Andreas Büttiker in der Leitstelle der BLT in Oberwil.
Andreas Büttiker in der Leitstelle der BLT in Oberwil.
  • Binci Heeb und Andreas Strässle

BLT-Chef Andreas Büttiker im Interview der Woche: Als Vision wollen wir den Kunden von Haustür zu Haustür bringen.

Andreas Büttiker ist seit 23 Jahren ausserordentlich erfolgreicher Direktor der BLT. Aber eigentlich für seine rund 500 Mitarbeiter und 56 Millionen beförderte Passagiere weit mehr als nur das. Von einem Glücksfall für die Region sprechen die Medien. Sogar vom eigentlichen Verkehrsminister des Baselbieter Kantons. Letzteres brachte ihm nicht nur Freunde und dennoch weiss die Region: besser könnte die Spitze des gelben Unternehmens nicht besetzt sein. Barfi.ch sprach mit der bescheidenen, aber unermüdlichen und starken Persönlichkeit.

Andy Strässle: Lassen Sie uns zunächst kurz mit der Vergangenheit beginnen. Stichworte BLT-Höhen- und Tiefpunkte 2017: TNW-Diskussion (Tarifverbund Nordwestschweiz), Ablehnung Margarethenstich, Fusion mit Busbetrieb AAGL, ein ereignisreiches Jahr für den ÖV im Baselbiet?

In Sachen Nachfrage war 2017 ein eher durchzogenes Jahr. Auf den Linienabschnitten in der Stadt Basel ging das Fahrgastvolumen um 0,7 Prozent zurück. Das ist auf die vielen Baustellen in der Stadt und im Birseck zurückzuführen. In dieser Hinsicht war das vergangene Jahr wenig erfreulich für unsere Fahrgäste, dessen sind wir uns bewusst. Insgesamt ist die Nachfrage aber anhaltend hoch und gut.

 

Beim Margarethenstich ging es um ein in die Zukunft gerichtetes Projekt. Die Ablehnung des Stimmvolks war für uns eine grosse Enttäuschung. Das Resultat war mit 57 Prozent klar, gerade auch im Leimental, wo alle Gemeinden mit «nein» stimmten. Offenbar ist es uns nicht gelungen, die Vorteile des Projektes genügend hervorzuheben. Auch mussten wir uns fragen, ob wir an der Bevölkerung vorbeientwickelt haben. Kundenbefragungen sind eben nicht gleichzusetzen sind mit Bevölkerungsabstimmungen. Ferner wurde auch der Abstimmungskampf zu defensiv geführt. 

AS: Hätten Sie offensiver kommunizieren müssen?

Ja – das sicher auch. Aber auch der momentane Zeitgeist im Baselbiet steht unter dem Motto: sparen, sparen, sparen. Es wurden Ängste bezüglich Stausituationen geschürt, es wurde mit Landschaftsverschandelung argumentiert. Schliesslich war es keine logische, sondern eine emotionale Entscheidung. Bei zukünftigen Projekten, wie zum Beispiel beim Spiesshöfli, werden wir die Bevölkerung direkter und aktiver miteinbeziehen müssen. 

AS: Wie sieht es mit der Autobus AG aus? 

Bei diesem Thema hat unser VR-Präsident, André Dosé, die Federführung übernommen. Über die BLT und die Autobus AG wurde vom Regierungsrat eine Eigentümerstrategie verabschiedet. Zugleich verpflichtete er unseren Verwaltungsrat zu deren Umsetzung. Darin ist festgeschrieben, dass aus Synergiegründen die Linie des öffentlichen Verkehrs im Baselbiet in der BLT konzentriert werden sollen. Um den Synergiegewinn sichtbar zu machen reichten wir im Auftrag von Regierungspräsidentin Sabine Pegoraro und Regierungsrat Toni Lauber eine Offerte für die Buslinien der AAGL ein. Das Resultat ist bekannt. Anstelle von zwei teuren und redundanten Verwaltungsorganisationen wären durch den alleinigen Betrieb durch die BLT nur eine zusätzliche Person in der Personalabteilung und fünf in der Betriebsabteilung sowie die Chauffeure nötig.

AS: Jetzt diskutiert man auch darüber Linien abzubauen. 

Sie sprechen das Thema des Angebotsabbaus im oberen Baselbiet an. Doch dieser findet nicht statt. Die Bau- und Umweltschutzdirektion hat im Parlament einen Vorschlag unterbreitet, das Angebot bei gewissen Linien auszudünnen. Der Landrat hat aber alle Entscheidungen der vergangenen drei Jahre wieder rückgängig gemacht. Es wird also nichts abgebaut oder verändert, auch nicht beim Läufelfingerli. 

