Eine Fahrt ins Blaue oder ein blaues Auge? Bild: Keystone
Eine Fahrt ins Blaue oder ein blaues Auge? Bild: Keystone
  • Jonas Egli

Fragwürdiges Sündenregister: Schwarzfahrern geht es an den Kragen

Ein nationales Register soll es sein: 250 Transportunternehmen schliessen sich zusammen, um ab 2019 Jagd auf notorische Schwarzfahrer zu machen. Doch der Holzhammer trifft die Falschen und es ist unklar, ob die Massnahme überhaupt kostengünstig umsetzbar ist. Besonders in der Grenzregion Basel.

Die Idee eines zentralen Registers ist nicht ganz neu. Im Raum Zürich führen 42 Transportunternehmen bereits seit 15 Jahren eine gemeinsame Liste. Zudem wäre die Sache im öffentlichen Personenverkehrstarif bereits geregelt, wie es seitens der Initianten heisst. 

Nur hält sich daran keiner. Darum will der «Verband öffentlicher Verkehr» (VöV) mit der grossen Keule dahinter: Ein einheitliches Register soll wiederholten Schwarzfahrern ab nächstem Jahr das Handwerk legen. Mit dabei: Ein Modell, bei welchem sich die Bussen im Wiederholungsfall erhöhen. Und das national. Sabine Krähenbühl vom Verband meint: «Es geht um die Einheitlichkeit, wir führen ja nichts Neues ein.» Jedoch: Im Raum Zürich hat sich an den Schwarzfahrerzahlen trotz dem Register nichts geändert und im nahen Ausland zeichnet sich die umgekehrte Trendwende ab: In Deutschland fragt man sich, ob sich Schwarzfahren mit repressiven Mitteln eindämmen lässt. Für die Grenzstadt Basel führt das Vorgehen deswegen eher zu mehr Verwirrung statt weniger.

Gibt es diese notorischen Schwarzfahrer überhaupt?

Wenn schon die notorischen Schwarzfahrer damit nicht von der Sünde abgehalten werden können, gegen wen richtet sich die Massnahme? Die Vorstellung, Schwarzfahrer betreiben dies als Sport und entgingen der Strafe, indem sie in ständig wechselnden Kantonen ihrem Hobby nachgehen, wirkt weit hergeholt. Richtige Schwarzfahrer rechnen die Busse mit den gesparten Ticketpreisen auf, oder es ist ihnen völlig egal. Ein Register wird sie nicht beeindrucken. Die andere Gruppe sind jene, die weder das Ticket noch die Busse bezahlen können, ob sie nun 50 oder 100 Franken beträgt. Das Register löst auch hier kein Problem. Der VöV argumentiert gegen die Zwangssolidarität: «Es ist einfach unfair, dass die ehrlichen Fahrgäste die Schwarzfahrer mitfinanzieren müssen.» Mit dem Zentralregister würden sich die Strafen von 100 auf 140 und dann auf 170 Franken erhöhen. Die Einträge bleiben zwei Jahre bestehen.

Im Zug gebüsst, im Tram festgenommen? Das nationale Register machts möglich. Vergehen werden für zwei Jahre gespeichert. Bild: Keystone

Unachtsamkeit schützt vor Strafe nicht

Es zeigt sich aber, dass diese notorischen Schwarzfahrer nur einen geringen Teil der erwischten Personen ausmachen. Die meisten hätten einfach ihr Ticket gänzlich oder jenes abzustempeln vergessen, das E-Ticket wurde nicht geladen, das Abo lief gestern ab und man vergass, es wurde das falsche Ticket gekauft. Das reicht bereits aus, in die kalten Fänge des Registers zu geraten. Im Drämmli spielt sich bei jeder Kontrolle dasselbe Spiel ab: die echten Schwarzfahrer zücken regungslos die Note, die meisten, die erwischt werden, sind allerdings über ihr Verschulden selbst erstaunt. Touristen, die den Bahnhof SBB mit dem Badischen verwechselt oder jene, die sich beim Kurzstreckenticket verzählt haben, und immer wieder die Frage, welches Billet jetzt Hund, Kind und Rad haben müssen. Klar, die meisten Ausreden werden in den Ohren der BVB-Personals bloss ein «déjà entendu» auslösen. Doch von den bösen Tramschmarotzern in schwarzen Kapuzenpullis ist weit und breit nichts zu sehen.

Gleichzeitig wird in Deutschland der Straftatbestand des Schwarzfahrens allgemein diskutiert. Der Brandenburger Justizminister Stefan Ludwig argumentiert, dass das Strafrecht der falsche Ort für solche Delikte sei. Sie gehören in die Liste der Ordnungswidrigkeiten, so der Minister, der damit für eine Entkriminalisierung der Schwarzfahrens Werbung macht. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben wird angezeigt, wer sich innerhalb von zwei Jahren drei Mal erwischen lässt. Im Wiederholungsfall wären Freiheitsstrafen möglich. Das heisst nicht, dass Schwarzfahren straffrei werden soll, doch die repressive Haltung führe nicht zum Ziel. Auch in der Schweiz sind Anzeigen möglich.

Probleme in der Grenzregion

Doch auch hier ist es so, dass die tatsächlichen Schwarzfahrer nur einen sehr geringen Anteil jener ausmachen, die kein gültiges Ticket haben. Sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz ist der Prozentsatz der Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis gering: 1.4% in der Schweiz, in Deutschland sind es mit 3.2% knapp doppelt so viele. Wie viele davon wirklich notorische Schwarzfahrer sind, ist nicht klar. Deswegen wirkt der Anstieg der Gebühren bereits beim zweiten Vergehen ungeeignet, das Problem zu lösen. «Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten», wie Krähnebühl erklärt. Und ob sich der bürokratische Aufwand für ein kleines, lokales Transportunternehmen lohnt, ist fraglich. Wie viel so ein Register kosten würde, ist nicht klar, denn eigentlich, so der VöV, müssten die Verkehrsbetriebe diese schon länger registrieren.

Besonders empfindlich trifft die unterschiedliche Handhabe Grenzregionen wie Basel. Der Ausbau des Tramnetzes ins nahe Ausland zeigt: Bereits jetzt ist vielen unklar, welches Ticket bis nach Weil führt und welches wieder zurück. Krähenbühl hält allerdings fest, dass man mit den Verkehrsverbünden im Gespräch sei.

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