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"Schreiben ist für mich das Wichtigste" - Martin Walser wird 90

Am 24. März wird Martin Walser zahlreiche Glückwünsche ernten: Dann feiert der deutsche Schriftsteller den 90. Geburtstag.

Was Martin Walser über seinen 90. Geburtstag denkt, behält er wohl am liebsten für sich. Als er unlängst in einem Interview des Fernsehsenders SWR von Moderator Denis Scheck darauf angesprochen wurde, gab sich der Autor vom Bodensee gänzlich unbeeindruckt.

Er feiere eher seinen Namenstag am 11. November, sagte Walser. "Aber Geburtstag? Lassen wirs. Ich brauchs nicht." Gleichwohl: Am 24. März wird mit ihm einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsschriftsteller 90.

Das Magazin "Cicero" kürte den Schriftsteller erst im Januar in der Rangliste "Die 500 wichtigsten Intellektuellen" mit dem ersten Platz. Das liess Walser aber ebenso kalt wie sein Geburtstag: "Ich halte von solchen Einteilungen nicht viel", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Es gab von "Cicero" schon mal eine Einteilung, da war Papst Benedikt XVI. auf Platz eins, ich dahinter. Nun bin ich auf Platz eins. Das finde ich sehr unterhaltend."

Nie ans Aufhören gedacht

Geboren wurde Martin Walser 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg. Schon als Zwölfjähriger schrieb er erste Gedichte, nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er unter anderem Literaturwissenschaft.

Seinen ersten Erzählband "Ein Flugzeug über dem Haus" veröffentlichte er 1955, den ersten Roman "Ehen in Philippsburg" 1957 - in den Jahren darauf folgten unzählige Werke, darunter Romane, Novellen, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Hörspiele und Aufsätze.

Die Produktivität hat Walser auch im hohen Alter beibehalten: In den vergangenen fünf Jahren erschienen unter anderem der Essay "Über Rechtfertigung, eine Versuchung", die Romane "Das dreizehnte Kapitel", "Die Inszenierung", "Ein sterbender Mann" und "Statt etwas oder Der letzte Rank" sowie mit "Messmers Momente" der dritte Teil der Messmer-Reihe und der Band "Shmekendike blumen. Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh".

An das Aufhören habe er nie gedacht, sagte Walser noch zu seinem 85. Geburtstag. Das Schreiben sei für ihn das Wichtigste. "Und wenn sich dabei ganz klar ergibt, dass ich jetzt etwas schreibe, das vorher nicht ging, habe ich das Gefühl, ich dürfe weitermachen - also von mir aus gesehen, nicht von den Leuten."

Dem SWR sagte der Autor im November: "Es gibt ja ehrenwerte Kollegen, die teilen mit: Jetzt ist Schluss, das ist jetzt das letzte Mal. Dazu bin ich nie im Stande, werde ich auch nicht im Stande sein. Ich weiss nicht, was die Kollegen dann machen. Ich weiss aber ausser Schreiben nichts - also schreib ich halt."

Kränkende Vorwürfe

Im Laufe seines Lebens ist Walser immer wieder mit zahlreichen Etiketten bedacht worden - er galt bei Kritikern als Kommunist, als Nationalist, sogar als antisemitisch. "Versuche, mich zu erledigen", nannte der Autor dies einmal.

Wenn er sich ganz weit von sich entferne, denke er manchmal: "Ich hätte mich beherrschen müssen. Ich hätte mich nie um etwas Politisches kümmern sollen, sondern einfach Romane schreiben. Schluss, Schluss, Schluss. Aber das habe ich nie gemacht. Ich hätte vielleicht ein Medikament nehmen sollen, irgendetwas Beruhigendes."

Wie sehr Walser diese Vorwürfe auch nach Jahrzehnten noch kränken, zeigt ein Buch, das der Autor 2015 herausbrachte: In "Unser Auschwitz" dokumentierte Walser seine lebenslange Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld. Viele Kritiker sahen darin eine Art Umdenken eines alternden Schriftstellers oder gar den Versuch einer Rehabilitierung.

Der Begriff machte Walser beinahe wütend: "Ich finde das absurd", sagte er nach Erscheinen des Buchs der Deutschen Presse-Agentur. "Entschuldigung, Rehabilitation, was heisst denn das? Das heisst, irgendein Verbrecher muss rehabilitiert werden. Da sieht man den leichtfertigen Umgang mit Fremdwörtern."