© Verschwundenes Basel
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  • Christine Staehelin

Anstrengende Neujahrsbesuche im alten Basel: Ein Bericht aus erster Hand

Kaum zu glauben: Im alten Basel standen am ersten Tag des neuen Jahres eine Reihe von Neujahrsbesuchen an. Anna von der Mühll-Sarasin schrieb nieder, wie ein Neujahrstag anno dazumal war und gewährt einen lebendigen und überraschenden Einblick in diesen fast verloren gegangenen Brauch.  

Das kleine Büchlein beginnt mit dem frühen Januarmorgen und die Autorin verrät, dass sich die Neujahrsbesuche nicht grosser Beliebtheit erfreuten.

«Der Sylvester war sehr lustig gewesen, und eigentlich hätte man lieber ausgeschlafen, als sich für die Neujahrsbesuche schön gemacht. Aber wenn man an einer Kleinigkeit messen will, welche Veränderungen in einem Menschenalter entstehen, so möge man sich erinnern, wie stark in Basel noch anno 1900 die alte Tradition der Korrektheit und Höflichkeit innerhalb der Familie eingewurzelt war. Wem von den damaligen jungen Ehepaaren oder Unverheirateten wäre es eingefallen, sich von den Neujahrsvisiten zu dispensieren?»

Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930. 

Innert zwei Stunden mussten Anna von der Mühll-Sarasin und ihr Ehemann dreizehn Besuche bewältigen. Damit ja niemand vergessen ging, wurde gar ein eigenes Dokument erstellt. 

«Wer es sich recht bequem machen wollte, hatte tags zuvor bei Keller eine Droschke bestellt, und zwanzig Minuten vor elf mustert sich das zur Visitentournée geschmückte Ehepaar gegenseitig, ehe man aus der Haustür in den eisig glitzernden Wintermorgen tritt. «Hesch d'Liste?» frägt der vom unfreiwilligen Aufstehen und der metikulösen Toilette noch etwas gereizte Ehemann. Dem Visitenkartenetui aus grauem Leder mit breitem Silberrand (das Neueste in London, von der herbstlichen Geschäftsreise des Bandfabrikanten mitgebracht) entnimmt die junge Frau das Dokument; dreizehn Besuche wären in anderthalb Stunden zu erledigen, man darf sich jedenfalls nirgends eternisieren!»

Das beschriebene Visitenkartenetui skizziert (Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930.)

Der erste Besuch galt den Eltern von Anna von der Mühll-Sarasin. Die ältere Generation erzählt von ihrem Silvester: Ein Münsterbesuch und danach ein ruhiger Abend zuhause. Wie das junge Ehepaar gefeiert hat, verrät die Autorin jedoch nicht.

Nun, bei den Eltern darf man schon etwas vor elf erscheinen: In der Tat sitzen auf den blassblauen Fauteuils im «Saal» schon mehrere Besucher, die durch ihre Frische und ihr vergnügtes Zugreifen zu Hypocras und Leckerli, Brunsli und Milängli bekunden, dass sie gestern nach dem «Jahresschluss» im Münster einen ruhigen Abend zugebracht und höchstens im Halbschlummer den vom Münsterturm geblasenen Choral vernommen haben. 

Weiter geht es zu den Grossmüttern und Tanten. Die Neujahrsbesuche waren eine Möglichkeit für die obere Generation, das Leben der Nachfahren kennenzulernen und die Verwandtschaft wieder zu sehen.  

Aber sonst wird man überall, bei Grosseltern und Grosstanten, auf das herzlichste empfangen; Sogar die Tante Henriette, die im schönsten alten Haus in einem entzückenden Louis XVI-Salon empfängt, und die, ein Bild puritanistischer Strenge in ihrem schwarzen Wollkleid mit dem schlichten schwarzen Häubchen, einen fast beklemmenden Kontrast zu dem liebenswürdig-heiteren Raum darbietet, scheint aufgeräumt und erkundigt sich wohlwollend nach dem Peterli, der die «wilde Kindsblotere» hat, und dem Margritli, das im Welschland in der Pension die Weihnachtstage verbringt.

Nach zahlreichen Besuchen, fuhr das junge Ehepaar zur Rittergasse. Der Neujahrsempfang dort, war in der ganzen Familie sehr beliebt und galt als krönender Abschluss des Neujahrtages.

Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930. 

Und nun wendet man sich fröhlich und erleichtert der Rittergasse zu, denn man hat sich nach Kinderart «'s Bescht fir zletscht» aufgespart. Offenbar ist dieser Gedankengang vielen Verwandten der zu Besuchenden gemeinsam. 'S Vreneli, die Markgräflerin, die heute in grosser Gala, im «Lätsch» und weissem Halstuch ihres Amtes waltet, hat ganze Pilgerzüge die breite Rococotreppe aufzugeleiten.

Grund für den grossen Besucherstrom war Anna von der Mühll-Sarasins Lieblingstante. Diesen Besuch beschreibt die Autorin treffend, man hat fast selbst das Gefühl, in der Rittergasse anwesend zu  sein. 

Im Salon stehen und sitzen und sprechen und lachen so viele Menschen durcheinander, dass man das Ziel der Wallfahrt, die beliebteste aller Tanten, kaum erreichen kann. Zum Fenster vorgedrungen, findet man sie endlich, klein, lebhaft, mit ihrem dunkeln gewellten Haar und den schönen Augen, von denen ein berühmter Basler einst gesagt hatte, sie «möblieren die Rittergasse» - ihr Alter ist völlig unbestimmbar.

Die materiell Gesinnten unter ihren Gästen behaupten alljährlich, ihr Malaga, ihre Sunntigspastetli, ihre Leckerli seien von ganz anderer Qualität als die jeder andern Hausfrau - sie ist eben selbst aus anderm Teig gemacht als die meisten ihrer Zeitgenossinnen. Sie ist nicht witzig, aber ihr Humor ist unwiderstehlich und unnachahmlich; deshalb schart sich Jung und Alt am Schluss der Neujahrstournée um ihren behaglich besetzten Tisch, und ein wohliges Gefühl der Entspannung löst die Gemüter und die Zungen.  

Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930. 

Um 12.30 Uhr war die Zeit der Neujahrsbesuche beendet. Die Familienmitglieder hatten noch weitere Pläne für diesen besonderen Tag. 

«Wisst ihr, dass es gleich halb eins ist?» Wie eine Bombe platzt die Frage in den schwatzenden, schmausenden Kreis. Ein allgemeiner Aufbruch entsteht: Rudis müssen zu einem grossen Mittagessen nach Riehen, Carlis haben die Pariser Verwandten zu Tisch, mehrere der Jungen müssen sich beeilen, weil sie noch zu proben haben für eine Aufführung an einem Familientag im «Widder» heute Abend - unter einem Chor von Glückwünschen und Verabschiedungen zieht jedes seine Strasse. 

Aber die Älteren unter den Jungen sagen sich halb wehmütig, dass nun wieder einmal die Neujahrsbesuche vorbei sind - die Revuepassierung der obersten Generation. Wie schnell ziehen die Jahre vorbei, bis man selbst zu den Alten gehört, und am ersten Jänner daheimbleibt, um die Jungen zu empfangen!   

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Quelle: Vonder Mühll-Sarasin, Anna: «Neujahrsbesuche vor dreissig Jahren». Basel 1930. 

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