Karl Thommen im Garten seines Heims in Hölstein.
Karl Thommen im Garten seines Heims in Hölstein.
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

Das dritte Herz: Karl Thommen aus Hölstein hat überlebt, dank erneuter Transplantation

Vor etwas mehr als einem Jahr waren wir schon einmal zu Besuch bei Karl Thommen. Dem Mann, der 32 Jahre mit einem fremden Herzen gelebt und damit einen europäischen Rekord aufstellte. Doch schon damals verliess das wichtigste Organ seine Kraft.  Karl Thommens Leben hing an einem seidenen Faden. Im Frühjahr erhielt der Baselbieter erlösende Botschaft aus Bern und damit sein drittes Herz.

barfi.ch: Seit November 2015 standen Sie auf der Warteliste für ein neues Spenderherz, nun haben Sie eines erhalten. Wie sind Sie mit der Zeit des Bangens umgegangen?

Karl Thommen: Mein Zustand hatte sich immer mehr verschlechtert, die Leistung meines Herzens nahm stetig ab, wodurch ich mehr Wasser auf Niere, Lunge und im Bauchraum hatte. Zwischendurch wurde ich im Berner Inselspital hospitalisiert und bekam über Infusionen wassertreibende Medikamente.

Wann war es soweit, dass Sie endgültig nicht mehr zu Hause bleiben konnten?

Anfang dieses Jahres, am 9. Januar ging es einfach nicht mehr. Die Ärzte entschieden, dass mein Zustand so akut war, dass ich im Inselspital bleiben und dort auf ein Spenderherz warten musste. Mein Zustand war sehr ernst und ich wurde mit «Priorität 1» nach oben gestuft.

Es sollten aber noch vier lange Monate werden, die Sie im Inselspital verbringen mussten.

Das Warten dauerte bis zum 12. März. Die ganze Zeit musste ich auf der Station bleiben, durfte nicht einmal runter ins Café. Die Zeit habe ich genutzt und viel geturnt, um mich für die Operation fit zu halten. Das ging im Spital ziemlich gut, weil ich optimal mit Medikamenten versorgt wurde und so wieder etwas zu Kräften kommen konnte.

Und während der ganzen Zeit haben Sie rund um die Uhr auf ein Spenderherz gehofft?

Ja, am 20. Januar war ein erstes Spenderorgan für mich gefunden. Man bereitete mich auf die Operation vor. Doch leider war etwas mit dem Organ nicht in Ordnung – die Operation wurde wieder abgesagt.

Das heisst also, dass Ihre Frau und Kinder darüber informiert wurden, dass nun endlich ein passendes Spenderherz bereit sei und danach kam das böse Erwachen?

Genau so war es. Meine Frau kam aus Hölstein nach Bern, mir wurden alle für die Operation nötigen Zugänge gesteckt und dann kam das Aus.

Wie haben Sie die negative Nachricht aufgenommen?

Eigentlich sehr positiv. Ich sagte mir, wie froh ich darüber sein darf, dass man mir nicht ein «schlechtes» Herz einpflanzt. Für meine Frau und Kinder war es hingegen sehr hart.

Und wieder begann die Warterei.

Am 12. März morgens um 06.00 Uhr wurden mir 12 Röhrchen Blut abgenommen, ich war noch in einer Art Halbschlaf und nahm es gar nicht so richtig wahr. Nach dem Frühstück ging ich sogar noch duschen. Erst danach wurde mir bewusst, dass es jetzt sehr ernst wurde, man sagte mir, dass ein neues Spenderorgan gefunden sei. Die Vorbereitungen für die OP begannen. Meine Familie wurde informiert und kam vorbei.

In der ganzen Zeit mussten Sie, Frau Thommen, sehr stark sein. Wie haben Sie das durchgestanden?

Rosella Thommen: Das stimmt, ich hatte einfach keine andere Wahl, musste auch für die Kinder stark sein. Es war eine sehr schwere Zeit, denn es gab kein richtiges Familienleben mehr. Ich bin während den neun Wochen täglich nach Bern gefahren, um meinen Mann zu sehen. Die Kinder mussten teilweise für sich selber schauen. Geholfen hat uns auch der grosse Freundeskreis und die Familie.

Karl Thommen: Für mich war die Zeit im Spital viel einfacher und ich bin mir sehr bewusst, was meine Frau durchgemacht hat. Rosella ist eine ganz fantastische Person und ich bin ihr unglaublich dankbar für alles, was sie für mich getan hat und noch tut.

Sind die beiden Herztransplantationen miteinander vergleichbar?

Überhaupt nicht. Ich ging beim zweiten Mal auch vom Guten aus, d.h. von einer komplikationslosen Operation und einer einfachen Genesung. Leider kam es anders. Es gab sehr viele Probleme.

Am Tag der Operation wurden Sie nach der Blutentnahme und weiteren Vorbereitungen in den Operationssaal gebracht. Was passierte dann?

