Ein Bild aus glücklichen Tagen: Sie liebt ihn und geht für ihn ins Gefängnis, er haut sie öffentlich in die Pfanne.Bild: Screenshot Netflix
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Sie liebt ihn und geht für ihn ins Gefängnis, er haut sie öffentlich in die Pfanne.Bild: Screenshot Netflix
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Sektenguru Bhagwans mächtige rechte Hand Sheela: Weltberühmt in die Versenkung von Maisprach, nun wieder Superstar dank Netflix

Die Bhagwan-Disco am Barfi war in der 80er und 90ern ein Treffpunkt für Nachtschwärmer. Sonst hat der umstrittene, aber weltweit wohl berühmteste Sex-Guru des 20. Jahrhunderts Bhagwan Shree Rajneesh eher wenig Spuren in der Region hinterlassen. Bis sich vor mehr als zwanzig Jahren seine früher enorm einflussreiche Assistentin und Geschäftsführerin ausgerechnet in der Region niederliess. Netflix macht Sheela Birnstiel nun zum zweiten Mal weltberühmt. Grund für barfi.ch diese Tage exklusiv zu sprechen.

Malerische Hügel, viel Himmel, eine Buslinie nach Rheinfelden. Maisprach ist Heimat von 950 Menschen und von Ma Anand Sheela. Oder besser Sheela Birnstiel wie sie die Leute hier kennen. Jahrelang suchte die heute 69-jährige Inderin die Öffentlichkeit. «Ich bin zufrieden und mit mir im Reinen», sagte sie und verschwand mehr und mehr aus dem Rampenlicht. In Maisprach und Waldenburg betrieb sie gemeinsam mit ihrem Schweizer Mann Heime für Behinderte und Betagte. Sie war 1988 in die Schweiz gekommen, um ein ruhigeres Leben zu beginnen. 

«Werde immer eine Krone tragen»

Von der Ruhe hatte Sheela Birnstiel nach dreissig Jahren jetzt offenbar genug. In der Dokuserie des Bezahldienstes Netflix sagt sie bei ihrem ersten Auftritt: «Wenn man eine Krone trägt, muss man mit dem Tod durch die Guillotine leben.» Sie stellt es gleich klar: «Trotz der Guillotine haben sie mich nicht umgebracht, haben sie meinen Geist nicht gebrochen. Egal, wo ich hingehe, ich werde immer eine Krone tragen.» Die Serie «Wild, Wild Country» erzählt die Story der Kommune Rajsneeshpur in den USA. Im Hinterland in Oregon gründeten die Anhänger von Guru Bhagwan Shree Rajneesh 1981 eine Komune und waren kurz davor, nicht nur die lokalen Wahlen zu manipulieren, sondern gleich Rajneesh-Land auszurufen.

In Oregon sprach Bhagwan nicht mehr zu seinem Gefolge. Dafür liess er sich bei Fahrten durchs Gelände im Rolls Royce mit Blumen feiern. Bild: Keystone.

Ihr Leben hat Sheela im Laufe der Jahre immer wieder etwas anders erzählt.Teile davon diese Woche gegenüber barfi.ch. Geblieben ist immer die anrührende Geschichte des jungen Mädchens, der Studentin vom Lande, die sich 1972 unsterblich in den indischen Guru Bhagwan Shree Rajneesh verliebte. Da war das 23-jährige hübsche Landei aus der indischen Stadt Baroda und Chandra Mohan Jain, der mit 41-jährig schon ein vollbärtiger Guru war und sich nach einer Meditation in einer Vollmond-Nacht als «Erleuchteter» beschrieb. Seit den 60er Jahren war Bhagwan damit beschäftigt gewesen, vereinfach gesagt, seine Gefolgschaft in «Lebenserweckungszentren» zu versammeln. Dabei waren weder seine Methoden; etwa erlebte Traumata in Gruppenmeditationen rauszuschreien, noch seine Inhalte, beispielsweise Sex führe zum kosmischen Bewusstsein, unumstritten.

Asthmaprobleme

Der umstrittene Guru, der immer wieder geschickt provozierte, scharte bald eine immer getreuere und internationale Gefolgschaft um sich. Da sein Heim in Bombay für Vorträge und Meditationen langsam zu klein wurde und er das Klima der Millionenstadt wegen seines Asthmas schlecht vertrug, eröffnete er mit dem Geld einer griechischen Millionärin einen ersten Ashram in Poona. Der Ashram wuchs schnell, die orangegekleideten Sannyasins waren äusserst fleissig. Bald verfügte man über eigene Handwerksbetriebe, wie Bäckereien, Töpfereien und sogar eine Theatergesellschaft. In Poona gründete man auch ein eigenes Gesundheitszentrum mit 90 Mitarbeitenden.

1984 nach mehreren Jahren des Schweigens sprach Bhagwan wieder. Er prophezeite zwei Dritteln der Menschen den Tod durch die Geschlechtskrankheit Aids. Bild: Keystone.

