• Christian Platz

Kino Union: Nostalgischer Kleinbasler Sehnsuchtsort, von den Zeitläufen verschlungen

Zwei Filme zu einem enorm günstigen Eintrittspreis – und jede Woche wurde das Programm gewechselt. Doch es waren nicht in erster Linie die Filme, die das Kino Union zu einem bemerkenswerten Ort machten. Der Zuschauerraum war ein Schauplatz ganz besonderen Art, ein Ort des Lebens; im Dunkeln.

Im November 1922 wurde das Kino Union eröffnet, im tiefsten Kleinbasel, wie man früher zu sagen pflegte, einem Territorium mit zweifelhaftem Ruf. An der Klybeckstrasse – beinahe Ecke Feldbergstrasse – war dieses schummrig-heimelige Lichtspielhaus beheimatet, das Generationen ebenso schummrig-heimeliges Filmvergnügen beschert hat.

Aus dem Unterbauch der Kinogeschichte

Selten waren es die grossen, gepflegten Filme, die hier über die Leinwand geflimmert sind. Es waren die Streifen aus dem Unterbauch der Kinogeschichte, aus dem Schattenreich der Cinematographie, die das Publikum hier unterhalten haben. Filme, über die die etablierte Filmkritik sowie die Sittenwächterinnen und -wächter dieser Welt die Nase rümpften, was sie für ihr Stammpublikum umso interessanter machten.

Heimliche Perlen

Heute muss man konstatieren, dass gerade in diesem B-Film-Genre viele heimliche Perlen zu finden sind. Zeitgeschichtliche Fundstücke, psychologische Wundertüten, exzentrische Querschläger der Filmgeschichte. Heutzutage muss ich niemand mehr schämen, dieses Trash-Genre zu lieben, dessen Erzeugnisse inzwischen zu grossen Teilen auf DVD, teilweise in wohlfeilen Ausgaben, zu finden sind.

Filmblumen des Bösen

Diese Streifen sind schon seit den späten 1980-er Jahren Gegenstand von Forschungen, Thema von extensiv recherchierten Büchern und fanatischen Fan-Debatten. Es war zunächst eine Underground-Szene, die diese Filmblumen des Bösen wiederentdeckt hat, inzwischen stösst diese Form des Kinos auf breites Interesse.

Bleihaltig

Im Union hat es damals mit bleihaltigen Western und Kriegsfilmen angefangen, in denen mehr Blut geflossen ist, mehr Haut zu sehen war, ein bisschen zynischer und leichtfertiger mit Gewalt umgesprungen wurde, als in den gepflegteren Werken dieser Genres. Zudem waren leichte Komödien angesagt, die praktisch ausschliesslich aus sexuellen Anspielungen und Schenkelklopfern bestanden.

Futter für niedere Instinkte

Später kamen dann Agentenfilme, die auf der James-Bond-Welle ritten, billiger produziert – dafür mit mehr Futter für niedere Instinkte ausgestatte waren. Etwa gleichzeitig schlugen Genres wie Italo Western und Kung Fu-Streifen ein. Und natürlich Horror in allen nur denkbaren Schattierungen; vom Monster aus der schwarzen Lagune, über das Leichenhaus der lebenden Toten, bis hin zum texanischen Kettensägenmassaker – sowie Frauengefängnis-, Russ Meyer-, Science Fiction-, Endzeit- oder Rape-and-Revenge-Zelluloidexzessen.

Haus der schamlosen Schauwerte

Das Kino Union war vom ersten bis zum letzten Tag seiner Existenz ein Haus der schamlosen Schauwerte. Die Doppelprogramme waren meist so gestaltet, dass der erste Streifen eine richtige Billigproduktion war, der zweite eine etwas gehobenere Angelegenheit.

Blaue Bohnen wie Sturmregen

Wobei die Fäuste immer flogen, das Filmblut in Strömen zu fliessen pflegte, die Brüste fröhlich hüpften und die blauen Bohnen wie Sturmregen über die Leinwand prasselten. Abseitiges Vergnügen, ohne einen Hauch von schlechtem Gewissen, aber immer Zeichen jenes kalten Hauchs des Zelluloid-Todes.  

Abenteuer Zuschauerraum

Gleichzeitig war der Zuschauerraum ein abenteuerlicher Ort. Bis in die 1960-er Jahre hinein vornehmlich wegen der sexuellen Aktivitäten, die sich dort abspielten, das Kino verfügte auch über Logen, die dieser Form des Zeitvertreibs sehr entgegenkamen. Zudem war ein Teil des Publikums manchmal selber eher dem rauen Vergnügen zugetan, so gab es immer wieder mal eine Schlägerei – und einmal soll sogar geschossen worden sein.

Solange die Bilder sich bewegten

Mit den 1970er Jahren veränderte sich dies. Das Publikum war nun eine Mischung aus Filmfans, die sich einfach alles reinzogen, solange die Bilder sich bewegten und die Tonspur lief, aus Teenagern, die sich besonders blutige Filme – und die gab es damals wie Sand am Meer, vor allem aus europäischen Produktionsstätten – als Mutproben oder Initiationsrituale anschauten. Sowie immer mehr aus einem Publikum das gerne rauchte, kiffte, soff, während vorne die Unterhaltung gelaufen ist.

Daheim

In diesem Sinne waren Union-Abende die Vorläufer von Videoabenden in der guten Stube. Denn damals hatten die wenigsten Leute ein Videogerät daheim. In den frühen 1980er Jahren verstärkte sich diese Atmosphäre noch, eine ganze Szene – zu der der Autor dieser Zeilen gehörte – zog Woche für Woche an die Klybeckstrasse, essbares, trinkbares, rauchbares wurde ins Union geschleppt, alle kannten sich, fröhliche Sprüche flogen durch den Zuschauerraum. Man war daheim.

ENDE

1988 war der Spass zu Ende. Das Lichtspielhaus rentierte nicht mehr. Und alle hatten nun ein Videogerät zuhause. Für kurze Zeit wurde das Union sodann besetzt, von Vertreterinnen und Vertretern der autonomen Szene, die dort Rockkonzerte, Discos, Partys veranstalteten und frohgemut der Paragastronomie frönten.

Epilog

Für einige Monate war das alte Kino der «place to go» für die wilde Nachtszene. Nach der Räumung stand dann nur noch Tristesse auf dem Programm, ein graues langweiliges Bankgebäude wurde aufgestellt. Noch heute jagt es den alten Union-Fans einen nostalgischen Stich ins Herz, wenn sie an diesem Gebäude vorbeilaufen.  

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