Da ich ja aus Erfahrung der ersten Transplantation wusste, dass ich nach der Operation nicht mehr ins Zimmer zurückkommen werde, habe ich gepackt, den Raum noch etwas aufgeräumt und sogar noch zwei Zahlungen online erledigt. Man sagte mir, dass anders als beim ersten Versuch, das neue Herz ziemlich gut passen würde. Wegen minimen Unstimmigkeiten bei der Kompatibilität meines Blutes mit dem Spender, musste noch eine Plasmapherese (Austausch des Blutplasmas, um aggressive Blutzellen zu eliminieren) durchgeführt werden.

Frau Thommen, wie haben Sie sich von Ihrem Mann vor dem grossen Eingriff verabschiedet? 

Rosella Thommen: Einen kurzen Moment lang dachte ich daran, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein könnte. Aber da mein Mann immer so positiv war, vor allem auch am Tag der Transplantation, war ich mir ziemlich sicher: alles kommt gut. Für die Kinder war es wie eine Erlösung. Sie hatten die grosse Hoffnung, dass ihr Vater danach wieder der Alte sein wird.

Wann genau wurde transplantiert?

Besuch von Gattin Rosella und Tochter Laura.

Karl Thommen: Zunächst bereitete man mich in der Intensivstation auf die Operation vor. Dort erhielt ich mehrere Zugänge und die 4-stündige Blutwäsche (Plasmapherese). Ab 22 Uhr wurde während 5 Stunden operiert, der Brustkasten jedoch nicht zugenäht. Er blieb nach der Transplantation offen, weil ich zu viel Blut verloren habe – im gesamten bekam ich 45 Liter Blutprodukte - und deswegen konnte die Operation nicht beendet werden. Während einer Woche blieb der Thorax offen. 

Frau Thommen, Sie haben das neue Herz Ihres Mannes also tatsächlich sehen können.

Ja, ich sah es durch eine durchsichtige Folie schlagen. Daneben waren Tücher, die das viele Blut aufsaugen sollten.

BH: Wie lange lagen Sie im Koma?

Karl Thommen: Nach neun Tagen bin ich am 21. März das erste Mal bewusst wiedererwacht. Zuvor wurde mir am 19. März der Brustkasten, nach Entnahme des Herzschrittmachers, zugenäht.

In der Intensivstation.

Wie war das Erwachen?

Mehrere Ärzte standen um mich herum, das habe ich zunächst mitbekommen. Es wurde mir dann gesagt heute sei der 21. März. Man hatte sogar auf einer Tafel das Datum, eine Uhr  und auch eine Sonne aufgezeichnet, damit ich wusste draussen ist schönes Wetter.

Mir war nicht bewusst, dass ich 9 Tage im Koma gelegen hatte. Ich glaubte man hätte am Vortag operiert . Da ich künstlich beatmet wurde, konnte ich mich noch nicht verständigen.

Wie lange konnten Sie nicht sprechen?

Über drei lange Wochen lang. Das war das Schlimmste während der ganzen Zeit. Bei der Transplantation vor 32 Jahren konnte ich bereits nach ein paar Stunden wieder sprechen.

Was geht einem da durch den Kopf? 

An diese drei Wochen kann ich mich nur schwer erinnern.

Gab es auch so etwas wie eine Nahtoderfahrung?

KT lachend: Ich könnte wohl ein ganzes Buch darüber schreiben. Ich hatte unglaubliche Erlebnisse, schöne und schlimme. Ein schreckliches Erlebnis war, dass ich viele sehr reale Bilder über den Organhandel vor mir sah und wenn ich sage sehr real, dann war es so. Ich dachte es sei alles wirklich passiert. Als Beispiel: Ein Militärmachthaber aus Afrika kam ins Inselspital, der ein gesundes Kind bei sich hatte. Dieses Kind sollte der Spender für ihn selber sein. Er rechtfertigte sich damit, dass er 2 Millionen dafür bezahlt hatte. Ich war enttäuscht über die Professoren, die wegen des Geldes in diesen Deal eingewilligt hatten und versuchte meiner Frau zu sagen, dass ich so nicht weiterleben mochte.

Ein anderer Vorfall: Ich war überzeugt Leute – wohl Spender – zu sehen , die eingesperrt waren in eine Art Käfig. Dann kam der Moment, wo ich wirklich glaubte unter diesen Umständen nicht weiterleben zu wollen, da ich das ethisch nicht vertreten könnte.

Das hört sich ziemlich unglaublich an. Was waren denn die schönen falschen «echten» Erlebnisse?

Zusammen mit meiner Frau machten wir dem Inselspital ein Geschenk für das neu geplante Hochhaus, das dort gebaut werden soll. Wir schenkten dem Spital einen von einem Künstler in der Mitte auseinandergeschnittenen Fiat Uno, der neu zusammengesetzt ein Herz ergab. Bei der Eiweihung des Spitalneubaus war das gesamte Dorf Hölstein anwesend mit Guggemusik, meine Schwester sang Schnitzelbänke. Reine Fiktion, aber für mich real.

