Der Schauspieler Dani Mangisch (oben) mimt Lenin. Die Zugfahrt des russischen Revolutionärs von Zürich nach St. Petersburg jährt sich am Sonntag zum 100. Mal.
Der Schauspieler Dani Mangisch (oben) mimt Lenin. Die Zugfahrt des russischen Revolutionärs von Zürich nach St. Petersburg jährt sich am Sonntag zum 100. Mal.
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Lenins Zug fährt nach hundert Jahren noch einmal

Am heutigen Sonntag jährt sich zum hundertsten Mal die Heimkehr Lenins von Zürich nach St. Petersburg. Dort arbeitete er auf die sozialistische Revolution hin, die mit der Oktoberrevolution von 1917 ihren Lauf nahm. Am Sonntag fuhr Lenins Zug noch einmal.

Eine Fahrt mit einem historischen Zug von Zürich nach Schaffhausen war am Sonntag der Höhepunkt des Jubiläumsanlasses, der vor allem im Zürcher Landesmuseum stattfand. Auf dem Programm standen Vorträge und Diskussionsveranstaltungen.

Es ist nicht oft geschehen, dass ein Schweizer in der Weltgeschichte eine Weiche gestellt hat. Auf Fritz Platten trifft es zu. Der SP-Nationalrat und Zürcher Grossrat organisierte eine Zugfahrt, die am 9. April 1917 russische Exilanten nach St. Petersburg brachte.

Gelesen und geschrieben

Unter den damaligen Passagieren des Zuges befanden sich Revolutionäre, welche einen sozialistischen Umbruch in Russland wollten. Einer davon war Wladimir Uljanow, besser bekannt als Lenin. Er hatte während des ersten Weltkriegs in Genf und in Bern gelebt.

Im Februar 1916 war er nach Zürich gezogen. Hier verbrachte er viel Zeit in den Bibliotheken, las revolutionäres Material und arbeitete an eigenen Texten. In der Industriestadt Zürich mit sozialistischen Aktivisten soll er sich wohlgefühlt haben.

Als Lenin im Februar 1917 dann aber erfuhr, dass das russische Volk den Zaren Nikolaus II. gestürzt hatte, suchte er nach Möglichkeiten zur Heimkehr. Wegen des Krieges konnte er aber nicht einfach durch Deutschland reisen.

Plattens Arrangement

Fritz Platten handelte mit Deutschland aus, dass eine Gruppe Russen mit einem Zug Deutschland durchqueren konnte. Ihr Waggon war dabei nicht plombiert, wie es häufig heisst. Er wurde vielmehr zu exterritorialem Gebiet erklärt und deshalb nicht kontrolliert. Ausserdem durfte unterwegs niemand zu- oder aussteigen.

Deutschland willigte gerne ein und hoffte, dass die Revolutionäre den Kriegsgegner Russland in noch grössere Wirren stürzen würden. Im November 1917, nach der Oktoberrevolution, kam Lenin an die Macht, und im Dezember schloss Russland einen Friedensvertrag mit Deutschland. In Russland allerdings kam es zu einem Bürgerkrieg, der erst 1920 mit dem Sieg der Roten Armee endete.

Russische Gemeinde in der Schweiz

Russland und die Schweiz pflegten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regen Austausch. Das erzählt unter anderem auch die aktuelle Ausstellung im Zürcher Landesmuseum "1917 Revolution. Russland und die Schweiz".

Fachkräfte wanderten im 19. Jahrhundert nach Russland aus, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Sie stellten Käse her, gründeten Schokoladefabriken oder arbeiteten als Gouvernanten im zaristischen Russland.

Im Gegenzug kamen russische politische Aktivisten in der Schweiz unter, wo sie sicher waren vor dem Zugriff der Strafverfolgung des Zaren. Junge Russinnen nutzten ausserdem die Möglichkeit, im Gegensatz zu ihrer Heimat in der Schweiz an einer Hochschule studieren zu können.