Stijn Celis’ Neuauflage von Tschaikowskis "Schwanensee" im Theater Basel. (Bild: ©Werner Tschan/Theater Basel)
Stijn Celis’ Neuauflage von Tschaikowskis "Schwanensee" im Theater Basel. (Bild: ©Werner Tschan/Theater Basel)
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Theater Basel: "Schwanensee" von P. I. Tschaikowski

Stijn Celis’ Neuauflage von Tschaikowskis "Schwanensee" im Theater Basel: angenehm kitzelnde Provokation.

Ouvertüre: Der blau irisierende, ballonseidige Vorhang wirft sanfte Wellen. Aha, Schwanensee! Die getanzte Liebe eines schmachtenden Prinzen zu einer Prinzessin, die, als weisser Schwan verzaubert, der Erlösung harrt. Vergeblich. Denn der tumbe Jüngling, getäuscht durch das Ebenbild eines schwarzen Schwans, das ihm ein übler Magier unterjubelt, bricht seinen Treueschwur.

Abertausend Mal aufgeführt, abertausend Mal bejubelt. Und fast so oft kopiert, arrangiert, mutiert, parodiert, persifliert, demontiert... Dennoch: Piotr Iljitsch Tschaikowskis wohl berühmtestes Ballett ist und bleibt Weltkulturerbe. Gerade diese Tatsache ermöglicht es den Choreografen, sich diesem Klassiker entgegenzustemmen, sich an ihm zu reiben.

Und wenn jetzt - wie in einem Disney-Film - der spinnenfingrige Magier Rotbart im rot-schwarzen Mephisto-Umhang den Vorhang fallen lässt, ahnt, nein, weiss man, dass es hier nicht abgehoben klassisch zugehen wird. Zumal der Choreograf der eigenwillige Belgier Stijn Celis ist, der seine Lesart des "Schwanensee", die er 2006 für Bern schuf, jetzt für das Theater Basel neu eingerichtet hat

Nun also Vorhang auf bzw. runter auf eine fast leere Bühne. Im Hintergrund eine Hirschskulptur, Reminiszenz der originalen Jagdszene. Dazu ein aufblasbares "Luft"-Schloss mit vier Türmen, das schlapp macht, sobald man es betritt. Es ist das Reich der Königin Mutter, einer Mischung zwischen Chefsekretärin und Tiger Mama, die jetzt auf hohen Absätzen herbeistöckelt, um ihren Sohn Mores zu lehren: Heiraten soll er, und zwar subito!

Comicartige Komik

Der toughen Komik von Ayako Nakano entzieht sich der schlaksige Frank Fannar Pedersen mit geradezu autistischer Eleganz, trotzigen Verrenkungen und federnder Sprungkraft. Selbst den Einflüsterungen der quirligen Debora Maiques Marin als Hofnarr, Mischung zwischen Rumpelstilzchen und Eulenspiegel, widersetzt er sich und unterläuft seinen heldischen Namen konsequent: Siegfried!

Der Hofstaat - Minister in neongelben Uniformen und Gouvernanten mit hochgetürmtem Dutt - mag noch so präzis, noch so virtuos und witzig agieren, Jung-Siegfried will Kron'und Ehr' partout nicht akzeptieren. Ebenso wenig wie die vier von Mama gecasteten Auswahlbräute, die über eine Flugzeugrutsche auf die Bühne torkeln.

Stattdessen verzieht sich der Schnösel ins Traumreich. Dahin, wo phallus- und busenartige Gebilde die éducation sentimentale des Spätpubertätlers anheizen; dahin, wo die grazile Odette (Annabelle Peintre) und die wilden Schwäne hausen. Ins Reich Rotbarts (Jorge García Pérez), der bezeichnenderweise später als Psychiater in einer skurrilen Nummer den Prinzen von seinem Wahn zu befreien sucht – erfolglos, denn dieser wird am Ende selbst zum Schwan.

Kreativer Stilmix

Die Schwäne also! Bei Celis wartet man vergeblich auf das schwerelose Gleiten, das ätherische Schweben der verwunschenen Seevögel. Sein Federvieh geht im Watschelgang, oft in gebückter Haltung, mit verrenkten Flügelarmen. Die weissen Tutus sind zwar da, der Kopfputz auch, allerdings in Form von kessen Federn in Indianermanier überm rechten Ohr.

Vor allem aber ziehen da - barfuss notabene! - weibliche u n d männliche Schwäne ihre Kreise. Das ist - nach der Schwulen-Version von Matthew Bourne (1995) - zwar nicht neu, aber es ist wohltuend erfrischend und unterhaltend. Dazu gehört beispielsweise der "Tanz der kleinen Schwäne", den die vier Minister mit Schmiss und Bravour hinlegen. Tänzerischer Stilmix auf bestem Niveau!

Zudem hat Stijn Celis, gewiss in fruchtbarer Zusammenarbeit mit Thomas Herzog, der das Sinfonieorchester Basel solid und schnörkellos leitet, Tschaikowskis Partitur teilweise umgestellt und rigoros gekürzt. So fallen zwar musikalisch reizvolle, aber bisweilen ausufernde und rein kulinarische Nebenstränge weg. Die Geschichte gewinnt indes an Stringenz. Die comicartige, mitunter gar clowneske Choreografie mag eingefleischte Ballettomanen irritieren, aber sie entlässt das Publikum mit vom Applaus heissen Händen und warmen Herzen in die kalte Novembernacht.