• Christian Platz
  • Aktualisiert am

Basler Phänomene: Spuk, Phantome, Poltergeister

Aus den nebelumwobenen Tiefen der Geschichte steigen sie empor: Geister, Phantome, Spukgestalten. Schauplätze von Morden, Seuchen, Leichenschändungen scheinen jene Phänomene aus der Anderswelt auf den Plan zu rufen, die uns Lebenden kalte Schauer über den Rücken jagen. Fünf Beispiele vom Rheinknie.

Kreuzgang: Ohrfeigen aus dem Nichts

Der Basler Doppelkreuzgang wurde im 15. Jahrhundert gebaut. Im Mittelalter wurden hier Gottesdienste abgehalten. Zu diesem Zweck standen im Kreuzgang bis zu sechs Altare. Die Reformation beendete diese Form der Nutzung. Eine andere katholische Tradition wurde allerdings weitergeführt, sogar bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Nämlich das Beerdigen von Verstorbenen, meist bekannten, begüterten, begnadeten Bürgern, im Kreuzgang. Die grossartigen Grabtafeln zeugen davon. Der Kreuzgang ist also ein Friedhof. Klar, dass es hier auch Geister und Phantome gibt, die nächtens aus den Abgründen der Zeit emporsteigen, um die Lebenden zu erschrecken. Zwei von ihnen möchten wir hier namentlich erwähnen, der eine recht harmlos, der andere ein ganz übler Brocken von einem Phantom. Beim ersten dieser Geister handelt es um Emanuel Büchel (1705 – 1775), seines Zeichens Zeichner und Bäckermeister. Er stöhnt, röchelt, rumort in langen Nächten. Der Grund dafür: Er soll lebendig begraben worden und in seinem Grabe qualvoll erstickt sein. Der zweite Geist war anscheinend bereits zu Lebzeiten kein sonderlich beliebter Zeitgenosse: Der Schneidermeister Hagenbach soll seine Familie geplagt haben und in allerlei Betrügereien verwickelt gewesen sein. Sein unsichtbarer Geist verteilt im Münsterkreuzgang Ohrfeigen an Passanten. Aus dem Nichts. Seien sie gewarnt; er fängt schon am frühen Abend damit an.

Totentanz: Wenn die Pesttoten warnen

Europaweit berühmt war das Wandgemälde, im 15. Jahrhundert geschaffen, das an der Innenseite der damaligen Friedhofsmauer bei der Predigerkirche prangte: Der Basler Totentanz. Es zeigte das Wirken von Gevatter Tod, der sich von keiner Klasse, keinem Vermögen, keinem gesellschaftlichen Status beeindrucken lässt. Er tanzt mit dem Bettler ins Jenseits und mit dem reichen Kaufmann, dem Gaukler und dem König. Dieses Gemälde überlebte die Bilderstürme der Reformation und wurde im 17. Jahrhundert renoviert, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend. Danach verwahrlosten die Bilder zusehends. 1805 wurden sie entfernt. Der Totentanz war eine Mahnung, die den Leuten die Zerbrechlichkeit des Menschenlebens vor Augen führen sollte. Und natürlich waren diese Gemälde von Epidemien beeinflusst, vor allem von der Pest, einer Seuche, die auch in Basel signifikante Anteile der Bevölkerung dahinraffte. Dies innert kürzester Zeit. Wenn die ekligen Eiterbeulen unter den Armen auftauchten, waren die Befallenen dem Tode geweiht. In Basel starben 1314 Tausende von Menschen an der Pest, 35 Jahre wütetet die hochansteckende Krankheit gleich nochmals. Die Entstehung des Basler Totentanzes ist in diesem Zusammenhang zu sehen, als Mahnmal. Viele Pesttote wurden vor der Predigerkirche verscharrt, dies musste schnell gehen, mit minimalem Zeremoniell. Diese Verstorbenen ruhen normalerweise in Frieden unter dem Rasen des kleinen Parks beim Totentanz. Doch wenn unserer Stadt Unheil droht verlassen sie nachts ihre Gräber gleich massenweise, formen sich zu einer Prozession des Grauens, die kommende Gefahren oder Katastrophen ankündigt. Der Totentanz ist also ein Ort, den man im Auge behalten sollte, wenn man rechtzeitig über kommende Fährnisse informiert sein will.

 

Rheingasse: Das räudige Untier und die Frauen

Die Rheingasse war früher bekanntlich ein raues Pflaster; Alkohol, Prostitution, Schlägereien gehörten hier zu den Nächten. In den Wohnungen, heute gute Adressen, hausten Arbeiterfamilien in engsten Verhältnissen. Wo heute vielleicht ein kinderloses Paar wohnt, teilten sich einst über 20 Personen ein Logis. Zusammengepfercht in engen Zimmerchen, richtige Löchern, in den Küchen brannten offene Feuer – und das Wasser musste natürlich von öffentlichen Brunnen ins Haus geschleppt werden, mehrmals täglich. Eine schwere Arbeit, die meist von Mädchen und Frauen besorgt werden musste. Nun begab es sich, dass in den Abendstunden ein grosses räudiges Untier mit einem zotteligen Fell am Brunnen aufzutauchen begann. Ein Geschöpf, das wohl einem Werwolf glich, auf jeden Fall ein Monster. Die Frauen und Mädchen erschraken furchtbar, liessen in der Angst oft ihre Habe liegen sowie die Kupferkessel, in denen sie das Wasser zu tragen pflegten. Diese Dinge verschwanden jeweils mit dem Monster. Ein wackerer Kleinbasler Bürger wurde auf die unheimlichen Geschehnisse aufmerksam, ein Soldat im Ruhestand. Eines Abends lauerte er dem Ungeheuer auf, mit seinem Schwert am Gürtel und einem tüchtigen Stock bewaffnet. So überfiel er das zottelig Wesen aus dem Hinterhalt und prügelte gar furchtbar auf dessen Rücken ein. Da fiel die Kreatur auf die Knie, entledigte sich seiner Maske und bat um Gnade. Es handelte sich um einen Handwerksgesellen, der in seinem Kostüm dem Voyeurismus und den kleinen Diebereien frönte. Der aufrechte Bürger nahm ihm sein Kostüm ab, warf es in den Rhein. Den Handwerksgesellen hat man im Kleinbasel danach nie mehr gesehen.

