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Digitaler Sprachatlas: Können wir auch alles ausser Hochdeutsch?

Zürcher und Basler verstehen sich bekanntlich nicht immer nur besonders gut. Sprachlicher Natur sind die Verständigungsschwierigkeiten in der Regel aber nicht. Das Schweizerdeutsche ist nämlich durchgehend alemannisch – eine Unterhaltung im Dialekt funktioniert also auch interkantonal problemlos. Gut da wären die Walliser, aber selbst Sepp Blatters Sprache wird im Gegensatz zum Inhalt seiner Äusserungen verstanden. Bei unseren deutschen Nachbarn ist es so einfach nicht.

Noch bis zur letzten Generation galt der Dialekt bei unseren nördlichen Nachbarn als die Sprache der Ungebildeten. Einzige Ausnahme vielleicht in Bayern. Das hat sich geändert. Trotzdem: Anders als die Schweizer sprechen die Deutschen in vielen Situationen Standardsprache – so gut es eben geht. Ein Grund dafür ist die Grösse des Landes, ein anderer die hohe Variation der einzelnen Dialekte – "ein Badner würde nur schwer das Niederdeutsche verstehen", weiss Dialektforscher Dr. Tobias Streck, der sich an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ums Bearbeiten des Badischen Wörterbuchs kümmert, gleichzeitig doziert. In der Regel drehen sich seine Seminare um Dialektologie. Trotz der "Wir können alles. Ausser Hochdeutsch"-Initiative vom Land Baden-Württemberg hält sich der Mythos, der Dialekt würde verfallen, gar aussterben. Das stimme nicht, sagt Streck. Vielmehr würde sich Dialekt verändern, so, wie das Sprache eben immer tue.

"Es gibt zwar weniger Dialektsprecher als früher, aber es gibt sie noch. Gleichmässig übers Land verteilt sind sie aber nicht", erklärt Streck. Die meisten Dialektsprecher leben laut Goethe-Institut im Süden Deutschlands, genau da, wo Streck sein Badisches Wörterbuch füllt, und auch in etwa da, wo Professor Dr. Hubert Klausmann vom Ludwig-Uhland-Institut der Eberhard-Karls-Universität Tübingen versucht, mit einem digitalen Sprachatlas Licht ins dunkle Sprachgestrüpp zu bringen. Schweizerdeutsch spielt dabei gar keine so unwichtige Rolle.

Ab 2017 durch Atlas klicken

Hubert Klausmann forscht schon seit sechs Jahren am nordbadischen Dialekt, verschriftlicht diesen mit seinem Team in Sprachkarten und als E-Source im Internet. Einen Teil des auf eine Million Euro dotierten Projekts stellt der digitale Sprachatlas dar. Er soll die Sprache von ganz Baden-Württembergs erfassen. Aktuell reisen die Sprachwissenschaftler dafür durchs Bundesland, um Tonaufnahmen von gesprochenem Dialekt zu machen. Die Sprachschnipsel, die dabei entstehen, sollen auf einer Karte abgespielt werden können. Etwa vierzig Ortschaften sind verzeichnet, eine Auswahl von etwa 100 Wörtern in der ortsüblichen Lautung werden zu hören sein. Schon 2017 – spätestens – können sich User durchklicken und Unterschiede oder Gemeinsamkeiten in verschiedenen Dialekten entdecken.

Was ist das Besondere am Schweizerdeutschen?

"Südlich von Freiburg unterscheidet sich der Dialekt auf deutscher Seite kaum noch von dem auf Schweizer Seite", so Streck aus Freiburg. Einzelne Wörter zusätzlich gebe es im Schweizerdeutschen schon. Die sogenannte k-Verschiebung – das kratzige "k" – aber, die oft dem Schweizerdeutschen zugeordnet wird, gibt es aktuell noch auf beiden Rheinseiten. "Das Phänomen wird aber langsam gen Schweiz verdrängt und wird irgendwann vermutlich ein reines Schweizer Merkmal sein", sagt Streck. Gefühlt ist es das für viele deutsche Sprecher schon.

Ein entscheidender Unterschied zwischen Dialektsprechern in Deutschland und solchen in der Schweiz wird aber bestehen bleiben. Deutsche Sprecher befinden sich in einem sogenannten Kontinuum zweier Sprachen. Auf der einen Seite steht die Standardsprache, auf der anderen Seite der Dialekt. Dazwischen gibt es sehr viele Möglichkeiten, sich hin- und herzubewegen, im eigenen Regionaldialekt zum Beispiel. Im Schweizerdeutschen gibt es so eine Möglichkeit nicht, der eigene Dialekt variiert nicht, entweder er wird gesprochen oder nicht.

Neben der Erstellung des digitalen Sprachatlasses konzentriert sich Klausmann in Tübingen auf die Erarbeitung eines Sprachatlasses in Papierform. Seit 2009 tut er das mit einem Forscherteam, erforscht die Dialekte Nord-Baden-Württembergs, um die Lücke zur umfänglichen Erfassung süddeutscher Dialekte zu schliessen. Auf dem digitalen Sprachatlas werden nur die wichtigsten Sprachformen des deutschen Bundeslandes erfasst, die wichtigsten Sprachgebiete abgedeckt. Hilfreich kann so ein Überblick schon sein, "ein Zugang sein zur Sprachforschung für die breite Bevölkerung", sagt Klausmann. Und vielleicht hilft es ja sogar uns, unsere deutschen Nachbarn wieder ein kleines bisschen besser zu verstehen.