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Video-Telefonie für Gehörlose gehört neu zu Grundversorgung

Dank eines Video-Dolmetscherdienstes in Gebärdensprache können Gehörlose alltägliche Dinge leichter erledigen. Seit diesem Jahr gehört der Telefondienst zur Grundversorgung der Fernmeldedienste. Dadurch werden die Finanzierung sichergestellt und die Verfügbarkeit für die Gehörlosen erhöht.

Gehörlose können nicht einfach zum Telefonhörer greifen und einen Arzt-Termin vereinbaren. Sie müssen dafür zum Beispiel über einen Gebärden-Dolmetscher gehen. Seit dreissig Jahren bietet etwa die Stiftung für Kommunikationshilfe für Hörgeschädigte (Procom) einen Text-Vermittlungsservice an.

Bei diesem System schreibt eine Gehörlose auf einem Schreibtelefon auf, was sie sagen will. Die Vermittlerin liest dies dem Hörenden anschliessend vor - und umkehrt. Seit fünf Jahren bietet Procom in einem Pilotprojekt auch eine Video-Vermittlung an.

Dabei ruft eine gehörlose Person via Video-Telefon eine Dolmetscherin an. Diese übersetzt die im Video via Gebärdensprache mitgeteilte Information in die normale Sprache für den Hörer am anderen Ende der Leitung.

Dieses Angebot wurden mit der Revision der Verordnung über die Fernmeldedienste per Januar 2018 neu in den Grundversorgungsauftrag von Fernmeldediensten aufgenommen. Damit wurde auch die Verfügbarkeit geregelt und massiv erhöht: Der Video-Dienst ist werktags von acht bis 21 Uhr sowie am Wochenende und an den Feiertagen von zehn bis 18 Uhr verfügbar.

Gehörlose werden unabhängiger

Der Schweizerische Gehörlosenverbund ist glücklich über die Änderungen. Sie würden die Gehörlosen unabhängiger machen, sagt Sprecherin Sandrine Burger auf Anfrage. Mit der Video-Telefonie seien viele alltägliche Dinge einfacher. Die rund 10'000 gehörlosen Personen in der Schweiz hätten damit zudem einen einfacheren Zugang zum Arbeitsmarkt und würden besser in die Gesellschaft integriert.

Erfreut ist auch der Geschäftsleiter der Stiftung Procom, die das System bislang angeboten hat. Dass die Vermittlung für Gehörlose ins Gesetz aufgenommen worden ist, ermögliche endlich eine nachhaltige Entwicklung, sagt Pascal Péquignot.

Er spricht von einem grossen Erfolg. Dank der Simultanübersetzung könnten gehörlose Menschen besser ein Gespräch führen, weil sie sich präziser und mit mehr Emotionen ausdrücken könnten, sagte Péquignot.

Sieben Mal schneller per Video

Doch dies ist nicht der einzige Vorteil: Das Video-Telefongespräch in Gebärdensprache sei ungefähr sieben Mal schneller als der schriftliche Weg, sagt Péquignot. Es gibt kaum Wartezeiten und damit auch keine abgehackten Gespräche mehr.

Die Ausweitung der Video-Telefonie nutzt Procom, um ein anderes System voranzutreiben, das in anderen Ländern bereits verwendet wird. Es verbindet die beiden Kommunikationsmöglichkeiten via Text und Video. Damit werden Gehörlose via Applikation mit dem Smartphone telefonieren können. Dies wiederum wird es ihnen erlauben, eine eigene Telefonnummer zu bekommen, auf welche sie von Hörenden angerufen werden können, wie Péquignot erklärt.

Es soll auch möglich werden, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter der gehörlosen Person zu hinterlassen. Die Nachricht soll in Gebärdensprache übersetzt und dies gefilmt werden. Das Video wird anschliessend in der Applikation des Gehörlosen angezeigt, so dass dieser die Nachricht auf dem Anrufbeantworter verstehen kann.