Vogesenstrasse
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  • Text und Bilder: Binci Heeb/AnS. Bilder in der Galerie ©Georg Aerni, Zürich.
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Die begehrtesten Häuser Basels: Wie Spekulant Baumgartner diese Stadt prägte

Wilhelm Emil Baumgartner war ein äusserst tüchtiger Geschäftsmann. Und ein Spekulant aus dem Bilderbuch dazu: Er baute in Basel, was das Zeug hielt. Heute gehören die bis zu 90 Jahre alten Wohnungen zu den begehrtesten der ganzen Stadt. Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, die nebenbei die Entwicklung dieser Stadt massgeblich prägte.

Wer eine Wohnung sucht, weiss: Basel platzt aus allen Nähten. Wohnraum ist knapp und kaum wird ein Geviert zur Überbauung frei, muss es «entwickelt» werden, wie das im Fachsprech heisst. Im Klybeck wird in den nächsten Jahrzehnten ein ganzes Industriegelände überbaut, der Güterbahnhof Wolf erhält Wohnungen und Büros und der weitläufige Dreispitz trägt die Hoffnungen für ein komplettes neues Quartier am Rand der Stadt. «Leben und Arbeiten» heisst die Devise, man will Gewerbe und Bevölkerung gleichermassen berücksichtigen, Mitwirkung wird gross geschrieben. 

Doch das hätte Wilhelm Emil Baumgartner und Hans Hindermann zu ihrer Zeit nicht weniger interessieren können. Was die beiden in den zwölf Jahren zwischen 1926 und 1938 geleistet hatten, ist städtebaulich von ebenso grosser Dimension: 306 Mehrfamilienhäuser bauten sie in ganz Basel, das sind über 1'300 Wohnungen. Und die unter der Bezeichnung «Baumgartnerhäuser» bekannten Häuser erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit und sind auch 2017 noch äusserst begehrt.

Spekulant im besten Sinne des Wortes 

Wilhelm Emil Baumgartner (1893 – 1946) war ein Spekulant alter Schule. Er kaufte Grundstücke und bebaute sie neu, um das Ganze dann mit einem satten Gewinn wieder zu veräussern. «Während rund 20 Jahren schien sich die Methode zu bewähren: riskieren, investieren, selber bauen und verkaufen», schreibt Dorothee Huber im Buch «Die Baumgartnerhäuser Basel 1926 – 1938». Es erschien 2001 im Zusammenhang mit der Ausstellung «Zur Qualität des Mittelmasses. Die Baumgartner Häuser in Basel», als sich sogar das Architekturmuseum dem Thema angenommen hatte.

General Guisan-Strasse

General Guisan-Strasse

St. Johann, Gotthelf, Landhof, Margarethen und Gellert 

Zusammen mit den beiden Architekten Hans Hindermann und Paul Hosch entstanden die von den meisten Baslerinnen und Baslern ziemlich leicht zu identifizierenden Baumgartnerhäuser. Die allerersten Häuser an der Elsässerstrasse bauten sie für die Mutter von Wilhelm Emil Baumgartner. Bald folgten weitere im St. Johann: An der Elsässer-, Vogesen-, Fatio- und der Mülhauserstrasse bis hin zur Schützenmatte. Später kamen Liegenschaften an der Wettsteinallee und an der Peter Rot-Strasse beim Landhof dazu. Und schliesslich die begehrten Häuser bei der Pruntrutermatte im Gundeli. 

Die Häuser, Häuserzeilen und sogar ganzen Quartierteile waren spezifisch für die stark wachsende Basler Mittelschicht konzipiert. Sie prägen Basels Stadtbild noch heute. Und ihre auf mittelständische Bedürfnisse zugeschnittenen Wohnungen sind auch nach heutigen Standards relativ geräumig und sehr solide gebaut. Mittlerweile haftet ihnen zudem der historische Charme an, der spezifisch Altbau-Liebhaber Schlange stehen lässt. Von den 306 Häuser, deren Zwei- bis Vierzimmerwohnungen sich auf jeweils drei bis fünf Stockwerke verteilen, sind nur vier wieder abgerissen worden. 