Ich erlebte diese Zeit wie in einem Science-Fiction-Film, konnte durch Wände sehen, sah dabei Freunde und Bekannte. Es war gewaltig. Ich lag auch nie in einem Bett, sondern auf einem welligen Boden. Aber etwas Übersinnliches habe ich nicht erlebt, bin nie durch einen Gang in ein Licht gegangen.

Frau Thommen, wann durften Sie zum ersten Mal wieder zu Ihrem Mann?

Unmittelbar nach der Transplantation. Ich durfte ihn auch berühren und streicheln.

Rosella Thommen schrieb täglich ins Patiententagebuch. Auch Schwestern und Pfleger schrieben berührende Worte.

Sie Herr Thommen konnten über Wochen nicht sprechen und hatten keine Kraft…

Anfänglich konnte ich nicht einmal einen Finger, geschweige denn meinen Kopf heben. Die Kraft war völlig weg. Ich erinnere mich daran, als ich wieder einmal zu mir kam, gefroren zu haben und zeigen wollte, dass ich eine Decke brauchte. Da ich nicht sprechen konnte, versuchte ich darauf zu zeigen. Doch das ging nicht, meine Hand blieb völlig steif. Meine Tochter gab mir einen Block mit einem Schreiber. Aber ich konnte nicht einmal den Stift halten, geschweige denn etwas aufschreiben.

Mit der Zeit kam die Kraft in den Armen langsam zurück. Anfänglich mussten mich die Schwestern noch aufrichten und den Kopf halten, damit der nicht nach vorne wegkippte.

Doch immerhin das neue Herz funktionierte gut. Welche Probleme gab es mit den anderen Organen?

Die Nieren arbeiteten nicht richtig, weshalb ich an die Dialyse angeschlossen war.

Das ist inzwischen besser? 

Meine Werte heute sind teilweise so gut, wie vor 20 Jahren. 

Irgendwer scheint es sehr gut mit Ihnen zu meinen?

Das stimmt, ich habe sehr viel Glück, Jahre und Jahrzehnte gelebt wie ein Gesunder, abgesehen von den Tabletten morgens und abends. Vieles hat sich nun geändert. Ich bin sehr dankbar für das grosse Geschenk  eines neuen Herzen erhalten und überlebt zu haben, trotz der schlechten Chancen, die man mir noch vor der Operation gegeben hat. 

An dieser Stelle möchte ich dann auch ganz herzlich danke sagen, nicht nur Professor Engelberger, der mich operiert hat, sondern auch dem ganzen Team auf der Intensivstation. Die Menschen dort haben Unglaubliches geleistet und leisten das weiter, jeden Tag.

Wann waren Sie mit ihrem dritten Herzen wieder zuhause?

Bevor ich am 13. Mai endlich nach Hölstein zurück durfte, war ich noch drei Wochen lang zur Rehabilitation in Heiligenschwendi.

Und heute?

Es ist wunderbar und ich bin sehr glücklich endlich wieder in meiner Heimat zu sein. Manchmal bin ich fast schon zu fordernd, möchte Bäume ausreissen, bitte meine Frau mit mir spazieren zu gehen. Da mag sie manchmal gar nicht so wie ich, denn – was ich gut verstehen kann – ist es sie, die nun Ruhe nötig hat. Sie ist mir während der vier Monate im Spital täglich zur Seite gestanden, hat den Weg auf sich genommen, zu Hause zu den Kindern geschaut.

Führen Sie wieder ein ganz normales Leben?

Ich turne täglich, spaziere viel. Selbstverständlich muss ich täglich sehr viele Medikamente einnehmen, ungefähr das Achtfache im Vergleich zu vorher. Insgesamt sind das morgens 14 und abends nochmals 7 Stück.

Tägliche Tablettenration.

Daneben werden am Inselspital regelmässig meine Blutwerte kontrolliert, ein Ultraschall gemacht und die Medikamente neu eingestellt. Am 19. Juli ist wieder eine Biopsie fällig. Damit kann das Abstossungsrisiko am aussagekräftigsten kontrolliert werden.

Gab es denn seit der Transplantation bereits Abstossungsreaktionen?

Ja, vor zehn Wochen. Es wurde im Inselspital mit Cortison behandelt.

Wie äussert sich eine solche Abstossung?

Grundsätzlich nicht sehr stark. Ich merke es nur beim Training, weil ich schneller ermüde.

Sie machen einen sehr guten Eindruck, sind braungebrannt und lachen viel. Aber in Ihrer Brust schlägt ein “fremdes“ Herz. Darf ihre Frau Sie unbesorgt alleine zu Hause lassen?

Ein Kuchen für den Besuch von barfi.ch. Seit er aus dem Spital ist, hat Karl Thommen das Kuchenbacken entdeckt.

Ja, eine Betreuung zuhause brauche ich nicht mehr. Ich gehe auch ab und zu alleine spazieren. Bis auf die vielen Medikamente und die wiederkehrenden Kontrollen im Spital, ist wieder fast alles wie beim Alten. Nur Auto fahren darf ich noch nicht. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Herr und Frau Thommen, danke dass wir heute wieder zusammen hier sitzen können.

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