Binci Heeb: Die BLT hat, ganz im Gegensatz zu ihrem Mitbewerber BVB, das Image eines innovativen, sehr weit zukunftsorientierten Unternehmens – woran liegt das? 

An unserer Unternehmenskultur. Wir verstehen uns als Dienstleister, welcher einen exzellenten Kundenservice bieten will. Wir fragen uns täglich, wie wir besser werden können. Wir verfolgen eine Kostenführerschaftsstrategie und wollen im öV zu den produktivsten der Schweiz gehören. Ich bin sehr froh, dass die BLT grosse unternehmerische Freiheit geniesst und Innovationen deshalb konsequent vorantreiben kann. Es ist mir an dieser Stelle aber wichtig zu betonen, dass für uns die BVB der absolut wichtigste strategische Partner ist. 

BH: Sie sind also viel freier in Ihrem Handeln, als die staatlich betriebenen BVB? 

Das stimmt. Die BLT funktioniert wie ein normales Unternehmen. Und im Gegensatz zur Stadt redet uns die Politik nicht drein. Wir haben einen Leistungsauftrag, den wir so kundenfreundlich und so effizient wie möglich erfüllen. Auch unser VR und allen voran der Präsident denken sehr unternehmerisch und fordern die Geschäftsleitung immer wieder heraus. Unsere Kollegen in der Stadt sind seit über hundert Jahren in der Staatsverwaltung gross geworden. Das prägt natürlich.

AS: Was könnte bei der Zusammenarbeit zwischen BVB und BLT endlich besser funktionieren? 

Das ist eine falsche Wahrnehmung. Die Zusammenarbeit funktioniert heute gut. Die Querelen der Vergangenheit sind Geschichte. Die Herausforderungen der öV-Mobilität im Nah- und Agglomerationsverkehr können wir nun gemeinsam meistern. Diese Haltung hat sich glücklicherweise durchgesetzt. 

BH: Wo arbeiten Sie mit der BVB erfolgreich zusammen? 

Vor zwei Jahren haben wir die gemeinsame Moving Media AG gegründet, die für den Vertrieb der Dach- und Aussenwerbung zuständig ist. Seit einem Jahr gibt es die gemeinsame U-Abo-App, auch den gemeinsamen Webshop. Auf dem Leitstellensystem, worüber alle Busse und Trams geleitet werden, sind nun auch die Busse der BLT und die Waldenburgerbahn integriert. Die BVB ist das Kompetenzzentrum für die Leitstellentechnik und wir für den digitalen Vertrieb. BLT und BVB helfen sich im Betrieb und bei Unfällen auch mit Wagen- und Busmaterial gegenseitig aus. 

AS: Es ist ja leider nicht nur so, dass die BLT ausschliesslich positive Schlagzeilen macht. So sind die ständigen Verspätungen täglicher Ärger. 

Ich habe gewisse Vorbehalte bezüglich der Verspätungsstatistik, wie sie in der Zeitung zu lesen war, bei welcher verschiedene Städte miteinander verglichen wurden. Auf allen Linien gilt ein 7.5 Minuten-Takt. Auf den Landabschnitten ist die BLT sicher besser bedient, weil wir über eigene Trassees verfügen und dadurch weniger verspätungsanfällig sind, zumindest mit den Fahrten in Richtung Stadt. In Basel wälzt sich praktisch das gesamte Tramnetz im Mischverkehr mit Velo und Auto durch die Innenstadt. Dadurch ergeben sich zwangsläufig gegenseitige Behinderungen, was unweigerlich zu gewissen Verspätungen führt. Natürlich gab es auch Verspätungen beim 8er, weil das Tram am Zoll stand. All das wurde im Städtevergleich nicht berücksichtigt. 

Bezüglich Verspätungen im Busbereich handelt es sich um ein Kernrisiko der BLT. Unsere Busse fahren auch im Mischverkehr und auf Strecken mit Baustellen oder Stau, wo es punktuell zu 10 bis 15 Minuten Verspätungen kommen kann. Das ist für uns nicht akzeptabel. 

BH: Was haben Sie dagegen unternommen? 

Es wurden zum Beispiel in Therwil eine Lichtsignalanlage mit Buspriorisierung ausgestattet und auf der H2-Brücke eine zusätzliche Busspur eingeführt. Der Verkehr nimmt natürlich trotzdem zu. Im Gegensatz zum Tram kämpfen wir im Busbereich in den Hauptverkehrszeiten mit Verspätungen, was in der gesamten Transportkette, zum Beispiel beim Umsteigen auf die Regio S-Bahn, zu Problemen führt. 

