen. Ausstellungsansicht aus den 80er Jahren im Vitra Design Museum, © Schweizerisches Sozialarchiv/Photo Gertrud Vogler

Sind wir auf die neuen Wohnformen vorbereitet?

Noch immer sind wir von der Vorstellung des Eigenen getrieben. Sich einen von der Umgebung abgesteckten Raum zu schaffen, ist nach wie vor das Ziel: Eigene Wohnung, eigenes Auto, ein umzäuntes Stück Land. Die Wohngemeinschaft und Mobility-Autos werden bloss als temporäre Vorstufe betrachtet. So leben bloss Arme und Studenten, ein temporärer Zustand für jene, die es noch nicht «geschafft» haben. Immer mehr sieht es aber danach aus, so die vier Kuratoren von «Together», als würde sich dies grundlegend ändern. Auch durch demografische Veränderungen: Wenn die Menschen nicht mehr in der klassischen, fordistischen Familie leben, sehnen sich die nun einsamen wieder nach Kollektivität. Sie ziehen zurück in die Städte.

Innenhof der Sargfabrik, Wien BKK-2, Wien, 1992–96, © Stadt Wien MA 18 / R. Christanell 

Offenheit statt einsamer Krampf

Und während sie dort krampfhaft vesuchen, ihr Leben als autonome Einheit zu verteidigen, weist diese Ausstellung genau in die andere Richtung: «Ein urbaner Hedonismus der Intensitäten und des Zusammenseins», wie es Andreas Ruby ausdrückt. Und siehe, die Filme, Modelle und Wohnungen im Massstab 1:1 erwecken so gar nicht den Eindruck von verlotterter Hippie-WG und vermummter Häuserbesetzung: Der Verzicht auf privaten Raum geht oft mit einem Gewinn an Luxus einher. Wenn sie weniger für die Wohnung und das Auto ausgeben, können die Bewohner eines Hauses für den Swimming Pool auf dem Dach zusammenlegen, wie das «Poolhaus» in Wien zeigt.

Ein detailsreiches Modell zeigt die 21 vorgestellten Projekte als Stadt. Ausstellungsansicht Vitra Design Museum, Bild: barfi.ch

Ein spektakuläres Modell versammelt alle 21 vorgestellten Projekte im Massstab 1:24 als Stadt und zeigt, wie vielversprechend diese Zukunft aussieht. Keine Spur von einem Leben im Kaninchenstall, sondern Offenheit und Vielfalt.

Alle vier Räume und besonders das Stadtmodell zeigen eine Wiederholung der urbanen Typologie: Eine Ansammlung kleiner privater Einheiten um grössere, gemeinschaftliche Strukturen. Dies gilt für die genossenschaftliche Siedlung, für das Gemeinschaftsbüro, aber auch die Stadt als solches, ob Tokyo oder Basel, funktioniert nach diesem Prinzip.

Songpa Micro-Housing, Seoul, 2014 Jinhee Park/SsD, New York/Seoul. © SsD 

Weniger ist mehr 

Noch sind wir aber nicht an diesem Punkt, noch sind wir nicht gezwungen, unser Leben auf engstem Raum zu organisieren. Viele dieser Projekte wurden von Leuten erntwickelt, die diese Wohnformen bewusst wollen. Und sie bahnen damit den Weg für unsere Zukunft: Kuratorin Ilka Ruby rechnet vor, dass die durchschnittliche Wohnfläche um mindestens einen Drittel schrumpfen wird. Basel ist darin ein klares Beispiel: Umschlossen von engen Grenzen muss die Stadt immer neue Wege finden, ihr Wachstum aufzunehmen. In die Höhe zu bauen und neue Flächen zu besiedeln (siehe Rheinhattan) ist nur begrenzt möglich und lässt die Preise steigen. Über kurz oder lang ist eine Beschränkung des persönlichen Raums unabwendbar und die Ausstellung im Vitra zeigt, dass dies keinen Verzicht bedeuten muss. Wer will schon nicht eine Dachterrasse mit Swimming Pool?

Kleiner Bonus: Für die Ausstellung wurden die Dachfenster des Vitra Design Museums ausnahmsweise nicht verdeckt, das Gebäude von Frank Gehry zeigt sich so von seiner besten Seite. Bild: barfi.ch

 

Together — Die Neue Architektur der Gemeinschaft. Vom 3. Juni bis zum 10. September 2017 im Vitra Design Museum, Weil am Rhein.

Ausserdem wartet auch die Fondation Beyeler mit einer neuen Ausstellung auf. Alles über die Ausstellung «Wolfgang Tillmanns» erfahren Sie hier.