Montage Mira Lachmann
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  • Andy Strässle
  • Aktualisiert am

Brav protokolliert, aber nichts gemacht: Sex- und Drogenfälle im Asylzentrum Reinach waren bekannt

Sex und sexuelle Belästigung von Minderjährigen sind ein Offizialdelikt. Der Konsum von Kokain während der Nachtschicht ist ebenfalls ein Offizialdelikt. Dazu Liebesaffären, Liebeleien und Alkohol auf Staatskosten: Alles im Asylzentrum Reinach. Nach 20 Jahren als Chef soll jetzt der Heimleiter per Kurs das «Führen» lernen.

Die Affäre um das Asylzentrum Reinach wird schlimmer und schlimmer. Zwar wird jetzt erst einmal der Leiter des Asylzentrums Reinach, Christian Magni, nach 20 Jahren als Chef in eine Weiterbildung wegen Führungsschwäche geschickt. Das erscheint als ein schwacher Trost, wird doch jetzt klar, dass die Gemeinde selbst in schriftlich protokollierten Sitzungen immer wieder über Grabschereien, Alkohol- und Drogenkonsum, sexuelle Belästigung und Gewaltdrohungen während der Nachtdienste informiert gewesen war. Auch das Heim selbst führt Akten, protokolliert die Ereignisse des Tages.

Damit fällt ein dunkler Schatten auf die Arbeit des Heimleiters Magni: Dieser scheint sexuelle Verfehlungen, Belästigungen und Drogenkonsum schon länger auf die leichte Schulter genommen zu haben. Unabhängig voneinander bezeugen dies mehrere ehemalige Mitarbeitende des Asylzentrums. Erst am letzten Samstag war Andres Pellegrini an die Öffentlichkeit getreten, der als Nachtwache in Reinach dem Heimleiter ebenfalls sexuelle Übergriffe gemeldet hatte.

Die Unliebsamen sollen lieber schweigen

Während sich die langjährige Mitarbeiterin Farideh Eghbali noch immer weigert, den Medien Auskunft zu geben, wird die Situation für den Heimleiter, der laut «Basler Zeitung» etwa den sexuellen Übergriffen im Männerheim nie nachging, immer enger. Obwohl, wie Pellegrini berichtete, die Situation dort so unerträglich geworden war, dass sie in Gewalt zu eskalieren drohte. Ein schiefes Licht auf das Vorgehen der Gemeinde werfen auch die Freistellung und die Vorwürfe an Eghbali: Sie habe sich mit ihren Beobachtungen nicht zuerst an die Gemeinde, sondern an die Medien gewandt, sagt die Gemeinde. Das bestritt Eghbali hingegen gegenüber der «Basellandschaftlichen Zeitung».

Noch im Januar reichte die Gemeinde beim Presserat eine Beschwerde gegen die «Basler Zeitung» ein: Die Berichterstattung sei «menschenverachtend», vor allem gegenüber Gemeindepräsident Urs Hintermann. Hierbei wird ein Muster offenbart: Die Verantwortlichen bringen lieber unliebsame Stimmen zum Schweigen, statt die Missstände zu beheben. Auch als der kritische Bericht der Reinacher Geschäftsprüfungskommission zur Lokalzeitung gelangte, drohte man sofort mit Anzeigen. Farideh Eghbali stellte man taktisch klug frei, so dass man ihr mit dem Amtsgeheimnis drohen konnte. Rausgeschmissen wurde auch Andres Pellegrini, der ankündigte, die verbalen und körperlichen sexuellen Belästigungen bei der Polizei anzuzeigen.

Äussert fragwürdige Führung

Eine Strafverfolgung wäre auch bei Drogenkonsum möglich. Das Betäubungsmittelgesetz verbietet den Kokainkonsum. Somit beging auch der fehlbare Nachtwächter ein Offizialdelikt. Alkohol, Machtmissbrauch, strafrechtliche Delikte: Klar ist, dass diese Zustände unter Heimleiter Magni immer weiter eskalierten. Rätselhaft bleibt, warum die Verantwortlichen der Gemeinde einen offensichtlich führungsunfähigen Heimleiter immer weiter deckten, obwohl schon einer dieser Vorwürfe gereicht haben müsste, um einzuschreiten – gerade als letztlich politisch verantwortliches Gremium.

In der Gemeindeverwaltung bleibt man derweil weiter auf Tauchstation. Anfragen von barfi.ch an Gemeindepräsident Urs Hintermann zu in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfen an seine Mitarbeiter und an den Verantwortlichen für den Sozialbereich zur Aktenlage und die Bitte um Bestätigung, dass beispielsweise Akten im Asylzentrum geführt werden, schmettert die Kommunikationsverantwortliche Barbara Hauser nach mehreren Nachfragen mit dem Verweis auf «laufende Verfahren» ab. Sie schreibt: «Besten Dank für Ihre Anfragen an die Herren Hintermann und Loosli. Weil es sich um ein laufendes Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Basellandschaft handelt, geben wir keine weiteren Auskünfte. Fragen zu Mitarbeitenden unterliegen dem Persönlichkeitsschutz, weshalb wir dazu ebenfalls keine Auskünfte erteilen.»

Die Nachfragen haben sich allerdings weder auf laufende Verfahren bezogen, sondern sich darauf bezogen, ob und wie Akten geführt worden sind. Ein weiterer Themenkreis bezog sich darauf, ob die Protokolle zu den Missständen in den Gesprächen mit Heimleiter beigezogen wurden. Denn dann wäre es ein weiterer Widerspruch, wenn der Gemeindepräsident anfangs Mai sagt, es hätte sich um einen «einfachen Arbeitskonflikt» gehandelt. Die Weigerung einfachste Fragen zu beantworten, selbstverständliche Sachverhalte zu bestätigen, zeigt, dass es noch lange dauern wird, bis man in Reinach bereit ist, die Affäre aufzuarbeiten.

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