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Wetterprognosen: Geschäft mit Aufwind

Jedes Wetter ist gut - man muss sich nur passend anziehen. Was für die Kleidung gilt, machen sich auch Unternehmen zu Nutze. Mit präzisen Wetterprognosen versuchen sie, das Verhalten ihrer Kunden vorauszusehen. Genügend Grillwürste in den Regalen oder Regenschirme vor der Kasse sind darum keine Zufälligkeiten.

Wenn an einem sonnigen Spätnachmittag das Glace-Regal im Laden noch nicht leer und das Bier noch nicht alle ist, dann ist das selten Zufall. Der Händler hat präzis kalkuliert. 65 Prozent aller Produkte im Detailhandel sind wetterabhängig. Händler lassen sich darum geografisch gezielte und detaillierte Wetterprognosen erstellen, damit die Ware rechtzeitig zum passenden Wetter parat steht.

"Das Wetter spielt eine sehr wichtige Rolle", sagt Kevin Zimmerli, Marketingleiter des Einkaufszentrums Shoppi Tivoli in Spreitenbach. An einem sonnigen Samstag etwa verzeichnet das grösste Einkaufszentrum der Schweiz bis zu 20 Prozent weniger Besucher. Das lässt sich zwar nicht ändern, aber zumindest auf der Kostenseite optimieren - dank einer eigenen Wetterstation.

Stehen die Zeichen auf Hitze, organisieren Shops und Restaurants bereits im Vorfeld weniger Personal und stornieren gebuchte Werbung. Umgekehrt wird vor Schlechtwetter-Tagen beispielsweise mehr Reinigungspersonal aufgeboten.

Wetter ist Geld

Der Detailhandel ist nur eine der wetterabhängigen Branchen. Experten sprechen von 80 Prozent der Unternehmen, die eigentlich vom Wetter profitieren könnten, würden sie dessen Kapriolen genau voraussagen.

Eine Studie von Eco Concept schätzt alleine für die Branchen Energie und Verkehr in der Schweiz den wirtschaftlichen Nutzen von Wetterinformationen auf 100 Millionen Franken. Nutzen meint nicht nur höhere Erträge, sondern eben auch auch tiefere Kosten.

Augenfällig ist die Relevanz etwa im Tourismus. Eine Studie des Marktforschungsinstituts GfK zeigt, dass sich mehr als die Hälfte aller Tagesausflügler vom Wetter beeinflussen lassen. Dabei entscheiden sie sich am Vorabend. Für Kurztrips stützt sich mehr als die Hälfte der Reisenden auf Prognosen, welche zwei bis vier Tage im Vorfeld gemacht werden.

Die Bergbahnen Graubünden haben darum ein Wetterportal kreiert, auf dem man nicht nur nach Ort, sondern auch nach Wetter suchen kann. "Irgendwo in den 150 Täler Graubündens ist es immer schön", sagt Reto Küng, ehemaliger Projektleiter von Wetter Graubünden.

Über die Internetseite sollen Gäste den Weg zum passenden Wetter finden. "Wir kämpfen um die 50 Prozent, die punkto Tagesausflüge flexibel sind und bei unsicheren Prognosen eher ins Hallenbad oder Einkaufszentrum gehen", sagt Küng. Auf Wetter Graubünden soll man den Weg zur Sonne finden.

Geht der Kunde trotzdem ins Einkaufszentrum, dann findet er dort alles, was man bei Regen braucht. Auch genügend Parkplätze und Kadetten, welche den Weg weisen, denn diese hat die Zentrumsleitung dank präzisen Wetterprognosen bereits Tage zuvor aufgeboten.

Massgeschneiderte Prognosen

Das Shoppi Tivoli arbeitet für seine eigene Wetterprognosen mit der Meteogroup zusammen. Zur Gruppe mit Sitz in Schweden gehört auch die frühere Meteomedia, welche Jörg Kachelmann 2013 verkaufte. Die Gruppe erhebt für sich den Anspruch, das grösste Privatunternehmen Europas zu sein, welches massgeschneiderte Wetterprognosen anbietet.

Gute Abnehmer sind beispielsweise Verwaltungen, welche die Winterdienste organisieren. "Wir berechnen nicht nur Wetter, sondern beziehen das Verhalten der Strassen mit ein", sagt Joachim Schug, Chef des Schweizer Geschäfts bei der Meteogroup. Er schwärmt von den präzisen Prognosen, welche sich aus Daten ziehen lassen. "Das sind weit mehr als seichte Aussagen wie etwa etwas Sonne, Regen und Wolken", sagt er.

Die meisten Städte in der Deutschschweiz verlassen sich für ihre Winterdienste auf die Prognosen von Schug und seinen sechs Meteorologen. Auch die Verhältnisse auf den Deutschschweizer Autobahnen sagen sie regelmässig voraus.

Konkurrenz im Frösche-Teich

Nebst der Meteogroup kämpfen knapp ein Dutzend Unternehmen um den Prognose-Markt. Sie erwirtschaften zusammen etwa 12 Millionen Franken Umsatz und beschäftigen 80 Mitarbeiter. Zu den bekannteren Unternehmen gehört MeteoNews. Peter Wick und sein Team beliefern vor allem Medien mit Wetterprognosen.

Direkter Konkurrent ist einerseits die Wetterredaktion Meteo von SRF, zugleich aber auch der Rest der Branche. "Alleine von Wetterprognosen, die sich an Privatpersonen richten, könnte man nicht leben", sagt Reto Vögeli, der bei MeteoNews das Büro Zürich leitet.

Gratis-Angebote und kostenlose Apps stellen die Profis hier in den Schatten. Doch nicht bei der Qualität, sagen alle Meteorologen. Im Konkurrenzkampf geht es auch um Prestige. Und Prestige gewinnen Meteorologen über präzise Unwetterwarnungen. Sie gelten als Königsdisziplin der Branche.

Gegenspieler und zugleich Partner der privaten Wetterfrösche ist MeteoSchweiz, der staatliche Wetterdienst mit 350 Mitarbeitern an sechs Standorten und einem Umsatz von rund 100 Millionen Franken.

Gemäss Bettina Durrer, Leiterin Planung und Kundenbeziehungen, hat MeteoSchweiz, die Tätigkeit in den letzten Jahren aber verlagert. Nur noch ein kleiner Teil des Umsatzes - etwa eine Million Franken - werde mit kommerziellen Leistungen erwirtschaftet. Wichtiger ist für MeteoSchweiz das Geschäft mit Informationen, welche sicherheitsrelevante Gebiete betreffen, etwa Flugsicherung und Bevölkerungsschutz.

Die Konkurrenzsituation habe sich darum etwas entschärft, sagt Durrer. Das heisst jedoch für Anbieter noch lange nicht sturmfreie Zeiten. Mit wachsender Automatisierung werden Modelle immer besser. "Ein Computer kann 24 Stunden präzis rechnen. Das kann ein Meteorologe nicht. Man muss sich darum anpassen an neue, ergänzende Aufgaben", sagt Vögeli. Doch er ist optimistisch, denn das Gute am Wetter: Es bleibt zwar unbeständig, aber vorhanden.