AS: Die Bilanz der BLT war und ist sehr erfolgreich, trotzdem kam das U-Abo bei gewissen Politikern jetzt unter Beschuss.

Sie sprechen die U-Abo-Subvention an. Das U-Abo ist ein unheimlich beliebtes Produkt. Über 180'000 Menschen kaufen jeden Monat ein U-Abo. Es ist das GA der Nordwestschweiz, ein sehr günstiges Angebot, einfach im Bezug mit sehr hoher Akzeptanz in der Bevölkerung. Einen Angriff darauf müsste man sich schon drei Mal überlegen.

BH: Sie verfolgen 2018 wiederum äusserst innovative Ziele, halten sich bisher aber ziemlich bedeckt. Gibt es konkrete Pläne, die Sie bewusst verheimlichen? 

Selbstverständlich (lacht) gibt es diese, aber die BLT kündigt nicht einfach an, wie viele andere Unternehmungen, sondern wir wollen mit neuen Innovationen überraschen. Ein grosser Brocken betrifft die Erneuerung der Waldenburgerbahn im Dezember 2022. Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter. Der Doppelspurausbau beim Spiesshöfli ist auch ein Thema, welches wir konsequent vorantreiben wollen.

BH: Können Sie hinsichtlich Innovationen gegenüber barfi.ch nicht etwas genauer werden? 

Die Vision der BLT ist ganz klar: wir wollen uns vom linien- und streckengebundenen Transportunternehmen zum Mobilitätsdienstleister entwickeln. Darunter ist vieles vorstellbar, da lasse ich Ihrer Fantasie freien Lauf. 

BH: Wird die BLT ihr derzeitiges Angebot von Schiene und Bus demzufolge auf andere Transportmittel erweitern?

Wenn man sich die App von Uber anschaut, bereitet diese vielleicht nicht nur dem Basler Taxifahrer Kopfzerbrechen. Würde man nun selbstfahrende Fahrzeuge mit einer Uber-Software kombinieren – natürlich ist das noch etwas in die Zukunft geschaut – könnte der Kunde zu Hause vor der Haustüre zur gewünschten Zeit abgeholt werden. Das kann die BLT nicht. 

BH: Oder müssten Sie vielmehr sagen: das kann die BLT «noch» nicht? 

Natürlich kann man diese Möglichkeit weiterspinnen. Mehr mag ich dazu aber im Moment noch nicht sagen. Die ganze Transportkette, von vor der Haustüre des Kunden bis zum Zielort, wo der Kunde hinwill, muss in unser Denken einbezogen werden. 

AS: Wenn man nicht so weit denkt, wäre ein anderer Verkehrsverbund, eine Fusion mit der BVB oder ein Zusammenwachsen der regionalen Dienstleister im Dreiland eine Möglichkeit?

Im tarifarischen Bereich gibt es mit dem Tarifverbund eigentlich bereits einen Tarif für alle Kunden, unabhängig vom Transportunternehmen. Auf Mitte Jahr werden grenzüberscheitende Einzeltarife eingeführt. Damit kann in der ganzen Nordwestschweiz, im Landkreis Lörrach und in der Agglomeration Saint-Louis mit einem Tarif gefahren werden. Es ist geplant, dies auch auf der Ticketing-App einzuführen. Ein Zusammengehen mit anderen würde für den Kunden keinen grossen Unterschied machen. Auch eine einzige grosse Firma im Dreiland wird nicht alle Probleme lösen können. Das macht nur Sinn, wenn betriebliche Synergien genutzt werden könnten, zum Beispiel zwischen BLT und AAGL, wo ein beträchtliches Einsparungspotential besteht. 

BH: Was bedeutet für Sie Digitalisierung? 

Mit der Digitalisierung entstehen gerade auch für Firmen in der Grösse einer BLT Möglichkeiten, die früher nur ganz grossen Konzernen vorbehalten waren. Ich komme ja eigentlich aus der IT-Branche, habe nach meinem Ökonomiestudium bei der IBM gearbeitet, war viel bei Start Ups im Silicon Valley. Deshalb finde ich die jetzige Zeit unglaublich spannend und es ist sehr wichtig, dass wir Sachen rechtzeitig ausprobieren, Erfahrungen sammeln, diese adaptieren. Auch wenn wir einmal scheitern sollten. Denn: Wenn wir es nicht machen, machen es andere und besetzten damit wichtige Marktgebiete. Die BLT hat einen klassischen Bereich und auch einen Start-up-Company-Teil. Ganz bewusst haben wir die Stelle des Chief Digital Officers geschaffen, der direkt an mich rapportiert und digitale Innovationen schnell vorantreibt. 

