• Kenneth Steiner
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Wimbledon: Als Basler 38 Stunden anstehen für Federer

England ist das Land der Warteschlangen. Beim Tennisturnier in Wimbledon ist es besonders extrem. Ein Erlebnisbericht.

Roger Federer einmal in seinem Wohnzimmer auf dem Centre Court von Wimbledon spielen zu sehen, ist ein Traum aller Federer-Fans. Eines der begehrten Tickets zu ergattern, ist für «Normalsterbliche» fast ein Ding der Unmöglichkeit. Für 500 Fans wird dieser Traum jedoch dank der berühmten Queue in Wimbledon wahr. Gemeinsam mit einem Freund wagte ich das Abenteuer. Das Schlangestehen hat in England Tradition. Überall und zu jedem Anlass werden gut geordnete Schlangen gebildet, um für Ordnung bei den Wartenden zu sorgen: Auch beim «All England Lawn Tennis Championship» im Nordwesten Londons. Die Queue ist für viele Tennisfans die einzige Möglichkeit, um ihre Tennislieblinge hautnah zu erleben. In Wimbledon werden täglich tausend Ticktes der besten Kategorie an der guten, alten Tageskasse zum Verkauf angeboten. 500 Tickets für den «Centre Court» und 500 für den« Court One». Doch um zu diesen tausend glücklichen Fans zu gehören braucht man Geduld, viel Geduld.

Die Schlange ist sehr laaaaaaang.

Bereits im März nach Roger Federers famosem Saison Start, mit seinem 18. Grand Slam Sieg in Australien und den Masters Erfolgen von Miami und Indian Wells, beschliessen mein genauso verrückter Federer-Fan-Freund und ich, uns Flüge nach London zu buchen, mit dem Ziel Roger Federer im Wimbledon Viertelfinal zu sehen. Am vergangen Montag ging es dann endlich los. Von Basel aus ging es mit dem Flugzeug nach London. Im Gepäck, ein zweier-Zelt, Campingstühle, Schlafsäcke und eine grosse Portion Enthusiasmus. Nachdem wir uns am Nachmittag noch mit den neusten Federer-Fanartikel – T-Shirts und Socken – ausgestattet haben, drückten wir vor dem Fernseher sitzend King Roger während seiner 4. Runden Partie gegen den Bulgaren Grigor Dimitrov die Daumen. Kurz vor 19 Uhr war der drei Satz Sieg im Trockenen und der Viertelfinal Einzug perfekt. Dies bedeutete für uns den Start in unser Abenteuer Wimbledon-Queue. Mit der Tube machten wir uns auf den Weg nach Wimbledon. Kaum aus der Metrostation Southfield ausgestiegen, kommt uns auch schon der mehrfache Grand Slam-Champion und ehemalige Federer-Coach, Stefan Edberg, entgegen. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren, denn unser Ziel ist klar, einen Platz in der Schlange unter den ersten 500.

Könige der Warteschlange

Bei der Queue im Wimbledon Park angekommen, machen sich die Engländer ihrem Ruf bereits alle Ehre. Unzählige Stewards sorgen dafür, dass mit Stil gewartet wird. Die Stewards weisen uns den Weg zu unserer Reihe, die «Q-Fahne» markiert das Ende der Reihe K2, wo wir unser Zelt aufschlagen dürfen. Eine weisse Linie am Boden begrenzt jede Reihe. Das Wichtigste erhalten wir jedoch gleich nach dem wir unser Zelt aufgebaut haben, unsere Queue-Cards. Diese sorgen dafür, dass nicht gedrängelt wird. Anstehen für Freunde geht genausowenig, wie Plätze in der Schlange reservieren. Wer ein Ticket haben will, muss anstehen. Von Anfang an.

Zelte über Zelte, so weit das Auge reicht.

Wir bekommen die Nummer 599 und 600, heisst 598 Tennisfans waren vor uns da. Im ersten Moment sind wir enttäuscht, da nur die Nummern 1-500 Tickets für den Centre Court erhalten werden. Doch nach Unterhaltungen mit unseren Nachbarn, die sehr erfahrene «Queuer» sind, wird klar, dass diese Nummern für den nächsten Tag, also Dienstag gelten, unser Ziel ist aber natürlich der Mittwoch. Wir schöpfen neue Hoffnung und können darum die einzigartige Stimmung in der Queue geniessen. Das Wetter ist gut und die wartenden Fans sind eine Multikulti-Gemeinde vom kleinen Mädchen bis zum Senior aus der ganzen Welt.  Ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe und wir legen uns nach einem ersten langen und aufregenden Tag im Zelt schlafen.

