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Aufschrei in Cannes: Netflix erobert sich das Filmfest

Es scheint ein kleines Beben zu sein, dass derzeit den Kinokosmos erschüttert. Zwei Netflixfilme im Wettbewerb an der Croisette - das erhitzt viele Gemüter. Für die Stars Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal bedeutet das besonders viel Aufmerksamkeit.

Das Festival gilt nicht nur als das wichtigste und glamouröseste der Welt, sondern auch als stärkste Kraft des Arthousekinos. Dass eben dort zum ersten Mal in der Festivalgeschichte nun Filme in der Konkurrenz sind, die kaum in Kinos laufen werden, erhitzt die Gemüter.

Am Freitag war es soweit. Mit "Okja" stand der erste Netflixfilm auf dem Programm - und wurde tatsächlich zur ernstzunehmenden Konkurrenz für die 18 anderen Beiträge im Wettbewerb. Denn der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho zeigte ein bildgewaltiges Märchen mit einem emotionalen Appell für den Schutz unserer Umwelt und der Tiere.

Im Zentrum stehen das Mädchen Mija und ihr geliebtes Riesenschwein Okja, die in den südkoreanischen Bergen in einer grünen Idylle gemeinsam aufgewachsen sind. Dann aber kommt ein multinationaler Konzern und will das Schwein in seinen Schlachthöfen zu profitablem Fleisch verarbeiten. Mija riskiert alles, um das gutmütige Tier zu retten. Es kommt zum Kampf der Tierschützer (darunter Paul Dano) mit dem Unternehmen, vor allem dessen Chefin (Tilda Swinton) und dem Arzt (Jake Gyllenhaal).

Almodóvar voreingenommen

Es ist berührend zu sehen, wie eng die Beziehung zwischen dem Mädchen und Okja, ihrer besten Freundin, ist. Die Naturaufnahmen stehen im drastischen Kontrast zur künstlichen Unternehmenswelt und den Massentierhaltungen. Damit erinnert "Okja" in vielerlei Hinsicht an die Werke des gefeierten japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki.

Möglicherweise spielt aber gar keine Rolle, wie gut oder preiswürdig dieser Film ist. Immerhin hatte der Juryvorsitzende Pedro Almodóvar gleich zum Auftakt für Furore gesorgt, als er sagte: "Ich persönlich sehe nicht ein, warum die Goldene Palme an einen Film vergeben werden sollte, der dann nicht auf der grossen Leinwand gesehen werden kann". Ist der Jurypräsident also voreingenommen?

Verhärtete Fronten

Fest steht jedenfalls, dass die Gemüter teilweise so erhitzt scheinen, dass keine wirkliche Diskussion mehr möglich ist. Das Festival sah sich schon so stark unter Druck gesetzt, dass es die Statuten änderte: Ab dem kommenden Jahr müssen alle Filme im Wettbewerb verpflichtend auch einen späteren französischen Kinostart haben.

Doch die Sicht der vehementen Netflixkritiker greift zu kurz, wie andere Stimmen finden. Immerhin ist es schlichtweg nicht wahr, dass Netflixfilme nur bei dem Streamingdienst laufen. "Okja" etwa soll in den USA und Südkorea auch in Kinos zu sehen sein. Das mag nicht viel sein, aber auch andere Filme eines Festivals werden danach oft nur in sehr wenigen Ländern gezeigt.

Die Angst vor Streamingdiensten als Produzenten wirkt aber sowieso ein bisschen wie die generelle Angst der Filmwelt vor Veränderung. Netflixproduktionen einfach nur zu verteufeln, verkennt auch die Chancen. Immerhin werde so Serien und Filme produziert, die sonst möglicherweise nie finanziert worden wären. Auch "Okja" kostete rund 50 Millionen Dollar - "ein Riesenbudget" wie Regisseur Bong Joon Ho in Cannes betonte.

Die Zusammenarbeit mit Netflix sei wundervoll gewesen, sagte er. Er habe absolute Freiheit gehabt und sei nie in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt worden. "Wir sind eh nicht für die Preise gekommen", ergänzte Tilda Swinton. "Wir wollen einfach den Film zeigen." Dennoch sei es sehr interessant diese Diskussion zu verfolgen. Sie finde aber auch: "Wie bei vielen Sachen gilt: Es gibt Platz für alle!"

Verfasserin: Aliki Nassoufis, dpa