AS: Zu einem ganz anderen Thema: War die Opposition aus den Reihen gewisser Politiker der eigentliche Grund für Ihren überraschend erfolgten Rücktritt als Verwaltungsrats-Vize des Euro Airports? 

Den Entscheid habe ich ganz alleine getroffen, es gibt und gab überhaupt keinen politischen Druck. Das war eine Frage der zeitlichen Kapazität. Ich war sieben Jahre im Verwaltungsrat des Euro Airports, davon vier Jahre als Vizepräsident. Das Mandat kostete mich zeitlich teilweise 20 – 30 Prozent, das wurde mir neben der BLT zu viel. Daneben bin ich in einem weiteren Verwaltungsrat tätig und engagiere mich aktiv in Gremien des öffentlichen Verkehr. 

BH: Deshalb ist es umso erstaunlicher, wie Sie im Gegensatz zu ihrem grünen Mitbewerber ein Vorzeigeunternehmen mit einem äusserst kleinen Kaderstab führen, fast ist man versucht von einem modernen Familienbetrieb zu sprechen. Für Ihre Mitarbeiter, aber auch uns Journalisten sind Sie immer schnell und direkt, nicht erst über einen grossen Stab, zu erreichen: Sie sind das Gegenteil eines Staats-Apparatschiks. Wie finden Sie die Zeit dazu? 

Das ist eine Frage der Priorität und des Arbeitsstils. Kommunikation ist bei uns Chefsache, denn führen heisst auch kommunizieren. Zudem brauchen wir nicht für jedes Vorhaben ein ausführliches Konzeptpapier und eine juristische Beurteilung. Es wird entschieden und dann gehandelt, pragmatisch und eigenverantwortlich, jeder auf seiner Stufe. 

BH: Als Direktor stehen Sie dem gesamten Unternehmen vor, sind lediglich einem VR unterstellt, der Sie sehr unterstützt. Konnten Sie deshalb bisher dem Ruf in die Politik, sprich die Regierung problemlos widerstehen?

Ich wurde vor ein paar Jahren angefragt als Regierungsrat zu kandidieren, ein Landratsmandat ist in meinem Job ausgeschlossen. Mir gefällt meine Arbeit bei der BLT viel zu gut, ich bin ein Mann der Exekutive, der das Steuerrad gerne selber in der Hand hält und mit vielen Freiheiten ausgestattet ist. Ich bin ganz bewusst in keiner Partei, obwohl ich schon mehrfach angefragt wurde. Meine bürgerliche Grundhaltung ist klar, aber es ist mir sehr wichtig, mit allen Parteien unvoreingenommen sprechen zu können. Meinen Job muss ich nach unternehmerischen Gesichtspunkten wahrnehmen und dieser ist parteiunabhängig.

BH: Es verstärkt sich der Eindruck, dass Ihnen bei der BLT nichts langweilig werden kann. Zum Schluss deshalb die Frage: ist Ihnen ausser dem anfangs erwähnten Margarethenstich schon einmal etwas so richtig in die Hose gegangen? 

Ich erinnere mich an eine Anfrage vor vier Jahren in der Marketingabteilung für Küss-Plakate in unseren Trams. Diese stand im Zusammenhang mit der Kampagne des Vereins «Anyway» für gleichgeschlechtliche junge Menschen, die ihr Coming-Out haben. Da von den zwölf Sujets auch einige sehr «offensiv» waren, entschieden wir uns auf die vier heikelsten Bilder zu verzichten. Ohne etwas verhindern zu wollen, versuchten wir den schweizerischen Kompromiss zu finden. Über Nacht wurde ich dadurch zum homophoben Feindbild, dokumentiert u.a. durch über 700 Facebook-Einträge. Je mehr ich versuchte, unseren Entscheid zu rechtfertigen, desto mehr wurde ich niedergemacht. Sogar ein Kiss-in im Tram wurde angesagt. Wir haben unseren Entscheid revidiert und seither weiss ich, was ein Shitstorm ist.

Ebenfalls eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir natürlich die gescheiterte gemeinsame Trambeschaffung mit der BVB. Dreieinhalb Jahre Diskussionen und Evaluationen wurden durch einen neuen Präsidenten bei der BVB über den Haufen geworfen. Die Art und Weise damals war einzigartig.

barfi.ch: Vielen Dank, Herr Büttiker, für das offene Gespräch.

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