Frühe Tagwacht

Am Dienstag um kurz nach 5.30 Uhr werden wir von einem Steward geweckt. Mit ihrer bestimmten Art aber immer freundlich und mit einem typischen britischen ironischen Unterton, sorgen sie dafür, dass ihren Anweisungen Folge geleistet wird. In der Nacht ist einiges passiert. Es hat jetzt gut doppelt so viele Menschen in der Queue, einige von ihnen haben die Nacht nur im Schlafsack verbracht. Nachdem alle abgeholt wurden, die die Frauen-Viertelfinals am Dienstag sehen wollen, wird die Queue neu organisiert. Wir sind gespannt, ob wir nun in den Top 500 sein werden. Und tatsächlich wir erhalten die Nummern 473 und 474. Es ist geschafft. Unsere Tickets auf dem Centre Court sind gesichert. Nun müssen wir nur noch einen Tag warten bis es endlich soweit sein wird. Seine Queue-Card sollte man nie aus den Augen verlieren und auch seinen Platz in der Queue höchstens mal eine Stunde verlassen, um kurz etwas Essen zu besorgen. Die Stewards führen den ganzen Tag Kontrollen durch, ob auch noch alle an ihrem richtigen Platz stehen und sich nicht neue Leute dazwischen gedrängt haben.

Der Tag vergeht sehr schnell. Es ist weniger ein Warten, als ein gemütlicher Tag im Park. Die Fans spielen Fussball, Cricket, Frisbee einige bauen gar ein Tennisnetz auf und veranstalten ihr ganz eigenes Wimbledon-Turnier. Am Dienstagnachmittag setzt das typische englische Wetter ein: Mit viel Regen und Wind. Eingepackt in Schlafsack und Regenjacke erlebten wir, wie immer mehr Wasser in unser Zelt lief. Immerhin versprach der Wetterbericht Besserung für den frühen Mittwochmorgen. Als wir nach sehr wenig Schlaf um fünf Uhr aufstanden, hatte der Regen aufgehört. Nasse Kleider, wenig Schlaf, aber endlich Mittwoch und nur noch ein paar Stunden bis zum Federer-Spiel.

Kenneth Steiner und Jonas Schnell im Zelt: nass aber glücklich.

Gänsehaut auf dem Centre-Court

Nun begann das eigentliche Warten. In zweier Reihen der Queue-Card-Nummer nach sortiert, ging es ab sieben Uhr in Richtung Church Road dem Eingang zum Tennisgelände entgegen. Kurz vor 10 Uhr haben wir es endlich geschafft, wir stehen vor dem Kassenhäusschen und kaufen für 135 Pfund unsere Centre Court Tickets. Nun vergeht die Zeit wie im Flug. Wir schlendern über das sehr eindrucksvolle Gelände, schauen bei ein bis zwei Junioren Matches vorbei und betreten dann kurz vor 13 Uhr den Centre Court. Obwohl das Stadion noch halb leer ist, bekomme ich Gänsehaut: Unzählige Stunden habe ich  mit Federer mitgefiebert und mitgelitten und meistens am Ende gejubelt. Nach Stunden des Anstehens und tollen Erlebnissen, nach einem packenden 5-Satz Spiel, welches die Weltnummer 1 und lokal Matador Andy Murray sichtlich angeschlagen gegen den Amerikaner Sam Querrey verlor, war es da, das grosse Highlight, Roger Federer live in seinem «Wohnzimmer».

King Roger beim Aufschlag.

Die Stimmung auf dem Centre Court ist mit der vorherigen Partie nicht zu vergleichen. Fast alle der gut 10'000 Zuschauern unterstützen den siebenmaligen Wimbledon Champion Roger Federer. Als Federer im dritten Satz das erste mal ein wenig kämpfen muss, und Breakbälle abwehren  kann, kocht die Stimmung im Stadion. Milos Raonic, Federer’s chancenloser Gegner kann einem schon beinahe Leid tun. Nach etwas mehr als zwei Stunden war es dann auch schon vorbei. Roger Federer enttäuschte uns nicht. Er zeigte ein sensationelles Spiel und zog zu unserer riesigen Freude ins Halbfinale ein. Auch wenn wir uns wünschten, dass dieses Spiel nie zu Ende gehen würde, scheint es als ob die Unterstützung aus Basel Glück gebracht hat. Denn in der Zeit in welcher wir in Wimbledon waren, schieden der Reihe nach Rafael Nadal, Andy Murray und Novak Djokovic aus dem Turnier aus und so ist Roger Federer der letzte verbleibende der Big4 und die Tür zum Rekord und seinem achten Titel in Wimbledon steht weit offen.

Es hat sich gelohnt.