• Andy Strässle
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Basler Muslima: Der Koran als Supermarkt

Mit ihrem zweiten Buch versucht die Basler Gymnasial-Lehrerin Jasmin El Sonbati als Muslima eine persönliche Standortbestimmung vorzunehmen. Mit «Gehört der Islam zur Schweiz» bietet El-Sonbathi eine überraschende Sicht auf eine Diskussion, die vor allem von reaktionären Kräften erbittert geführt wird.

«Ich bin normal religiös», sagt Jasmin El Sonbati. Aufgewachsen ist die Autorin und Gymnasiallehrerin in Kairo, lebt aber seit den 70er Jahren in der Schweiz. «Ich finde Religion ist eine Privatsache, meine Spiritualität muss ich nicht vor mich hintragen. Brisant ist ihre Aussage auf Baseldytsch im ersten Stock des Café Huguenin darum, weil sie eine Muslima ist, die sich für einen «liberalen» Islam einsetzt. Mit ihrem neuen Buch «Gehört der Islam zur Schweiz» will sie vor allem die «Deutungshoheit» von den radikalen Wahabiten und Salafisten zurückerobern. «Der Koran wird wie ein Supermarkt behandelt und die Scharia, also die Regeln über das Leben in der Gemeinschaft, können so in einer offenen Gesellschaft nicht gelebt werden.»

Inklusives Gebet

Anfangs November führte Jasmin El Sonbati für die Offenheit der Muslime ein «inklusives  muslimisches Gebet» für alle Religionen in der offenen Kirche für einen «liberalen Islam» durch. Das Radikale am von der «Gruppe für eine offene Moschee» organisierten Veranstaltung war, dass eine Frau durch das Gebet führt. Ein Unding für islamische «Fundamentalisten». Auch sonst schreckt Jasmina El Sonbati nicht vor brisanten Themen zurück. Ihre Forderung für einen liberalen Islam ist revolutionär und umfassend. «Etwa die Körperstrafen gehören abgeschafft, auch der Umgang mit Homosexualität und letztlich muss sich auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau durchsetzen», sagt sie bei einem doppelten Espresso unerschrocken. «Es geht darum, dass ein konservativer Islam bei uns nicht gesellschaftstauglich ist.» Allerdings verschliesst El Sonbati die Augen auch nicht vor der Radikalisierung. Es gebe in der Schweiz und auch in Basel Imame, die hetzen, auf einer fundamentalistischen Auslegung des Koran bestehen würden. 

Gerade in einem Rechtsstaat und einer offenen Gesellschaft, in der es Religionsfreiheit gebe, müsse man genau hinschauen und letztlich die Regeln durchsetzen. Zur Handschlag-Affäre in Therwil hat sie eine klare Meinung: «Es muss möglich sein, dass die Jungs einer Lehrerin zu Beginn des Semesters die Hand geben. Das ist bei uns so und es gibt keinen Grund, dies nicht zu machen.» Klar ist, Jasmin El Sonbati sieht die Dinge weltoffen. Tatsächlich fordert sie, dass islamische Frauen gleichberechtigt sind.

 Von «Moscheemeidern» und «Feiertagsmuslimen»

Ganz einfach hatte sie selbst es als Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters nicht. Ihre Familie sei zwar nicht streng religiös gewesen. Dafür aber an der arabischen Tradition orientiert. So hielten sie die Eltern an der kurzen Leine, was den Umgang mit gleichaltrigen, jungen Männern anging, immer besorgt um ihre Jungfräulichkeit. Als Ehemann sei vor allem für ihren Vater auch nur ein Muslim in Frage gekommen. Denn sonst könnte das Ansehen der Familie gelitten. Frei gemacht hat sie sich davon erst spät, dann nämlich als sie in Basel von ihren Eltern wegzog.

Ungeachtet von den privaten Schwierigkeiten plädiert Jasmina El Sonbati in ihrem neuen Buch für einen liberalen Islam. In der Schweiz seien zwar rund fünf Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens, aber: «Muslime sind keine besonderen Menschen. Sie stehen früh auf, lernen für eine Prüfung, werden von der oder dem Liebsten verlassen, haben Übergewicht, konsumieren im Überfluss oder sind bescheiden, gehen am Samstagnachmittag in die Innenstadt shoppen, am Sonntag ins Fussballstadion.» Die Autorin geht sogar noch weiter: Unter den 400'000 Muslimen in der Schweiz bestehe die überwiegende Mehrheit aus «Moscheemeidern» oder «Feiertagsmuslimen». Dennoch bestünden grosse Ängste und würden vor allem die radikalen «Islamisten» wahrgenommen.

Scheindebatte

Das sei eigentlich eine Scheindebatte. Denn die Lebensrealtität der meisten Muslime richte sich nicht nach den radikalen Islamisten, aber diese hätten die Deutungshoheit an sich gerissen. El Sonbati Buch ist eine anregende Lektüre, die ein umfassendes Bild des Isalm in der schweizerischen Gegenwart skizziert und sich nicht scheut, Gleichberechtigung und ein modernes Rechtsempfinden einzufordern.

Zum Schluss zurück zum «inklusiven» Gebet in der Elisabethenkirche. Dass es Zeit für eine Veränderung ist, zeigt die Reaktion einer Besucherin: «Ich sass in der ersten Reihe auf einem Stuhl und hatte Tränen in den Augen. Ich war gerührt, dass es möglich ist, eine Frau das muslimische Gebet leiten zu sehen und aus ihrem Mund die arabischen Worte ‹Gott ist gross› zu hören und in einer christlichen Kirche gemeinsam ein Gebet in verschiedenen Glaubensbekenntnissen zu erleben.» Für Jasmina El-Sonbathy ist klar, es braucht eine neue Sichtweise auf ihren Glauben. Mit ihrem Buch hat sie einen entmystifizierenden und nicht zuletzt aufklärerischen Beitrag dazu geleistet. Eigentlich müssten wir uns alle wünschen, dass Reaktionäre auf beiden Seiten das Werk lesen müssten.

Jasmin El Sonbati: Gehört die Schweiz zum Islam. 256 Seiten. Zytglogge, CHF 29.--.