Geld und Zulauf von gelangweilten Westlern ohne Ende. Dennoch geriet die Situation in Poona immer mehr ausser Kontrolle, obwohl sich der Meister mittlerweile wieder besserer Gesundheit erfreute. Immer wieder gerieten «dynamische Meditationen» ausser Kontrolle. Und auch bei der sexuellen Befreiung kam es zu schlimmen Komplikationen, wie Vergewaltigungsvorwürfen. Der Guru brachte weiteres Ungemach über sich, als er den indischen Premierminister angriff. Bald wurden Steuerforderungen in Millionenhöhe fällig.

Schweigende Energieübertragungen

Anfangs 1980 nahm der Ärger zu und erneut verschlechterte sich Bhagwans Gesundheit. Dazu löste Sheela allmählich Laxmi als rechte Hand des Meisters ab. Kurzzeitig wurde es etwas stiller in Poona, denn ein erstes Mal verfiel der Meister monatelang in Schweigen. Er bot seinen Jüngern jetzt noch «Energie-Darshans», also schweigende Energie-Übertragungen. Bald nutzte Sheela ihre neugewonnene Macht und kaufte einen unvorstellbar riesigen, stillgelegten Viehbetrieb mit eigenem grossen Tal in den USA. Die früher für Westernfilme benutzte Big Muddy Ranch sollte in eine Oase der Erleuchtung verwandelt werden. 

Aus der Ranch wurde die Stadt Rajneeshpuram. Hunderte von Bhagwan Anhängern begannen fleissig mit dem Aufbau der Kommune. Beinahe über Nacht hatte der neugegründete Ort bereits 5'000 Einwohner, eine eigene Post, eigene Buslinien, ein Einkaufszentrum und einen Flugplatz. Dazu kamen die 93 Rolls Royce-Luxuskarrossen, die der Meister für seine persönliche Beförderung brauchte. 1984 sagte Bhagwan nicht nur den Tod von zwei Dritteln der Weltbevölkerung wegen Aids voraus, sondern Sheela sorgte für Schlagzeilen als sie mit Bussen Obdachlose nach Oregon bringen liess, um die Komunalwahlen in Wasco-County zu gewinnen. Zunehmend verstrickte sich die Führung von Rajneeeshpuram in kriminelle Aktivitäten. 

Den Salat vergiftet

Bis heute hält Sheela Birnstiel ihrem Guru die Treue, wie sie gegenüber barfi.ch beteuert. Immer wieder spricht sie von «Liebe» und von der Weisheit des 1990 verstorbenen Bhagwan. In der Netflix Serie wird Sheela als Hexe dargestellt, die nach und nach die Kontrolle über den Guru und sein Imperium übernimmt. So wird die 35-jährige alleine für den Versuch verantwortlich gemacht, die Einwohner der Nachbarstadt mit Salmonellen vergiftet zu haben. Sie ist schuld daran, dass in Rajsneeshpuram die Sannyasins einen schwer bewaffneten Sicherheitsdienst einrichten und die Telefone abgehört werden. Sie soll sogar eine von Bhagwans zahlreichen Geliebten dazu angestiftet haben, seine Ärzte zu vergiften. Aber auch dieser Versuch schlägt fehl. 

Kommt nicht gut weg in der Netflix-Doku: Ma Anand Sheela. Screenshot Netflix.

Ausgerechnet ein Schweizer Film «The Guru, His Secretary And His Bodyguard» von Sabine Gisiger und Beat Haener aus dem Jahre 2010 zeigt ein differenzierteres Bild. Frei nach Bhagwan selbst: «Ich sage euch nicht die Wahrheit, es gibt keine Wahrheit. Ihr kennt zu viele Wahrheiten». In Amerika hatte der Guru geschwiegen und unter Rückenschmerzen gelitten. Um die Schmerzen auszuhalten, benutzte der mittlerweile 54-jährige immer mehr Lachgas und Valium. So sagt er in einer Szene völlig high: «Sheela will mir ein Flugzeug kaufen. Aber ich brauche kein Flugzeug. Ich fliege schon.» 

Für Bhagwan in den Knast

Für den Meister ging Sheela schliesslich 39 Monate ins Gefängnis. An einer Pressekonferenz in den USA haute Bhagwan seine Sekretärin und einstige Geliebte in die Pfanne. Er redete inzwischen wieder. Und was er da redete: Er habe von ihren Machenschaften nichts gewusst, sie sei «gefährlich, machthungrig und bösartig.» Unterdessen war Bhagwan ebenfalls angeklagt und entkam der amerikanischen Justiz nur knapp. Der Meister kehrte nach Irrflügen um die Welt – die Einreise wurde im überall verweigert – nach Poona zurück und gründete dort einen Luxusashram, der noch heute ein Meditationszentrum ist. Bis heute bestreitet Sheela, die Menschen des Nachbarortes mit Salat vergiftet zu haben. Gebüsst hat sie für die Tat dennoch. Obwohl sie mehr als drei Jahre im Gefängnis absass, bereut die 70-jährige nichts. 

In der Schweiz betreibt sie seit mehr als zwanzig Jahren zwei Alten- und Behindertenheime in Waldenburg und Maisprach. Es ist lange um sie ruhig geblieben. Mit Netflix kommt Ma Anand Sheela jetzt wieder zu Weltruhm. Und mit der Ruhe ist es wohl eine Weile lang vorbei.

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