Thomas Schütte: Blockhaus. Bild: Vitra
Thomas Schütte: Blockhaus. Bild: Vitra
  • Jonas Egli

Schief in der Landschaft: Ein Holzhaus für den Vitra Campus

Das Vitra Design Museum hat heute gleich drei neue Kunstobjekte auf ihrem Campus eingeweiht. Darunter ein Blockhaus von Thomas Schütte. Wie kommt ein Designmuseum dazu, sich ein Holzhaus zimmern zu lassen?

Eine kahle Marmorrinne im Gras, durch welche Wasser im Kreis fliesst und ein stählerner Ring, der einen Baum einschliesst. Ronan und Erwan Bouroullec haben sie installiert. Die Möbel der Designer-Brüder befinden sich bereits zahlreich in der Vitra Home-Collection und nun haben sie sich auch auf dem Campus verewigen dürfen. Wenige Meter daneben steht das dritte neue Objekt, ein Werk des Künstlers Thomas Schütte. Das Blockhaus. Es wirkt im Vergleich, als wäre es an die falsche Adresse geliefert worden.

Ring & Ruisseau von Ronan & Erwan Bouroullec, 2018. Bild: Vitra

Theodora Vischer, welche bereits Carsten Höllers Riesenrutsche auf dem Gelände verantwortet, hat für das Projekt vermittelt. Die Kuratorin der Fondation Beyeler organisierte 2014 in Riehen eine Ausstellung mit Thomas Schütte und ist mit seinem Werk bestens vertraut. Sie weiss, dass der Künstler nicht nur figurative Skulpturen formt, sondern auch seit über zwanzig Jahren selten realisierte und oft auch gar nicht realisierbare Modelle baut. Die Mischung aus moderner Husch-Pfusch-Architektur, Therapie und Heilung hätte ihn zum Modellbau angeregt, wie Schütte einmal selbst gesagt haben soll.

Dabei entstehen zum Beispiel auch Ferienhäuser für Terroristen, wo er die Übeltäter einlädt, inmitten eines Tiroler Bergpanoramas nachzudenken. Nicht immer verläuft das Experiment aber so zielgerichtet: «In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass gerade bei den simpelsten Ideen am Ende ganz etwas anderes rauskommt, als man zuerst dachte.» Da steht es also, Thomas Schüttes Blockhaus. Rolf Fehlbaum, früherer Vitra-Direktor und Sohn des Gründerehepaars, hatte das Modell davon in einer Düsseldorfer Galerie 2016 entdeckt. Und wollte es unbedingt auf dem Campus haben. Schütte sagte zu. «Es war die krummste, unmöglichste Holzbricolage», meint der Künstler.

Vischer, Fehlbaum und Schütte vor der neuen Installation, die man einfach lieben muss. Bild: barfi

Das passt ganz gut zu einem Künstler, der sich betont gegen den Egotismus der Kunstwelt abgrenzt. Seine angenehme, oft etwas forsche Zurückhaltung spiegelt sich im Blockhaus wieder. Der aus Oldenburg stammende Bildhauer ist im Kunstzirkus die lebende Versicherung, dass Kunst nicht von Schein, sondern von Tun kommt. Er arbeitet oft mit den Händen, mit Lehm und Holz. «Ein Holzhaus ist ein Dialog zwischen Mensch und Natur, das macht es faszinierend», sagt er zu seinem Bau.

Ein Blockhaus ist also das, wonach sich die Städter sehnen, wenn sie vor zu viel Mensch fliehen wollen. In einem Holzhaus im Wald, da sind wir in der Natur, oder nicht? Dieser Satz klingt so schief wie das Blockhaus selbst, wenn er auf dem eingezäunten Areal eines Möbelherstellers erklingt, der sein Geld damit verdient, die städtischen Rückzugsräume ihrer gut betuchten Klientel mit der besonders industriellen, veredelten Ästhetik von Eames und Panton zu schmücken. Nicht, dass daran etwas falsch wäre, und so ein billig zusammengeschustertes Holzhaus ist es nun auch wieder nicht: 450km nordöstlich von St. Petersburg wuchsen die über hundert Jahre alten Bäume, deren Holz durch das raue Klima dicht und widerstandsfähig genug wuchs, um auch auf dem subtropischen Vitra-Campus zu bestehen. Ein Haus ist eben auch ein Mittel, sich von der Natur abzuschotten.

Der Welt den Rücken zugekehrt. Ein Blockhaus ist für die Einsiedelei da. Bild: Vitra

Die Geometrie des Unterstandes folgt nicht den gewohnten Regeln: Wie ein Pilz wächst es aus dem Boden, ein rechter Winkel ist kaum zu finden, das Dach passt sich in mehreren Abschrägungen an die darunterliegende Unförmigkeit an. Fast wie aus einem Tim Burton-Film oder einem Märchenbuch wirkt der Bau. «Es ist so weit weg von all den anderen Gebäuden hier, dass es wieder Sinn macht,» stellt der Bildhauer fest. 

«Wo liegt denn der Unterschied zwischen einem Haus, das ein Künstler gebaut hat und einem, welches von einem Designer konzipiert wurde?» fragt Fehlbaum direkt. Schütte antwortet in seiner gewohnten Art: «Der Unterschied ist, dass ich nichts muss. Wenn jemand ein Schnitzel bestellt, kann ich ein Steak bringen. Ich serviere eine Idee. Kein Architekt hätte das so bauen dürfen, aber ich, ich muss eben nichts.» Und so steht auf dem Vitra Campus nun ein Holzhaus wie aus einer anderen Welt. In einem Wald wäre es ein schiefes Haus, hier ist es ein Statement. Nicht nur während der Art Basel, sondern das ganze Jahr über lebt das Blockhaus hier als ein kleiner, provokanter und erfrischender Kontrapunkt zu den Gehrys, Andos und Herzog & de Meurons, die es umgeben.

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