Damals gab es keine Videoplayer
Bis Mitte der 1980-er Jahre hatte kaum jemand einen Videoplayer zuhause. Zudem ging es Ewigkeiten, bis Spielfilme erstmals am Fernsehen gezeigt werden durften. So wurden etwa die deutschen Fassungen der frühen James-Bond-Filme mit Sean Connery erstmals 1983/1984 am TV ausgestrahlt. Übrigens: Die ganze 007-Serie war damals erst ab 16 Jahren frei gegeben – und die Altersbeschränkungen wurden recht streng gehandhabt.
Gestrenges Urteil
Wer ins Kino ging und etwas zu jung wirkte, musste die Identitätskarte zeigen. In der Schweiz hatte jede Stadt ein eigenes Gremium für Altersfreigaben, in dem Gymnasiallehrer sowie andere Experten vertreten waren. Sie visionierten die Streifen im Rahmen einer Sondervorstellung und gaben dann ihr gestrenges Urteil ab.

Streifen der härteren Sorte
Die Kinos konnten also, bevor die Videotheken übernahmen, beliebte alte Streifen immer wieder zeigen – und damit Publikum in die Säle locken. Dies war die eine Seite des Programms der Revolverküchen, re-editionen, wie man damals sage, von angejahrten Action-Filmen. Die andere bestand aus Erstaufführungen von Streifen der härteren Sorte, die relativ günstig produziert wurden, viele in Europa, und für die sich die grossen Lichtspielhäuser zu schade waren.

«Explosiv und gewaltig...»
Mit Western haben die Revolverküchen in den frühen 1950-er Jahren angefangen, daher der Name. Und zwar präsentierten sie die zweite Garde der Pferdeopern, die nicht mit den ganz grossen Stars auf den ganz grossen Sets gedreht wurden, dafür umso mehr Pulverdampf und leicht bekleidete Ladies ins Bild rückten, die Stars dieser Filme hiessen Robert Taylor, Robert Ryan, Charles Starret. Die meisten von ihnen waren auch in billig produzierten Kriegsfilmen zu sehen, die Werbesprüche wie diesen trugen: «Der hochinteressante, explosive und gewaltige Kriegsfilm!»
Doppelprogramm
Einen besonders süffigen Werbe-Slogan hatte auch die Revolverküche Odeon, auf den Plakaten stand: «Das Cinéma der rassigen und guten Filme». Das sahen nicht alle so. Lehrer, Eltern, Sittenwächter befürchteten, dass diese Schund-Streifen einen Zerfall der Sitten auslösen könnten – aus heutiger Sicht sind sie allesamt extrem harmlos – und warnten die Jugend vor den Kinos, die sie zeigten. Übrigens oft im Doppelprogramm, eine Sitte, die das Kino Union bis zu seiner Schliessung im Jahr 1988 beibehielt. Zwei Filme, für weniger Geld, als man in der Innerstadt für einen berappen musste.

«Leichen pflastern seinen Weg»
In den 1960-er Jahren kamen dann die Italo Western und die Agentenfilme mit Macht. Während Sergio Leones Meisterwerke und die Bond-Reihe in den grossen Filmpalästen liefen, lieferten die Revolverküchen am Claraplatz, an der Greifengasse, im St.Johann und an der Klybeckstrasse die billigeren Kopien der Genres: Sergio Corbucci, Ferdinando Baldi, «Django», «Leichen pflastern seinen Weg» , die Flint Filme mit James Coburn, herrlich miese Boulevard-Bond-Kopien. Das Blut floss nun noch reichlicher, die Ladies waren noch leichter bekleidet, die Mord-Methoden noch fantasievoller, die Hüter der öffentlichen Moral noch entsetzter.

Blutbäder im Union, im Odeon, im Forum
Doch das war alles noch nichts gegen die B-Movies der Seventies. Nun fielen alle Hemmungen. Kannibalen, Sexualverbrecher, Helden, die so brutal waren, wie vorher nur die Bösewichte, Söldner-Brigaden, Rocker-Gangs und blutiger Horror hielten im Union, im Odeon, im Forum Einzug. Oft waren die Produktionen aus Italien oder Spanien, Regisseure wie Lucio Fulci, Umberto Lenzi, Jorge Grau richteten die Blutbäder an. «Das Leichenhaus der lebenden Toten» (1974) gehörte damals zu den Lieblingsfilmen aller Mittelschüler – und in solche Filme kam die Freundin normalerweise nicht mehr mit. Nun wurde plötzlich mit Drillbohrern und Kettensägen gemordet – und die leicht bekleideten Damen spielten nun keine Rolle mehr, denn in diesen Filmen waren die Darstellerinnen öfter mal splitternackt. Seltsamerweise stiess sich in den 1970-er Jahren kaum jemand an diesen Streifen, da hingen teilweise Plakate in aller Öffentlichkeit aus, die man heute nicht einmal für einen Tag hängen lassen konnte.
Hemmungslos Joints angezündet
Kettenrauchend sass man stundenlang im Kino Union, mit einer Ladung Bierbüchsen als Proviant, zwischendurch wurden hemmungslos Joints angezündet. Ein Paradies für rebellische Jugendliche. Bis dann die Zeit der Videos kam – und diese Art von Filmspass in die privaten Wohnzimmer verschwand. Mit dem Siegeszug der Videokassetten starben alle Revolverküchen innert kürzester Zeit. Und plötzlich war die Video-Gewaltdebatte lanciert. Lustig ist, dass diese von Filmen ausgelöst wurde, die kurze Zeit vorher noch im Kino gelaufen waren, deren Plakate wochenlang im öffentlichen Raum zu sehen waren.
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