Lukas Scherler und Matteo Leoni. Bild: barfi.ch
Lukas Scherler und Matteo Leoni. Bild: barfi.ch
  • Jonas Egli
  • Aktualisiert am

Kampf gegen die Verschwendung: Möchten Sie dreissig Prozent weniger fürs Essen bezahlen?

Im Dezember haben Lukas Scherler und Matteo Leoni das Projekt wastedbasel gestartet. Ihr monatlicher Koch-Event soll auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen. Mit Erfolg: Fast jeder Anlass ist ausgebucht.

Schon seit immer Koch

Lukas Scherler ist seit 20 Jahren Koch, er hat die letzten sieben Jahre in London verbracht. Matteo selbst steht seit 12 Jahren hinter dem Herd, zuletzt in Mailand, aber eigentlich, wie er sagt, kocht er «schon seit immer.»

Die Freunde teilen ihre Leidenschaft schon seit über drei Jahrzehnten. In Basel haben sie sich wieder getroffen, sich von der Restaurantküche verabschiedet und ihr Projekt geplant. «Mit wastedbasel haben wir die Chance, so zu kochen, wie wir es immer wollten.» Diesen Sommer wollen sie die nächsten Schritte planen. Workshops sind zum Beispiel im Gespräch.

Ihre Events sind ein Austauschort für Ideen, Informationen und Rezepte.

Sauerteig- statt Wegwerfkultur. Bild: Instagram/wastedbasel

Der Kühlschrank wird zum schwarzen Loch: Für den Mülleimer einkaufen

Die Fakten sind eindeutig: Die Schweizer werfen pro Kopf rund 320g Lebensmittel weg. Täglich. Der Kühlschrank ist voll, sie selbst sind aber im Restaurant. Dies hat auch mit unserem Einkaufverhalten zu tun: «Die meisten kaufen zu wenig häufig ein,» meint Scherler. Jeden Tag das zu kaufen, was wirklich gebraucht wird, ist wesentlich besser als einmal pro Woche einen ganzen Einkaufswagen im Tiefkühler zu versenken. Das ist nicht nur eine ökologische Frage: Wer ein Drittel davon wegwirft, bezahlt unter dem Strich auch dreissig Prozent mehr auf sein Essen.

Dass wir das gar nicht merken, hängt damit zusammen, dass wir die eigene Küche nicht mehr kennen. Die beiden plädieren deswegen auch dafür, dass die Basler ihre Küche wieder beleben: «Die Küche ist nicht nur eine Erwärmungsstation für Gefrorenes, sondern ein dynamischer Ort, wo Lebensqualität entsteht.»

Dampfende Töpfe statt rauchende Köpfe: Lukas und Matteo. Bild: Instagram/wastedbasel

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die schönste Kartoffel im ganzen Land?

Die andere Hälfte der Verschwendung findet bereits im Supermarkt statt: Die Vorstellung von Frische, vom perfekten Produkt sitzt tief, entsprechend besteht das Angebot nur aus den rundesten Tomaten, den makellosesten Avocados. Das liegt auch an restriktiven EU-Normen und -Bestimmungen. Wer die Politik beeinflussen will, muss die Konsumenten entsprechend sensibilisieren. Genau das ist ihr Vorhaben.

Mehr als nur das Filetstück

Mit Foodsharing und No Waste-Projekten verbinden Konsumenten oft abgelaufene, minderwertige Produkte aus dem Container hinter dem Supermarkt. Genau das Gegenteil ist der Fall: Was bei Lukas und Matteo verkocht wird, sind oft Nahrungsmittel, die es gar nicht erst in die Auslagen schaffen. Gefragt ist nur das Filet oder das Entrecôte, der Rest bleibt liegen. Ein grosser Fehler, wie Scherler und Leoni meinen. Sie fahren zu den lokalen Bauern und kaufen, was der Supermarkt nicht will und als zweitklassig bezeichnet. Dieses Gemüse ist nicht etwa alt, sondern entspricht einfach nicht der ästhetischen Norm. Die Qualität ist identisch.

Die beiden Köche sind oft entsetzt, was alles weggeworfen werden soll. So landen auch mal 80kg feinste Kürbisse bei ihnen. Bild: Instagram/wastedbasel

Auch eckige Kartoffeln kann man essen

«Der Geschmack, die Textur, wie es sich beim Kochen verhält, das ist wichtig», sagt Lukas Scherler. «Dem Kartoffelstock ist es doch egal, ob die Knolle mal rund war oder eckig!»

«Abfall ist, wenn’s wirklich nicht mehr essbar ist. Mit der Form hat dies nichts zu tun,» doppelt Matteo Leoni nach. Für maschinell verstümmelte Babykarotten haben sie deswegen kein Verständnis.

Zwischen Kühlschrank und Mülleimer steht oft ein Einmachglas. Aber: «Die Leute können nicht mehr kochen!» Bild: Instagram/wastedbasel

Das Umdenken ist im Gang

«Wir wollen einen Denkprozess anstossen,» da sind sich beide einig. Sie wünschen sich offene Formate und neue Ideen statt Grossküchen. Und der scheint gerade in Gang zu sein: Das zeigt sich auch an den Veränderungen in der Basler Politik, zum Beispiel was Food Trucks angeht, wie sie erfreut feststellen.

Etliche Internationale Koch-Grössen haben sich für die Sache bereits stark gemacht. Der Starkoch Massimo Bottura—sein Restaurant wurde zum «besten der Welt» erklärt—kochte an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit Resten und Weggeworfenem für tausende Obdachlose.

Bild: Instagram/wastedbasel

Kein Wohltätigkeitsverein

Wastedbasel ist kein Wohltätigkeitsverein, sie sind selbstständige Unternehmer und müssen ihren Unterhalt verdienen. Trotzdem gehen 30% der Einnahmen an Basler Gassenküchen, sie arbeiten mit dem «Schwarzen Peter» zusammen. «Wir schliessen so den Kreis,» sagt Leoni.

Das nächste Mal findet ihr Event am 10. Juni im Quartiertreffpunkt Lola an der Lothringerstrasse statt.