Zwei bis vier Zimmer auf drei bis fünf Stockwerken 

Wesentlich war schon damals: Baumgartner und seine Mitstreiter konnten kostengünstig bauen, weil die standarisierten Gebäude aus lediglich sechs verschiedenen Haustypen (Typ A-F) mit unterschiedlichen Grundrissen bestanden und somit alle Häuser gleich konstruiert wurden. Die Vorderseiten prägen repräsentative, im neobarocken Stil gehaltene Fassaden. Die Hinterseiten sind eher funktional und verfügen über geräumige Terrassen. Waren die Wohnungen bei der Erstellung noch mit Zimmeröfen ausgestattet, wurden diese nach und nach von Etagen- oder Zentralheizungen abgelöst. 

Sevogelstrasse

Charakteristisch sind auch die hohen Fensterformate mit den niedrigen Brüstungen und geschmiedeten Gittern. Ebenfalls ein Markenzeichen sind die olive und beige eingefärbten Vorderfassaden. Nur selten haben sich einzelne Häuser inmitten einer Häuserzeile farblich ab. Seit der letzten Zonenplanrevision 2014 sind alle Baumgartnerhäuser der Schutzzone zugewiesen. Den Eigentümern wird geraten die Fassaden zu reinigen und nicht zu streichen. Und falls doch gestrichen wird, müssen die Farben oliv und beige verwendet werden. Der historische Charakter soll gewahrt bleiben.

Verschiedene Fassadenfarben an der Wettsteinallee. Seit der Zonenplanrevision von 2014 dürfen Eigentümer die Fassaden nur noch in den Originalfarben olive und beige streichen.

Verschiedene Fassadenfarben an der Wettsteinallee. Seit der Zonenplanrevision von 2014 dürfen Eigentümer die Fassaden nur noch in den Originalfarben olive und beige streichen.

Überbauung am Fusse des Margarethenhügels 

Mit 85 Bauten ist die zwischen 1929 und 1931 entstandene Überbauung im Gundeli das umfassendste «Baumgartner-Quartier» der Stadt. Erst 1939 wurden die letzten Bauten an der Pruntruterstrasse fertiggestellt. Die Baustelle galt damals als eine der grössten in Basel. Vom Haus an der Hans-Huber-Strasse 23 heisst es, dass Baumgartner persönlich in eine der Wohnung in diesem Eckhaus einziehen wollte. Er entschied sich dann aber für ein anderes Haus.

85 Baumgartnerhäuser im Geviert Meltingerstrasse, Dachsfeldstrasse, Pruntruterstrasse, Hans Huber-Strasse

Besonders begehrt sind Wohnungen in den Eckliegenschaften, denn sie verfügen nicht nur vorne und hinten über Fenster, sondern auch auf der Seite. Beim Besuch einer Vierzimmerwohnung im Geviert bei der Pruntruttermatte, konnte barfi.ch einen Augenschein nehmen: Alle vier Zimmer sowie Bad und Küche können vom geräumigen Entrée aus erreicht werden. Ein kleinerer Balkon auf der Vorderseite und ein geräumiger auf der Hinterseite lassen das Herz vieler Wohnungssuchender höherschlagen. Denn freie Wohnungen in Baumgartnerhäusern sind rar. 

Entrée mit Zugang zu Wohn- und Esszimmer.

Ess- und Wohnzimmer

Der Balkon auf der Rückseite.

Die Baumgartner-Häuser waren somit das, was heute unter Quartierplanungen verstanden wird und nur unter strengen Auflagen und mit viel Konzeptarbeit durchgeführt werden kann. Während Unternehmer Baumgartner innert zwölf Jahren ganze Quartiere aus dem Boden hob, dauert es auf dieser Ebene etwa so lang von der ersten Entwicklungsplanung bis zum Spatenstich. Wobei es Wilhelm Emil Baumgartner mit seinen Baugeschäften auch deutlich leichter hatte: Schliesslich war Basel in den 1920er-Jahren noch nicht ansatzweise so bevölkert wie im 21. Jahrhundert.

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«Die Baumgartner Häuser Basel 1929 – 1938» von Rebekka Brandenberger, Ulrike Zophoniasson, Marco Zünd.

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