Mittelalterliches Pogrom;  Darstellung aus der «Schedel’schen Weltchronik». Quelle: Wikipedia commons.
Mittelalterliches Pogrom; Darstellung aus der «Schedel’schen Weltchronik». Quelle: Wikipedia commons.
  • Christian Platz

Das Schand-Jahr 1349: Als die Basler Juden auf einer Insel im Rhein verbrannt wurden

Genau 669 Jahre ist es her, dass eine der grössten historischen Schandtaten in der Stadt Basel geschehen ist. Im Januar 1349, in der Zeit vor der Fasnacht, was durchaus eine Bedeutung hat, wurden die Juden unserer Stadt bei lebendigem Leibe verbrannt. In einer eigens zu diesem Zweck gebauten Holzhütte auf einer Rheininsel.

Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es in Basel bereits um das Jahr 1200 eine jüdische Gemeinde. In jener Zeit kam es im mitteleuropäischen Raum zu einer Wanderbewegung, in deren Rahmen sich viele Juden im Elsass ansiedelten. Und Basel gehörte damals – ein wenig vereinfacht gesagt – in wirtschaftlicher, sowie in kultureller Hinsicht zu jenem Elsass. Ab dem frühen 13. Jahrhundert sind jüdische Anwohnerinnen und Anwohner am Rheinknie jedenfalls urkundlich belegt.

Synagoge am Rindermarkt

Es gab eine Synagoge, diese stand am Rindermarkt, also an der heutigen Unteren Gerbergasse, und einen jüdischen Friedhof. Interessanterweise ist es hier – ganz im Gegensatz zu mehreren deutschen und französischen Städten – nie zur Bildung eines Ghettos gekommen. Vielmehr wohnten Juden und Christen zunächst relativ friedlich nebeneinander. Die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde betätigten sich als Geldverleiher oder als Münzwechsler. Weil sie aus den meisten wirtschaftlichen Bereichen durch Zünfte und andere Vereinigungen verdrängt wurden, waren dies die einzigen Berufe, die ihnen in der damaligen Gesellschaft offenstanden.

Christen durften ja ohnehin nicht auf diesen Feldern wirken, wegen dem kanonischen Zinsnahmeverbot. Den Juden war das Erheben von Zinsen auf verliehenes Geld im Jahr 1179 von Papst Alexander III. ausdrücklich genehmigt worden, was sich am Ende als perfides Danaergeschenk erweisen sollte.  

Hetze des Bettelordens

Immer wieder wurde aus christlichen Kreisen gegen die Juden gehetzt, vor allem durch Mitglieder des Bettelordens, der so genannten Mendikaten, die immer sehr gerne das Wort von der Nächstenliebe im Mund führten und In Basel sehr stark verwurzelt waren. Zudem wurden die Mitglieder der jüdischen Gemeinde von der städtischen Obrigkeit nicht wirklich beschützt – und waren deswegen immer wieder der Willkür ausgesetzt, obwohl sie unter dem Schutz des Kaisers standen; in diesem Fall war es Karl IV. (1316 – 1378).

Bis Mitte des 14. Jahrhunderts wurden immerhin öfter mal Bauernbanden bestraft und adlige Basler verbannt, weil sie Juden angegriffen hatten.

Die Pest kam mit der Goldenen Horde

Aber im Januar des Jahres 1348 half das leider alles nicht mehr. Denn 1347 war die Pest nach Europa gekommen, mit der mongolischen Goldenen Horde, die Genua belagerte. Unter den Mongolen wütete die Pest, vor der Aufgabe der Belagerung schleuderten sie mit ihren Katapulten Pestleichen über die Schutzmauern in die Stadt.

Die infame Lüge von der Brunnenvergiftung

Nie zuvor hatte es in Europa eine verheerendere Seuche gegeben, die dermassen schnell um sich griff. Und die Pandemie öffnete religiösen, sowie okkulten Ängsten die Tür, die eine weitere Seuche gebaren: Tollwütigen Antisemitismus nämlich. Es hiess, dass die Juden die Seuche mittels Brunnenvergiftungen auslösen würden, eine ganz infame Lüge.

Die Hetze gegen die Minderheit wurde oft – auch in Basel – heimlich von wohlhabenden Häusern geschürt, die den Juden viel Geld schuldeten – und sie deshalb loswerden wollten.

Friedhof geschändet

Schon bevor die Pest nach Basel kam, brach sich die Judenverfolgung Bahn. In der Weihnachtszeit 1348 wurde der jüdische Friedhof geschändet, durch den Pöbel, wie es hiess, es waren aber durchaus auch Ritter unter den Vandalen. Im frühen Januar 1349 trafen sich Vertreter der Städte Basel, Freiburg im Breisgau und Strassburg im elsässischen Belfeld, dabei wurde besprochen, wie man die Juden am besten loswerden könne.

Die Obrigkeit beschloss, die Unterschicht zu einem Pogrom anzustacheln, was in der Fasnachtszeit damals besonders leicht zu bewerkstelligen war, weil dann ohnehin eine erhöhte Aggressivität herrschte.

Der Massenmord

In Basel kam es zum Massenmord, noch bevor die Pest hier eintraf. Am 16. Januar 1349 trieben Banden, wieder war von Pöbel die Rede, wieder waren auch Ritter involviert, alle jüdischen Gemeindemitglieder zusammen, die sie in der Stadt finden konnten, pferchten sie in eine Holzhütte auf einer Rheininsel, die sie zu diesem Zweck gebaut hatten, und steckten diese in Brand. An die hundert Juden starben an diesem Tag. In Freiburg, Strassburg und vielen anderen Städten kam es zu ähnlichen Massakern.

Unter schwerer Folter

Auf diese Gräueltat folgte die Pest. Und sie war verheerend. Von der Rheinbrücke bis an die Obere Freie Strasse hätten nur gerade drei Ehepaare die Pandemie überlebt. Während die tödliche Seuche tobte, wurden plötzlich auch alle Juden verhaftet, die zuvor zum Christentums konvertiert hatten, die (vorher durch die Kirche intensiv geforderte) Bekehrung galt plötzlich nichts mehr. Unter grausamer Folter wurden sie dazu gezwungen, Giftanschläge zu gestehen, die sich ihre Peiniger ausgedacht hatten.

Ihre Häuser und die Synagoge wurden geplündert. Nur einige der Kinder verschonte man, sie wurden unter Zwang getauft und in Kloster gesteckt, wo sie sehr schlecht behandelt, für die härtesten, gefährlichsten, schmutzigsten Arbeiten eingesetzt wurden.

400 Jahre lang keine Juden mehr

1360 siedelten sich dann wieder einige Juden in Basel an, doch bereits 1397 zogen sie wieder weiter. Es ist nicht bekannt, warum sie die Stadt verlassen haben. Es ist durchaus möglich, dass ihnen mit einem weiteren Pogrom gedroht worden war. Danach durften sich 400 Jahre lang keine Juden mehr in der Stadt am Rheinknie ansiedeln. Erst 1805 entstand hier wieder eine Israelitische Gemeinde, die dritte, die bis heute besteht.   

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