An der Feldbergstrasse ist die Stickstoffdioxid-Belastung besonders hoch.
An der Feldbergstrasse ist die Stickstoffdioxid-Belastung besonders hoch.
  • Binci Heeb
  • Aktualisiert am

In Deutschland drohen Dieselfahrverbote: kaufen Basler jetzt nur noch Benziner?

Diesel-Motoren sind in der Kritik – und das ausgerechnet wegen des Stoffs, der eigentlich die Abgasbelastung reduzieren sollte. Während und weil deutsche Städte einige dieser Motoren kurzerhand auf ihren Strassen verbieten, steigt die Unsicherheit bei Basler Dieselkäufern.

Vor nicht allzu langer Zeit war der Diesel-Motor der Heilsbringer unter den Fahrzeugantrieben. Sparsam soll er sein und generell auch schadstoffarm. Dann aber kam der Abgas-Skandal bei VW und in zahlreichen Tests wurde bewiesen: Viele Diesel-Autos pusten wesentlich mehr schädliche Stickstoffoxide in die Atmosphäre, als erlaubt ist.

Und diese Stickstoffoxide sind in der Tat ein Problem bei Dieselmotoren: Europaweit darf die jährliche Belastung 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft und Fahrzeug im Flottenschnitt nicht übersteigen. Das veranlasste den Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) im vergangenen September ein generelles Verbot für neue Dieselfahrzeuge zu fordern. Die Forderung scheiterte in unserem Land, aber in Deutschland wollen mehrere grosse Städte solche Autos, teilweise egal wann zugelassen, gleich gänzlich von den Strassen nehmen.

Deutschland will handeln, die Schweiz beobachtet

Nachdem das Düsseldorfer Verwaltungsgericht bereits im vergangenen Herbst Fahrverbote für Dieselfahrzeuge absegnete, plant Stuttgart im kommenden Jahr als erste deutsche Stadt ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge, welche die aktuell strengste Abgasnorm «Euro 6» nicht erfüllen. Ausgerechnet Stuttgart, wo sowohl Mercedes Benz wie Porsche ihren Hauptsitz haben.

An Lösungen, wie der Euro-5-Diesel nachgerüstet werden kann, um weniger Stickoxide auszustossen, wird längst gearbeitet. Ob dies ausschliesslich mittels Softwareupdate gelingen wird, bleibt noch abzuwarten. Obwohl es die Industrie sicher billiger käme, ist noch nicht sicher, ob nicht zusätzlich die Motoren umgerüstet werden müssen. So oder so, sicher ist lediglich ein Anstieg des Kraftstoffverbrauchs.

In der Schweiz ist der Anteil von Dieselfahrzeugen gegenüber den Benzinern und damit die Belastung zwar geringer als beim Nachbarn, aber in grösseren Städten und entlang viel befahrener Strassen sind Überschreitungen der Grenzwerte sehr wohl messbar: Der Jahresmittelwert beim Stickstoffoxid lag in der Schweiz im Jahre 2015 zwischen 11 und 53 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Basler kaufen immer noch gerne Diesel

Beispielhaft bei der Erhebung werden durch das Lufthygieneamt beider Basel (Jahresbereicht 2015) die Basler Feldbergstrasse und die A2 beim Hardwald aufgeführt. Dort ist eine übermässige Belastung die Regel, Tagesgrenzwerte von 80 Mikrogramm pro Kubikmeter werden wiederholt überschritten.

Aus dem Jahresbericht 2015 des Lufthygieneamtes beider Basel.

Die Baselbieter Firma Kestenholz AG, führender Händler der Region von Mercedes Benz, verkauft jährlich rund 700 Benziner und 480 Dieselfahrzeuge, dazu kommen 30 Elektro- oder Hybridfahrzeuge. Mit 39 Prozent ist der Anteil an Autos mit Dieselbetrieb relativ hoch. Bisher stellte die Firma noch keinen Rückgang bei Bestellungen von Dieselfahrzeugen fest: «Bei unserer Marke gibt es immer noch Modelle, wo sich der Dieselmotor kultivierter anfühlt und effizienter ist, als gewisse Fahrzeuge mit Benzinantrieb», sagt Jürg Thommen, Premium Service Manager bei der Kestenholz AG, auf Anfrage.

Autohändler: «Verbote verlagern das Problem nur.»

Bei der ASAG Basel, Vertreterin der Marken Audi SEAT, Škoda und Opel, wurden im vergangenen Jahr 41 Prozent der Fahrzeuge – genaue Verkaufszahlen werden nicht veröffentlicht – mit Dieselbetrieb verkauft. 58 Prozent waren Benziner und 1 Prozent Elektro- oder Hybridfahrzeuge. Im Gegensatz zum Mitbewerber Kestenholz musste hier ein Rückgang bei den Dieselverkäufen verzeichnet werden: «Jedoch auf geringem Niveau.»

Das Thema «Fahrverbot» würde jedoch auch hier bei den Kunden heftig diskutiert, verbreite sogar Ängste, wie es die Firma selber ausdrückt. Beide Firmen betonen allerdings, dass ein wie in Deutschland geplantes Fahrverbot das Problem nur verlagern würde, ohne eine echte Verbesserung zu erzielen. Wenn es ein Fahrverbot geben würde, gelte es von Behördenseite erst mal abzuwarten, ob eine Umrüstung auf «Euro 6+» überhaupt technisch machbar sei.

Schweiz war Vorreiterin bei Katalysatoren

Als erstes Land Europas schrieb die Schweiz 1986 für alle Personenwagen Katalysatoren vor. Deutschland folgte 1989. Diese Drei-Wege-Katalysatoren funktionieren allerdings nur in Benzinmotoren, nicht aber bei Dieselfahrzeugen. Abhilfe wurde in Form von Dieselpartikelfiltern gefunden, die den Russ entfernen sollen. Die Krux der Geschichte: Für die Entfernung dieses Ausstosses wurde bislang just jenes Stickoxid genutzt, das die Luftwerte belastet. Eigentlich unvorstellbar, doch stossen ausgerechnet Dieselmotoren die der strengen Euro-5-Norm entsprechen, sogar mehr Stickoxid aus als ihre «schmutzigen» Vorgänger.

Deutschland reagiert also nun mit Verboten und Vorschriften, während die Schweiz zurückhaltend bleibt. Doch gilt dies natürlich nur im eigenen Land: Seit Längerem dürfen Städte wie Freiburg, Berlin oder Leipzig nur noch mit einer speziellen grünen Plakette befahren werden. Weil die Umweltbelastung noch immer nicht merklich gesenkt werden konnte, wird 2018 wohl noch die «blaue Plakette» hinzukommen. Im Klartext: nur Dieselfahrzeuge, die den Standard «Euro 6» erfüllen werden noch in einigen deutschen Städten fahren dürfen – und das gilt auch für Fahrzeuge, die ein Schweizer Kennzeichen tragen. 

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