Der US-Erfolgsautor T.C. Boyle während eines Interviews 2013 in Wien.
Der US-Erfolgsautor T.C. Boyle während eines Interviews 2013 in Wien.
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"Die Terranauten": T.C. Boyle experimentiert mit Menschen

"Nichts rein, nichts raus": Dieses Motto gilt für vier Männer und vier Frauen, die T.C. Boyle in einem Terrarium in der Wüste Arizonas einschliesst. Ihr Ziel: eine neue Welt fernab von Katastrophen und Konflikten zu erschaffen. Was ihnen im Weg steht? Menschliche Triebe.

Ein grosser Burger mit Pommes und Cola. Das ist es, was sich Protagonist Ramsay Roothoorp nach zwei Jahren in einem riesigen, von der Aussenwelt getrennten Terrarium am sehnlichsten wünscht. In T.C. Boyles neuem Roman "Die Terranauten" lebt er 24 Monate lang mit sieben Gleichgesinnten unter einer gläsernen Kuppel - freiwillig und im Dienste der Wissenschaft, die in der Wüste Arizonas ein geschlossenes und lebensfähiges Ökosystem aufbauen will.

Was für die acht Terranauten als grosse Ehre beginnt, endet in persönlichen Intrigen und menschlichen Abgründen. Angereichert hat Boyle dies mit einer Art Big-Brother-Charme und jeder Menge Satire. Das Ergebnis ist trotz einiger Anlaufschwierigkeiten in den ersten Kapiteln so, wie man es sich von einem Boyle-Roman erwartet: zufriedenstellend, aber auch ein wenig verstörend.

Reales Projekt als Basis der Story

Die Erzählung basiert auf einer wahren Geschichte: In den 90er Jahren wurde in Arizona versucht, eine von Plagen, Katastrophen und Krisen unabhängige und funktionsfähige Welt zu erschaffen - die sogenannte Biosphere 2, die in Boyles Fassung des überdimensionierten Glashauses "Ecosphere 2", kurz E2, heisst.

Die Grundpfeiler des realen Projekts hat Boyle übernommen: Das Terrarium ist 1,3 Hektar gross, von einem Milliardär ins Leben gerufen worden und soll, wenn alles glattgeht, ein Ökosystem mit 3800 Pflanzen- und Tierarten aufbauen, das eines Tages vielleicht sogar das Leben auf fremden Planeten ermöglichen könnte. Eine Welt soll erschaffen werden, die im Moment des Untergangs der echten zu einer modernen Arche Noah wird - so weit die Theorie.

Totale Abschottung

Es ist März 1994, als "das menschliche Experiment" in Arizona beginnt. Die Konkurrenz um die acht Plätze als Terranauten ist gross. Dawn und Ramsay, zwei der drei sich abwechselnden erzählenden Figuren, schaffen es unter die Auserwählten, Linda, die dritte Erzählerin, bleibt auf der Strecke.

Während Dawn und Ramsay strahlend und in ferrariroten Overalls in ihre neue Welt eintreten und sich wie "Erhalter und Bewahrer dieser Welt, Götter unter Glas" fühlen, muss Linda das Ganze von aussen für einen Hungerlohn beobachten. "Nichts rein, nichts raus", lautet das Motto des Projektes - um alles auf der Welt wollen die Terranauten verhindern, dass die Luftschleuse zwischen ihrem Planeten, E2, und der wirklichen Erde, E1, auch nur für einen Moment geöffnet wird.

Mit dem Sex kommt Fahrt auf

Was von den manipulativen Machern als zukunftsträchtiges Forschungsprojekt an Touristen und Medien vermarktet wird, ist aber in erster Line eines: ein soziologisches Experiment. Während sich die Terranauten um Nahrungsbeschaffung, Viehzucht und Sauerstoffwerte kümmern, geht es im Grunde vor allem darum, wie Männer und Frauen miteinander klarkommen, wenn sie zwei Jahre lang miteinander auf begrenztem Raum eingeschlossen sind.

Dabei geht es bei Boyle, unweigerlich, um Sex - und der sorgt nach einigen dahintrottenden Kapiteln zur Hälfte des Romans dafür, dass die Handlung rasant Fahrt aufnimmt.

An Erotik fehlt es auf den 608 Seiten also nicht. Boyle paart das Sexualverlangen der Protagonisten mit Konkurrenzdenken, Egoismus, Wut, Hass, Frust, Selbstzweifeln, aber auch Liebe. Herausgekommen ist ein Roman, der lesenswert ist - auch wenn einige Seiten weniger der Dichte der Erzählstoffs sicher gutgetan hätten.