Kleines Klingental: Die Geister der sündigen Nonnen

Nonnenklöster sind, so die gängige Meinung, Orte der Zurückgezogenheit, des Gebets und der Keuschheit; Jesus soll der Bräutigam der Frauen in Schwarz sein. Ein anderes Bild ist aber ebenfalls in der Literatur präsent, vom Mittelalter bis zum berühmten Literatur-Wüstling Marquis de Sade (1763 – 1814). Dieses Bild befasst sich mit der – durchaus realen — Kehrseite der Medaille. Dabei werden Klöster zum Hort der Doppelmoral und der fleischlichen Ausschweifungen, Mönche zu Wüstlingen und Nonnen zu lüsternen Damen. So war es jedenfalls im Kleinbasel, im Kloster Klingental, dessen Kirche dort stand, wo sich heute die Kaserne erhebt. Die Damen, die dort lebten, stammten fast ausnahmslos aus vornehmen Häusern. Sie brachten ihre Dienerschaft und ihre Luxusartikel mit ins Kloster. Und führten ebendort ein Lotterleben mit wechselnden Liebhabern. Es war auch die Rede davon, dass die Damen, wenn sie schwanger wurden, ihre Babys im Rhein ertränkten. Immer wieder versuchten die Kirchenoberen, im Haus Ruhe zu stiften. Immer wieder hintertrieben die Nonnen diese Versuche, listig und renitent. Viele Jahre später, lange nach der Reformation, wurde der grösste Teil des Areals in eine Kaserne umgewandelt. Allerdings sind im Kleinen Klingental, das schon lange ein Museum beherbergt, noch Räume vorhanden, die einst Klosterzellen waren. Jedenfalls, als die Soldaten in die Kaserne einzogen, fanden sie in langen Nächten keine Ruhe, weil die Geister der sündigen Nonnen allerlei Unfug trieben. Diese ruhelosen Phantome streiften des Nachts durch die Gänge, stöhnten, jammerten, beteten lauthals – und wohl zu spät — um Vergebung für ihre sündigen Existenzen. Wie wir von Künstlern erfahren haben, die ihre Ateliers jahrelang in der Kaserne hatten, soll es auch heute ab und zu noch zu Begegnungen mit den unheiligen Geisterfrauen kommen.

Heuberg: Gestatten, David Joris, Hausgespenst

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert hat sich ein feiner, reicher Herr und bekannter Glasmaler aus den Niederlanden zu Basel niedergelassen. Die Stadt am Rheinknie war, wegen ihres – vergleichsweise – freien und offenen Geistes, ein beliebter Wohnort für Händler, Gelehrte, Geschäftsleute aus ganz Europa. Der feine Herr, er stellte sich in Basel als Johann von Brügge vor, war in den besseren Kreisen unserer Stadt schon bald beliebt. Er war ein guter Kunde der hiesigen Geschäfte, verschaffte Leuten Arbeit und kaufte sich mehrere Landgüter. In Basel bewohnte er den mächtigen Spiesshof am Heuberg 7. So weit, so gut. Der Herr von Brügge lebte in Saus und Braus, am Ende starb er in unserer Stadt. In allen Ehren wurde er in der Leonhardskirche begraben. Kurz nach seinem Tod tauchten jedoch zwei Fahnder aus den Niederlanden auf. Sie suchten einen verfemten Sektenführer, einen Wiedertäufer namens David Joris, dessen Anhänger man Davidten nannte. Er war ein Mystiker, einer, der den Teufel lediglich als Allegorie auf die dunkle Seite der Menschen verstand. Das schmeckte den Kirchenoberen jener Epoche gar nicht, derartiges Gedankengut wurde damals mit der Todesstrafe geahndet. Den beiden Fahndern gelang es, die Basler Obrigkeit davon zu überzeugen, dass Johann von Brügge nichts als ein Deckname war, dass sie in Wirklichkeit dem Ketzer Joris Gastrecht gewährt hätten. Den Baslern war dies natürlich ein wenig peinlich. Deshalb wurde sein Leichnam exhumiert und verbrannt, zusammen mit seinen Schriften. Seither spukt es im Spiesshof, der Geist des Wiedertäufers rumort nach Mitternacht durch die Gänge, klappert mit Türen und Fenstern, erscheint als durchsichtige Gestalt, in Begleitung zweier mächtiger Höllenhunde. Alle, die in diesem Haus arbeiten oder gearbeitet haben, können von eigenartigen Geschichten berichten. Auch in Binningen spukte er herum, denn dort hatte er das Weiherschlösschen und das Holeeschlösschen besessen. Dabei pflegte er seinen Kopf unter dem Arm zu tragen. Und der Spuk hat bis zum heutigen Tag nicht aufgehört.